Wandlungsfähig und talentiert
Seine größten Kinoerfolge liegen ein halbes Jahrhundert und länger zurück. Sie enthalten keine einzige Actionszene, können weder mit Computeranimationen noch mit Spezialeffekten aufwarten, und die allermeisten müssen sogar ohne Farbe auskommen. Trotzdem (oder gerade deswegen) haben Rühmann-Filme bis heute absoluten Kultstatus. Das gilt insbesondere für die “Feuerzangenbowle“, aber auch für “Die Drei von der Tankstelle“ und den “Hauptmann von Köpenick“. Und selbst so politisch zwielichtige Streifen wie “Quax, der Bruchpilot“ finden noch immer genügend Sendeplätze und Zuschauer. Für den Dauererfolg solcher Klassiker gibt es eine Unzahl guter Erklärungen, doch sie alle führen letztlich zum Hauptdarsteller zurück. Diese Filme verdanken ihren Sonderstatus schlicht und ergreifend Heinz Rühmann, seinem schauspielerischen Können, seiner Leinwandpräsenz und Wandlungsfähigkeit, seinen Slapstick-Talenten und seinem jungenhaften Charme.
Ein glänzender Start
Auf all diese Elemente setzte schon Ufa-Produzent Erich Pommer, der Rühmann 1930 für die Tonfilm-Operette “Die Drei von der Tankstelle“ engagiert. Eigentlich sollte der Bühnenkomiker, der in München und Berlin seit Jahren begeistert gefeiert wird, Lilian Harvey und Willy Fritsch, den großen Stars der aufwändigen Produktion, nur assistieren. Doch nach der Premiere am 15. September werden im Gloria-Palast bereits “Rühmann, Rühmann“-Sprechchöre laut. Der Film spielt in nur einem Jahr 4,3 Millionen Reichsmark ein und katapultiert den kleinen Mann mit der weinerlichen Stimme in die vorderste Reihe der deutschen Leinwandstars. Heinz Rühmann steht noch einmal mit Harvey und Fritsch vor der Kamera (“Einbrecher“, 1930), ein Jahr später heißen seine Partner Lien Deyers (“Der Mann der seinen Mörder sucht“, 1931), Hans Albers (“Bomben auf Monte Carlo“, 1931) oder Max Pallenberg (“Der brave Sünder“, 1931), Hans Moser, Theo Lingen, Viktor de Kowa, Paul Hörbiger, Adele Sanrock, Magda Schneider, Carola Höhn, Hertha Feiler, Anny Ondra und Käthe Gold; und viele andere Leinwandgrößen werden folgen.
Erfolg und Propaganda unter den Nationalsozialisten
In den 30er und 40er Jahren konzentriert sich Rühmann allerdings nicht nur auf seine Karriere als Kinostar. Er spielt weiterhin Theater, ist nebenbei noch als Regisseur und Produzent tätig, und auch die Schallplattenaufnahmen von Kinohits wie “Ein Freund, ein guter Freund“, “Ich brech´ die Herzen der stolzesten Fraún“ oder “Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ verkaufen sich prächtig. Zwischen 1933 und 1945 kommen 43 Rühmann-Filme in die Kinos, die immer wieder vom Kampf des kleines Mannes gegen die Mühsal dieser Welt erzählen. Die qualitativen Standards lassen dabei des öfteren zu wünschen übrig, aber das ist Männern wie Joseph Goebbels eben recht. Der für die deutsche Filmproduktion zuständige Minister lässt den Publikumsliebling nur selten in mehr oder weniger offensichtlichen Propagandastreifen wie “Wunschkonzert“ (1940), “Quax, der Bruchpilot“ (1941) oder “Fronttheater“ (1942) auftreten. Als “Verteidiger der Normalität“ (Torsten Körner) ist ihm Rühmann lieber und wichtiger. Der vielseitig Verwendbare soll die “Heimatfront“ bei Laune halten und seine Landsleute - so weit das denn möglich ist - von Mord, Unterdrückung und Krieg ablenken. Die Titel vieler bis heute gern gesehener Kassenschlager sprechen da eine deutliche Sprache: “Heimkehr ins Glück“ (1933), “Ungeküßt soll man nicht schlafen geh´n“ (1936), “Der Mann, der Sherlock Holmes war“ (1937), “Der Mustergatte“ (1937), “Die Umwege des schönen Karl“ (1938), “Fünf Millionen suchen einen Erben“ (1938), “Nanu, “Hauptsache glücklich!“ (1941!!!) oder “Ich vertraue dir meine Frau an“ (1943).
Nach dem Krieg – die Rühmann-Renaissance
Rühmanns schwer definierbares Rollenspiel im Dritten Reich beschert ihm nach Kriegsende einen vorübergehenden Karriereknick. Doch der ist nicht von Dauer, denn Mitte der 50er Jahre gehört er schon wieder zum Stammpersonal der deutschen Kinolandschaft. Erneut bedient er den Mythos des kleinen Mannes, doch er glänzt nicht nur in aufwendig inszenierten Unterhaltungsfilmen der Marke “Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ (1954), “Wenn der Vater mit dem Sohne“ (1955), “Charleys Tante“ (1956), “Dr. med. Hiob Prätorius“ (1965) oder “Die Abenteurer des Kardinal Braun“ (1967). Rühmann verdient sich mit den Jahren auch als Charakterdarsteller Lob und Anerkennung - und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch in anspruchsvollen, Maßstäbe setzenden Literaturverfilmungen wie “Es geschah am hellichten Tag“ (1958), “Der eiserne Gustav“ (1958), “Der brave Soldat Schwejk“ (1960), “Der Tod des Handlungsreisenden“ (1968) und natürlich “Der Hauptmann von Köpenick“, der nach wie vor zu den kommerziell erfolgreichsten deutschen Filmen zählt.
Aus der Filmgeschichte seines Heimatlandes wird er folgerichtig nie wieder wegzudenken sein. Dass der eine oder andere im Dritten Reich entstandene Kinoerfolg heute gerade wegen seiner Harmlosigkeit einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt...
Thorsten Stegemann



