Heilige Scheine
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Heilige Scheine

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Therese Hofbauer kümmert sich nun schon seit über 20 Jahren um das kleine Anwesen in der Nachbarschaft in ihrer oberpfälzischen Heimatstadt Pentling. Morgens öffnet sie die Balkontür im ersten Stock, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Sie pflegt den Garten, bestellt Heizöl, lässt den Kaminkehrer herein. Das ist nicht besonders aufregend, aber sie macht es gerne. In letzter Zeit erlebt sie dabei allerdings recht wundersame Dinge. Fremde Menschen stehen im Garten, knipsen Fotos und knicken Zweige ab. Ihr Kater Chico wurde unlängst Held einer dreiseitigen Titelgeschichte in der italienischen Zeitung "Libero". Und wenn Therese Hofbauer die Toilette benutzen möchte, muss sie vorher die Polizei anrufen, damit die Ordnungshüter die Alarmanlage ausschalten.

Therese Hofbauer kümmert sich nun schon seit über 20 Jahren um das kleine Anwesen in der Nachbarschaft in ihrer oberpfälzischen Heimatstadt Pentling. Morgens öffnet sie die Balkontür im ersten Stock, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Sie pflegt den Garten, bestellt Heizöl, lässt den Kaminkehrer herein. Das ist nicht besonders aufregend, aber sie macht es gerne. In letzter Zeit erlebt sie dabei allerdings recht wundersame Dinge. Fremde Menschen stehen im Garten, knipsen Fotos und knicken Zweige ab. Ihr Kater Chico wurde unlängst Held einer dreiseitigen Titelgeschichte in der italienischen Zeitung "Libero". Und wenn Therese Hofbauer die Toilette benutzen möchte, muss sie vorher die Polizei anrufen, damit die Ordnungshüter die Alarmanlage ausschalten.

Das Haus in der Bergstraße 6 ist nicht mehr irgendein Haus. Es ist jetzt eine Pilgerstätte, ein heiliger Ort. Der graue Bau ist das letzte deutsche Domizil Joseph Ratzingers, und Kater Chico gehörte zu den engsten Vertrauten des Heiligen Vaters. Seit am 19. April 2005 aus Kardinal Joseph Ratzinger plötzlich Papst Benedikt XVI. wurde, kennt die Begeisterung um den 78-Jährigen keine Grenzen. Aus dem Geistlichen ist eine Art Popstar geworden.

Der Höhepunkt der Hysterie wird erwartet, wenn er beim Weltjugendtag in Köln zum ersten Mal als Oberhaupt der katholischen Kirche in Deutschland auftreten wird. Hunderttausende wollen das hautnah miterleben. Und schon bevor der Pontifex zum ersten Mal heimatlichen Boden betritt, steht fest: Er bringt nicht nur geistlichen Segen, sondern auch finanziellen. Die Kölner Industrie- und Handelskammer rechnet mit einem wirtschaftlichen Effekt von 180 Mio. Euro.

Wie mit dem Papst Geschäfte gemacht werden, ist am besten da zu sehen, wo er herkommt: in Bayern. Ob in München, Freising, Marktl, Altötting, Tittmoning, Traunstein, Pentling oder Regensburg. Überall, wo Benedikt XVI. in seinem langen Leben Spuren hinterlassen hat, ist die Versuchung groß, mit der göttlichen Fügung auch etwas Geld zu verdienen. Bisher gab es das Vatikan-Brot für 1,50 Euro, den Benedikt-Guckkasten für 5,50 Euro oder den Papst-Teddy für 160 Euro. Jetzt soll durch Papst-Touren richtig Geld in den Freistaat fließen.

