Gertrude Bell – die Königin der Wüste
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Gertrude Bell – die Königin der Wüste

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

Als Gertrude Bell 1868 in England geboren wurde, war die Rolle einer Frau noch ziemlich klar umrissen: Sie hatte zu heiraten und für die Familie zu sorgen, höhere Bildung war nicht unbedingt erforderlich und Abenteuer waren schon gar nicht vorgesehen. Doch für Gertrude Bell kam es anders: Sie durchbrach die engen viktorianischen Konventionen – und das gründlich.

Als Gertrude Bell 1868 in England geboren wurde, war die Rolle einer Frau noch ziemlich klar umrissen: Sie hatte zu heiraten und für die Familie zu sorgen, höhere Bildung war nicht unbedingt erforderlich und Abenteuer waren schon gar nicht vorgesehen. Doch für Gertrude Bell kam es anders: Sie durchbrach die engen viktorianischen Konventionen – und das gründlich.

Es beginnt schon mit ihrer Bildung: Damals ist es in wohlhabenden Kreisen üblich, Mädchen zuhause unterrichten zu lassen. Doch sowohl der Vater Gertrudes, ein Industrieller, als auch ihre Stiefmutter, die Schriftstellerin Florence Ollife, sind fortschrittlich eingestellt und schicken das wissbegierige Mädchen auf das Londoner Queens College – für damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Später ermöglichen sie der jungen Gertrude ein Studium an der renommierten Universität von Oxford. Dieses schließt sie als mit einem erstklassigen Abschluss in moderner Geschichte ab – als erste Frau überhaupt.

Die Entdeckung des Orients

Das aber ist Bell nicht genug: Sie bringt sich selbst Persisch bei und reist 1892 nach Teheran in Persien, wo ihr Onkel britischer Botschafter ist. Ursprünglich als kurzes Abenteuer geplant, entdeckt Gertrude Bell dabei ihre Passion: die Erkundung fremder Gegenden, die Archäologie und vor allem die Natur und Kultur des Nahen und Mittleren Ostens.

"Ich habe nie gewusst, was eine Wüste ist, bis ich hierher kam", beschreibt sie ihre ersten Eindrücke in Persien. "Es ist etwas ganz Wunderbares! Und plötzlich, aus dem Nichts, aus einem bisschen kalten Wasser bricht ein Garten hervor. Und was für ein Garten! Bäume, Brunnen, Becken, Rosen und ein Haus darin. Häuser, wie in unseren Kindermärchen!"

Unglückliche Liebe

In Teheran verliebt sich Gertrude in den britischen Diplomaten Henry Cadogan, der diese Liebe erwidert. Doch ihnen ist kein Glück beschwert: Zunächst verweigern ihre Eltern ihre Zustimmung zu dieser Ehe, weil sie herausfinden, dass Cadogan ein Spieler ist. Gertrude muss daher nach sechs Monaten Persien ohne ihren Geliebten verlassen. Es kommt noch schlimmer: Ein Vierteljahr später bekommt Gertrude die Nachricht, dass Cadogan tot ist.

Durch diesen Verlust zutiefst getroffen, stürzt sich Gertrude Bell nun wieder in ihre Passion für Abenteuer: Sie entdeckt das Bergsteigen für sich und bezwingt als erster Mensch alle Gipfel des Engelhörner Massivs in den Schweizer Alpen. In der Zeit bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs unternimmt sie zudem zwei Weltreisen.

Allein in der Wüste

Vor allem aber erkundet sie weiter ihren geliebten Orient: Sie lernt Arabisch, bringt sich selbst Archäologie bei und unternimmt mehrere ausgedehnte Reisen in den Nahen Osten, wo sie bis in Regionen vordringt, die vor ihr kaum ein Europäer und erst recht keine Frau erreicht hatte. Obwohl sie als Frau allein unter Beduinen, Drusen und anderen arabischen Stämmen unterwegs ist, erwirbt sich Gertrude Bell ihren Respekt. Sie wird eher als Mann behandelt und ehrerbietig als "Khatun" bezeichnet – "hohe Dame".

