"Westdeutsche Zeitung", Düsseldorf
"Es war kein Zufall, dass es Stoiber war, der heute das "Habemus Angelam" verkündete. Als starker Mann an ihrer Seite wird er Merkel eher schwächen. Aber wer weiß? Dieser Frau ist zuzutrauen, dass sie sich nach einem grandiosen Wahlsieg auch gegen den CSU-Chef durchsetzt und ihn mit Richtlinienkompetenz und Kabinettsdisziplin klein hält - mit den bewährten Folterinstrumenten eines Kanzler also, pardon: einer Kanzlerin."
"Leipziger Volkszeitung"
"Kanzlerin, subito! Das Parteivolk von CDU und CSU, und mit ihm die Heerscharen frustrierter Reform-Opfer, sind trunken von der Aussicht auf die Wende. Das Himmelreich auf Erden scheint zum Wählen nah. Nach rot-grünem Zickzack soll es zackig losgehen. Als Dienerin Deutschlands bietet sich Angela Merkel an - und voller Eifer macht Edmund Stoiber vor so viel Machteifer seinen Diener, auf dass er ja nicht zu spät kommt, wenn es um die Macht geht."
"Augsburger Zeitung"
"Augsburger Zeitung": "Angela Merkel hat Durchsetzungsvermögen, gute Nerven und einen ausgeprägten Machtinstinkt. Sie kann führen. Warum eigentlich sollte sie nicht das Zeug zur Kanzlerin haben? Sie wird nun allerdings exakter darlegen müssen, was sie im Kanzleramt anders machen und wohin sie das Land führen will. Führt sie tiefgreifende Reformen im Schilde, wie weit will sie über das von Schröder Angestoßene hinaus? Wird sie wirklich einen "ehrlichen", reinen Wein einschenkenden Wahlkampf führen und klar sagen, was auf die Menschen zukommt? Werden diese Fragen schlüssig beantwortet, ist ihr der Sieg kaum noch zu nehmen."
"Süddeutsche Zeitung", München
"Ihr bisheriges politisches Wirken nährt den Verdacht, dass sie sich inhaltlich ungern festlegen will, dies aber hinter einer Rüstung verbirgt. Das Schicksal der Gesundheitsprämie erscheint da als exemplarisch. Hier steht Merkel vor ihrer größten Prüfung: Es kann eben nicht darum gehen, ob unter ihrer Führung unhaltbare Formelkompromisse geschmiedet werden. Es kommt auch nicht darauf an, ob sie sich, was sie mehrmals unter Beweis gestellt hat, in Machtfragen durchsetzen kann. Es geht vielmehr darum, ob sie das Geschick hat, Inhalte praktisch zu Politik zu machen."
"Nordwest-Zeitung", Oldenburg
"Von Problemen war gestern und ist vermutlich heute keine Rede. Aber morgen, wenn es um Profil, Personen und Programme geht? Hier meldet die Union vielfach Fehlanzeige. Nicht ausgeschlossen, dass der Wahlsieg so konturlos wie möglich erzielt werden soll. Die NRW-CDU hat es schließlich erfolgreich vorgemacht. Noch bleibt die Union jene Kompetenz schuldig, die ihr in Meinungsumfragen zugebilligt wird. Angela Merkel dirigiert einen Haufen von Musikern ohne gemeinsames Notenblatt. Formt sie daraus schnell ein Orchester, dann dirigiert sie im Herbst das ganze Land."
"Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen
"Das Vorweisen eines Kandidaten ist längst kein Ersatz für ein klares Regierungskonzept. Und da scheint es in der Union bedenklich zu hapern. Da stehen plötzlich bisherige Ankündigungen wieder infrage. Was soll gelten: Steuern senken? Mehrwertsteuer erhöhen? Subventionen wie die Eigenheimzulage doch kappen und alles anders lautende 'Geschwätz von gestern' am besten ignorieren? Gewiss: Es herrscht Wechselstimmung im Land. Doch die Union wird nicht automatisch ins Kanzleramt kommen. Sie muss die Mehrheit mit Ideen und vor allem Verlässlichkeit überzeugen: Wir können es besser als Rot-Grün."
"Nürnberger Nachrichten"
"Jetzt muss die CDU-Chefin dafür sorgen, dass sich beide Parteien rasch auf ein schlüssiges Programm für die Wahlkampagne verständigen. Denn die Bürger wollen wissen, was eine von der Union geführte Regierung anders zu machen gedenkt. Offenkundig ist, dass die Unionsparteien die sieben Jahre in der Opposition nicht genutzt haben, um vernünftige Alternativen zu entwickeln. Davon zeugen die widersprüchlichen Wortmeldungen, wenn es um Steuererhöhungen, den Subventionsabbau, die Sicherung der Renten und die nächsten Schritte in der Gesundheitsreform geht."
"La Tribune", Paris
"Was wird aus dem gemeinsamen Einfluss von Berlin und Paris in Europafragen und wie wird es mit dem deutsch-französischen Paar weitergehen, wenn Gerhard Schröder das Kanzleramt seiner christdemokratischen Herausforderin Angela Merkel überlassen muss? Sicher, die Europapolitik ist Sache der Staaten. Doch die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ist seit 50 Jahren tief geprägt entweder vom Fehlen von Berührungspunkten ihrer Führer (Brandt-Pompidou) oder von ihrer starken Beziehung zueinander (Giscard-Schmidt, Mitterrand-Kohl). Nichts garantiert bei einer Wahlniederlage der SPD, dass Jacques Chirac und Angela Merkel, die doch aus angeblich eng verwandten Familien kommen, dieselben engen Beziehungen knüpfen könnten. Vor allem, wenn Merkel bis zur Präsidentenwahl 2007 auf Zeit spielen sollte, um keine Trümpfe aus der Hand zu geben, bevor sie weiß, wer in den folgenden fünf Jahren der Herr im Elysée-Palast sein wird."
"Le Figaro", Paris
"In Frankreich hat sich das Unbehagen an Europa im Referendum ausgedrückt. Nichts davon in Deutschland, wo die Ratifizierung makellos durch beide Parlamentskammern erfolgte. Doch auch jenseits des Rheins ändert sich die Wahrnehmung Europas. Angela Merkel ist keine Europaexpertin. Doch sie lässt sich von ihrem Mentor Helmut Kohl inspirieren, der stets darauf geachtet hat, die kleinen Staaten in sein Handeln einzubeziehen. Sie scheint in der Lage, das Verhältnis zu den USA zu entspannen. Das könnte das Misstrauen der neuen östlichen EU-Mitglieder gegen die Achse Paris-Berlin vermindern, die damit eine neue Glaubwürdigkeit gewinnen könnte."