"Wahnsinn, dass er aus Bayern kommt"

"Das ist Wahnsinn, dass er aus Bayern kommt", dachte sich Katja Austen, als der weiße Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle noch nicht ganz verflogen war: "Da muss man was machen." Also hat sich die Frau von der Bayern Tourismus Marketing erkundigt, welche Stationen im Leben des neuen Papstes eine Rolle spielten, und eine Tour zusammengestellt. Vier Reisebüros bieten inzwischen umfangreiche Pilgerfahrten an. Motto: "Follow in the footsteps of the Bavarian Pope Benedict XVI." Bisher interessierten sich hauptsächlich US-Amerikaner für heilige Stätten in Bayern. Nun sollen auch Touristen aus anderen Ländern angelockt werden. Erste Gruppen haben das volle Programm bereits gebucht - für mehrere Hundert Euro.

In Pentling öffnet Therese Hofbauer einer kleinen polnischen Reisegruppe das Gartentörchen. Sie führt die Gäste um das schmucklose Haus. Der Rasen ist grün, ein paar Blumen blühen. Es gibt nicht viel zu sehen. Die Statuen hat ihr Mann in Sicherheit gebracht, damit sie nicht geklaut werden. Der Hausherr wird so schnell nicht wiederkommen, dafür fehlt ihm die Zeit. Frau Hofbauer klappert nervös mit dem Schlüssel. Was in ihr vorgegangen sei, als sie von der Beförderung Kardinal Ratzingers gehört habe? Fassungslos sei sie gewesen, sagt sie, und sprachlos. Es klingt ein bisschen einstudiert. Nein, geweint habe sie nicht. Es ist ja niemand zu Schaden gekommen. Zur Amtseinführung durfte sie nach Rom fliegen - im Flugzeug von Ministerpräsident Edmund Stoiber. Die kleine blonde Frau lächelt verlegen, ihr ist das alles nicht ganz geheuer. Dann geht sie wieder. Chico wartet.

Während Papst Benedikt XVI. die ersten 100 Tage seiner Amtszeit hinter sich gebracht hat und sich in Rom auf seinen Besuch in Deutschland vorbereitet, ist in seiner Heimat ein Art Wettstreit um die päpstlichste Stadt entstanden. Das führt die Teilnehmer organisierter Papst-Touren zu ungewöhnlichen Abstechern. In München, wo Joseph Ratzinger fünf Jahre als Bischof wirkte, bringt man Besuchergruppen nach Besichtigung der wichtigsten Kirchen gerne in die Augustiner-Bierhalle, schließlich hat Ratzinger seine Doktorarbeit über den heiligen Augustinus geschrieben. In Regensburg steht die Luzengasse 2 auf dem Programm, hier wohnt Ratzingers Bruder Georg, der sich gerade in Rom von einer Herzoperation erholt. Und in Tittmoning erzählen sie die Geschichte vom kleinen Joseph, der beim Besuch des Münchner Kardinals im Kindergarten den Gast mit der Ankündigung überraschte: "Wenn ich groß bin, werde ich auch Kardinal." Außer Konkurrenz In Marktl am Inn müssen sie sich um ihren Vorsprung in diesem Wettstreit vorerst keine Sorgen machen. Bürgermeister Hubert Gschwendtner empfängt Gäste persönlich im örtlichen Heimatmuseum. Er hat ein leichtes Spiel. Hinter ihm steht der Taufstein des Papstes, den die Gemeinde vor ein paar Jahren in weiser Voraussicht gerettet hat. Gegenüber drücken sich die Menschen die Nasen an den Fenstern des päpstlichen Geburtshauses platt.

Marktl berühmter als die Hauptstadt?

