Kein Skorpion – eine Gruppe
Natürlich war es die Leidenschaft für Literatur, die Hans Werner Richter – Buchhändler, Literat und ehemaliges KPD-Mitglied – im Sommer 1947 bewogen hatte, mehrere Schriftsteller zu einem gemeinsamen Treffen zu animieren. Doch eine Rolle spielte auch seine Entlassung als Herausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift „Der Ruf“ durch die US-amerikanische Besatzungsmacht. Denn die Autoren, die von Richter an den Bannwaldsee im Allgäu eingeladen wurden, hatten alle für die Zeitschrift geschrieben. Und um die Gründung einer Gruppe ging es Richter zunächst auch nicht, sondern vielmehr um die Entwicklung einer neuen Zeitschrift mit dem Namen „Der Skorpion“. Als allerdings Anfang September 1947 neben Richter Alfred Andersch, Günter Eich, Wolfdietrich Schnurre und zwölf weitere Autoren zusammentrafen, und man sich gegenseitig aus den Manuskripten vorlas und Richter nach jeder Lesung zur Kritik aufrief, war bald klar: Hier hatte sich eine literarische Gruppe gefunden.
„Bitte zur Kritik!“
War es anfangs noch Hans Werner Richters „Freundeskreis“, der zu den Tagungen eingeladen wurde, stießen Anfang der Fünfziger Jahre zahlreiche jüngere Autoren hinzu, darunter waren Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Paul Celan, Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger. Der Ablauf der Tagungen war immer der gleiche: Zunächst las ein Autor oder eine Autorin aus einem eigenen, noch unveröffentlichten Werk. Dann hieß es „Bitte zur Kritik!“ Verlangt war eine spontane, offene und schonungslose Analyse. Verboten: Grundsatzdiskussionen über Literatur. In den Fünfziger Jahren entwickelte sich aus den Teilnehmern eine Kritiker-Riege heraus. Zu ihnen gehörten Hans Mayer, Walter Höllerer, Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki.
Der Durchbruch der Nobelpreisträger
1950 vergab die Gruppe erstmals einen Literaturpreis, der bald zum begehrtesten der Bundesrepublik wurde. Vergeben wurde er in unregelmäßigen Abständen und bis 1967 insgesamt zehn Mal. Erster Preisträger war Günter Eich, ihm folgten Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Peter Bichsel und andere. Günter Grass las vor der Gruppe erstmals aus seiner „Blechtrommel“ und Heinrich Böll „Billard um halb zehn“. Zahlreiche Autoren erlebten durch die Resonanz auf ihre Lesungen den literarischen Durchbruch, dazu gehörten Ingeborg Bachmann und Martin Walser und die späteren Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass.
Der Literaturbetrieb schlägt durch
Ende der Fünfziger Jahre kamen immer mehr junge Autoren und auch Verleger und Lektoren zu den Tagungen. Journalisten berichteten von den Lesungen, die Kameras liefen mit. „Die Tagungen wurden zur Literaturbörse und die Kritik gerät zum Vorlektorat für Verleger“, erinnert sich Heinz Ludwig Arnold, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Text und Kritik“. Das Urteil der Kritiker wurde immer wichtiger. Die Autoren knüpften wichtige Kontakte zu Verlagen, Zeitschriften- und Hörspielredaktionen.
1960 nahmen bereits rund 200 Teilnehmer teil. Auch jenseits des Literaturbetriebs wurden die Tagungen nun wahr genommen. In den 1960er Jahren wurden die Lesungen und Diskussionen immer politischer und publikumswirksamer. Das letzte Treffen der Gruppe fand 1967 in der „Pulvermühle“ im oberfränkischen Waischfeld statt. 1968 wollte man noch einmal in Prag tagen. Doch der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts verhinderte ein Treffen. 1977 kam es zu einer weiteren Tagung. Da war die Gruppe allerdings bereits am Ende. Hans Werner Richter verschickte fortan keine Einladungskarten mehr. Das Phänomen Gruppe 47 aber, das Günter Grass einmal als „deutsches Wunder“ bezeichnet haben soll, lebt im kulturellen Gedächtnis der Republik weiter.