Schon bald ist Gertrude Bell in der gesamten Region bekannt und genießt den Respekt und Schutz der Stammesfürsten. Dies nimmt die britische Regierung 1914 zum Anlass, Bell als Geheimagentin anzuwerben – wie ihren Zeitgenossen Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien. Das Ziel der Briten: Sie wollen die arabischen Stämme in der Region Mesopotamien einen und gegen den gemeinsamen Feind stärken, die mit Deutschland verbündeten Osmanen. Als Anreiz soll Arabien eine weitgehende Unabhängigkeit von Großbritannien erhalten.

Agentin seiner Majestät

Doch die arabischen Stämme auf dem Gebiet des heutigen Irak sind eine bunte Mischung ganz unterschiedlicher religiöser Richtungen und Herkunft – und teilweise zu keinerlei Verhandlungen mit den Briten bereit. Hinzu kommt, dass vor allem Politiker in der damals noch britischen Kolonie Indien strikt gegen eine arabische Unabhängigkeit sind.

Hier kommt Gertrude Bell ins Spiel: An Bord eines Truppentransporters reist sie nach Indien, um mit dem indischen Vizekönig Charles Hardinge zu verhandeln. 1916 begibt sich Bell dann nach Basra im heutigen Irak und berät dort als Landeskundige die britischen Truppen im Kampf gegen die Osmanen. Nachdem die Briten Bagdad eingenommen haben, folgte Bell ihnen. Sie ist mittlerweile in den Rang eines Majors erhoben und hat eine Schlüsselposition im Geheimdienst dieser Region inne. Die Stadt Bagdad wird bis zu ihrem Tode im Jahr 1926 ihre Heimat bleiben.

Die Geburt des Irak

Nach Ende des Krieges wird die Region Mesopotamien unter das britische Mandat gestellt. Weil Gertrude Bell auch bei den Einheimischen als anerkannte Expertin für die Region gilt, trägt sie entscheidend dazu bei, einem neuen Staat in diesem Gebiet Form zu geben – dem Irak. "Ich hatte einen guten Morgen im Büro, wo ich damit beschäftigt war, die südliche Wüstengrenze des Irak herauszufinden", schreibt Bell Ende 1920 in einem Brief an ihren Vater.

Auch bei der Wahl des Haschemiten Faisal ibn Hussein zum ersten König des Irak im Jahr 1921 und der Gründung des Königreichs Irak spielt Bell eine wichtige Rolle. Später schreibt sie: "Ich werde mich nie wieder daran beteiligen, einen König zu machen – es ist einfach zu anstrengend." Nachdem ihr Chef und Förderer Percy Cox 1923 aus dem Mittleren Osten abgezogen wurde, verlässt auch Gertrude Bell die Politik und widmet sich nun primär der Archäologie. In Bagdad gründet sie das bis heute existierende Archäologische Museum. Am 12. Juli 1926 stirbt Bell relativ plötzlich mit 58 Jahren und wird in ihrer Wahlheimat Bagdad begraben.

"Königin der Wüste" - der Film

Am 3. September 2015 kommt der Film "Königin der Wüste" in die deutschen Kinos. In ihm setzt Regie-Legende Werner Herzog Gertrude Bell ein Denkmal. Mit spektakulären Landschaftsaufnahmen, einem bildmalerischen Soundtrack und seinem ganz ureigenen Rhythmus für Drama und Gefühl erzählt Herzog die faszinierende Lebensgeschichte der Frau, die als "weiblicher Lawrence von Arabien" Historie schrieb.

Stark und sensibel zugleich verkörpert Leinwand-Ikone Nicole Kidman die einzigartige Gertrude Bell. An ihrer Seite spielen Hollywood-Multitalent James Franco, Robert Pattinson sowie Damian Lewis.

In den vergangenen Jahren für seine wegweisenden Dokumentarfilme ausgezeichnet kehrt Werner Herzog mit "Königin der Wüste" nun zu seinen epischen Wurzeln zurück. Er erschafft mit diesem Film ein bewegendes Abenteuer- und Liebesdrama über eine der außergewöhnlichsten Frauen der Weltgeschichte und gleichzeitig ein kraftvolles Plädoyer für die Schönheit des Nahen Ostens.

Filmtrailer zu "Königin der Wüste":

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