Wie eine Naturkatastrophe sei die Geschichte über die 2700-Seelen-Gemeinde gekommen, sagt Gschwendtner. Er sagt es sehr leise, weil - Katastrophe und Papst, das geht ja eigentlich nicht. Aber was soll er sonst sagen? Kürzlich überreichten ihm japanische Journalisten ein Exemplar ihrer Zeitung, die täglich 8,5 Millionen Menschen lesen. Eine Deutschlandkarte war darauf zu sehen, Berlin war eingezeichnet, ganz klein, und Marktl, ganz fett. Hubert Gschwendtner schüttelt sanft den Kopf, während er das erzählt, und lächelt. Sein kleines Marktl berühmter als die Hauptstadt. Herrlich verrückt! Er sieht müde aus. Seit Ende April hat er keinen Tag Urlaub gemacht. Er arbeitet 16 Stunden am Tag. Seine Gemeinde ist mit 1200 Euro pro Einwohner verschuldet. Er will die Chance nutzen. Zwei Jahre und zwei Monate seines Lebens hat der Heilige Vater hier nur verbracht. Zuletzt war er 1997 da, er wurde zum Ehrenbürger ernannt. Aber er ist hier geboren, und das ist ein Segen. 30.000 Besucher sind seit seiner Ernennung über die Gemeinde hergefallen, vier Gästebücher wurden in der Kirche St. Oswald schon voll geschrieben. "Wir brauchen ein nachhaltiges Konzept, um Marktl als Papstgeburtsort erlebbar zu machen", sagt er. Letzte Woche ist er mit seiner Frau und dem Pfarrer Josef Kaiser ins polnische Wadowice gereist, um sich in der Geburtstadt Papst Johannes Pauls II. ein paar wertvolle Tipps abzuholen.

"Die wirtschaftliche Belebung des Ortes ist enorm" Zwei Souvenirläden haben in Marktl schon eröffnet, der Antrag für eine Fahrradpension ist auch schon durch. Das Café am Marktplatz boomt, selbst das verwaiste Gasthaus daneben soll bald einen Pächter bekommen. Demnächst wird ein Touristenbüro eröffnet, auch am Internetauftritt wird schon fleißig gebastelt, Parkplätze und ein Parkleitsystem sind in der Planung, damit die Besucher geordneter zwischen Papst-Bier, Vatikan-Brot und Ratzinger-Würsten hin und her pendeln. "Die wirtschaftliche Belebung des Ortes ist enorm", sagt Gschwendtner. Nur ab und zu gibt es Streit, um die Preise der Devotionalien. Da hat es Altötting schon schwerer. Die oberbayerische Kleinstadt ist zwar dank der Gnadenkapelle einer der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt. Aber mit dem Papst gibt es nur wenig Berührungspunkte. Am Rande einer Pilgerung mit seinem Vater soll der junge Joseph Ratzinger hier eine Nudelsuppe eingenommen haben. Doch wenn die Geschichte stimmt, hat ihn nach dem Verzehr eine Biene in die Lippe gestochen. Kein gutes Omen.

Trotzdem eröffnet Kardinal Friedrich Wetter heute den 224 Kilometer langen Benediktweg, einen Rundweg auf den Spuren des Papstes zwischen Salzach und Inn. Start ist an der Papstlinde in Altötting. Sie liegt genau zwischen dem Hotel Zwölf Apostel und der Konradquelle, deren Wasser Augenleiden heilen soll. Den Baum hat zwar Ratzingers Vorgänger gepflanzt, aber das macht nichts. "Altötting ist das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas", hat der neue Papst gesagt. Und nächstes Jahr ist ein Besuch geplant. Etwas weiter nördlich stützen sie ihr Selbstbewusstsein ebenfalls auf einen Satz. "Hier bin ich wirklich daheim", heißt ein eben erst in Regensburg erschienenes Büchlein. In der Domstadt hat Joseph Ratzinger als Professor gearbeitet, Feuerwehrautos gesegnet und mit Fürstin Gloria von Thurn und Taxis gespeist. Er gehört zu ihnen. Vor dem Dom steht eine junge Frau. Sie trägt ein enges rosafarbenes T-Shirt: "Mach et, Ratze!" steht darauf. Es ist zu 100 Prozent aus Baumwolle, wurde extra zum Weltjugendtag hergestellt und kostet weltliche 17,90 Euro.

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