„Was machen Sie da“, fragte der kleine Prinz. „Ich bin Geograph“, sagte der alte Herr. „Was ist das, ein Geograph?“ „Das ist ein Gelehrter, der weiß, wo sich die Meere, die Ströme, die Städte, die Berge und die Wüsten befinden.“ „Das ist sehr interessant“, sagte der kleine Prinz. „Endlich ein richtiger Beruf!“ (aus: Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry, 15. Kapitel).
Die Aufgabe der Geographie wird heute natürlich anders beschrieben. Sie erfasst räumliche Systeme auf der Erde, ordnet sie und analysiert sie hinsichtlich ihrer Entstehung und Funktion. Ein Teilbereich der Geographie ist die Physische Geographie, das heißt die Naturgeographie. Sie bezieht sich auf Untersuchungen von Gestein, Relief, Boden, Wasser, Klima, Pflanzen- und Tierwelt und die wechselseitigen Zusammenhänge. Man kann auch sagen, die Physische Geografie ist die Geowissenschaft, die sich mit den Phänomenen der Erdoberfläche, ihrer Entstehung und Entwicklung befasst.
Die Humangeographie sieht den Menschen als Geofaktor. Zu ihr zählen die Kultur-, Bevölkerungs-, Siedlungs-, Agrar-, Wirtschafts-, Sozial-, Forst- und Historische Geographie. Des Weiteren gibt es die Regionale Geographie, die so genannte Länderkunde („Stadt, Land, Fluss“) und die Didaktik der Geographie. Durch ihre zahlreichen Teildisziplinen stellt die Geographie ein Bindeglied zwischen Gesellschafts- und Naturwissenschaften dar.
Geschichte der Geographie
Die Entwicklung der Geographie als Wissenschaft erfolgte über das Zeichnen von Karten. Bis heute sind Karten wichtiges Ausdrucksmittel der Geographen. Im Weltbild von Ptolomäus (90-165 n. Chr.) steht die Erde im Mittelpunkt des Universums. Es ist während des gesamten Mittelalters gültig. Es folgen die Berichte arabischer Geographen und von europäischen Händlern wie Marco Polo (1254-1324). Im 15. und 16. Jahrhundert kommen neue Wissenschaften auf. Eine andere Art des Denkens setzt ein. Das alte Weltbild verändert sich zugunsten des heute gültigen: Nikolaus Kopernikus (1473-1543) behauptet, die Sonne müsse im Mittelpunkt des Universums stehen. Forschungsreisende - Geographen, gleichzeitig auch Universalgelehrte - entdeckten die Welt und lieferten detaillierte Reisebeschreibungen. Kolumbus segelt 1492 nach Westen und findet Amerika. Alexander von Humboldt, der wohl berühmteste Geograph überhaupt, besteigt 1802 den Chimborazo bis auf eine Höhe von 5920 Metern. Die Gebrüder Schlagintweit bereisen 1854-1857 den Himalaya und das Kunlun-Gebirge im Karakorum. Sven Hedin hält sich um 1900 in Tibet auf.
Geographische Forschungen fanden natürlich nicht nur während langer Reisen, sondern auch in kürzeren Unternehmungen statt. Zum Beispiel wurden Luftdruck- und Höhenmessungen an der Zugspitze durchgeführt, Karstquellen in Istrien untersucht, die Gletscherbewegungen in der Schweiz gemessen oder Eiszeitforschungen im Norden oder Süden Deutschlands betrieben - wo kamen wohl die riesigen Findlinge her?
Studiengang Geographie
Geographie kann man an allen deutschen Universitäten studieren. Teilweise ist ein Studienbeginn nur im Wintersemester möglich. Abschluss des achtsemestrigen Studiums bildet das Staatsexamen, das Diplom oder die Magisterprüfung (Magister Artium; bei Fächerkombinationen, die für Staatsexamen oder Diplom nicht zugelassen sind). Exkursionen und Praktika müssen absolviert werden. Englische und andere Fremdsprachenkenntnisse sind wünschenswert. Für die Wahl des Studiengangs Physische Geographie sollten fundierte Kenntnisse in Physik und Chemie vorhanden sein.
Die Beschreibung des Berufes im „Kleinen Prinzen“ trifft das heutige Berufsbild eines Geographen nur unzureichend. Humangeographen sind heute als Raumplaner, Kommunalwissenschaftler, Landesentwickler (z. B. für Öffentlichen Nahverkehr, Entsorgungs- und Versorgungsprobleme), Umweltschützer, Landschaftspfleger oder Stadt- oder Regionalforscher in kommunalen und staatlichen Behörden tätig. Durch viele Anwendungsmöglichkeiten Geographischer Informationssysteme (GIS) ergeben sich zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. Weiterhin finden sich Anstellungen in der Tourismusbranche, zum Beispiel als Reiseleiter, im kartographischen-geographischen Verlagswesen oder als Redakteur bei Zeitungen. Selbst bei Versicherungen arbeiten heute Geographen. Physische Geographen arbeiten häufig im Umweltbereich (z. B. Altlastensanierung, Abfallwirtschaft) oder als Angestellte geologischer Landesämter im Bereich GIS und Bodenkunde.
Dr. Gotlind Blechschmidt/Lesestein.de



