Land der Kontraste
China ist aufgespalten in Epochen: Vom Mittelalter bis zur Avantgarde reicht die Spannbreite, denn vom Aufschwung bekommen nicht alle etwas ab. China befindet sich im Wettlauf mit den führenden Wirtschaftsmächten der Welt. Manche Regionen beschleunigen rasant und haben ein Tempo vorgelegt, das nicht langsamer ist, als in Tokio oder New York. Andere Regionen des Landes scheinen dagegen noch gar nicht begriffen zu haben, dass ein Rennen im Gang ist. Sie verharren unbeweglich, sie wurden noch nicht wach geküsst vom internationalen Business und seinen Beschleunigungsmethoden. Insbesondere die Städte entlang der Küste, von Dalian im Norden über Shenyang, Tianjin, Qingdao (bis 1914 das Tsingtao der Deutschen), Nanjing, Hangzhou, Wenzhou, Fuzhou, Xiamen bis nach Hongkong im Süden, erleben einen einzigartigen Aufschwung, ermöglicht durch die schiere Zahl an Arbeitskräften, durch hohes Tempo in der Produktion, aber auch durch schnelles Denken und rasanten Lebensstil. Hier liegt Chinas Speckgürtel, in dem die meisten Menschen leben, wo am meisten investiert wird und sich eine enorme Dynamik entfaltet – auch mit ausländischer Hilfe. Die Autofabriken von Volkswagen, BMW, Toyota, General Motors, sie alle liegen in diesem küstennahen Produktivbereich. Adidas, Puma, Nike und andere lassen ihre Schuhe hier nähen, der Großteil der Textilproduktion der Welt stammt von hier, und die weltweite Computerindustrie hat hier ihre Fabriken stehen. Zwar erhalten die Arbeiter geringe Löhne, aber in der Summe der Aktivitäten entsteht in den Küstenregionen ein nie da gewesener Wohlstand. Die Küste boomt, allen voran Beijing, Shanghai und das schon immer reiche Hongkong mit seinen Satellitenstädten Shenzhen, Zhuhai, Guangzhou (Canton), alles Sonderwirtschaftszonen, die von der Regierung besonders gefördert werden. In diesen Städten wird mit großer Leidenschaft und Entschlossenheit das getan, was der ehemalige Parteichef Deng Xiaoping (1904–1997) nach der puritanischen Mao-Zeit forderte: »Reich zu sein ist erstrebenswert.«
Megacities
Während auf dem Land die Entwicklung Chinas stehen geblieben zu sein scheint, haben sich die größeren Städte in rasantem Tempo zu Millionenmetropolen mit schwindelerregend hohen Büro- und Wohntürmen gewandelt. Fast 50 Städte (!) in China zählen über eine Million Einwohner, wobei die genaue Bevölkerungszahl stets von der Zählweise abhängt: mit oder ohne Umland? Bestes Beispiel ist die Industriestadt Chongqing: Rechnet man das Umland mit,
zählt die Stadt im Südwesten des Landes rund 31 Millionen Einwohner, im eigentlichen Stadtkern sind es »nur« drei Millionen. Die größten Metropolen Chinas sind unumstritten Shanghai (9,3 Mio. Einwohner), Beijing (7,5 Mio.), Hongkong (7,0 Mio.) und Wuhan (4,2 Mio.).
Megacity Beijing
Beijing ist das Aushängeschild des Landes, natürlich, schließlich ist es die Hauptstadt. In der Landessprache Mandarin bedeutet Beijing »nördliche Hauptstadt«. Hier sitzt die Macht und damit auch das Geld. Darüber hinaus erlebt Beijing wegen der Olympiade gerade einen exorbitanten Sonderboom. Es wird gebaut, was der Beton hergibt. Neben den extravaganten Olympiastätten schießen Bürohochhäuser und Einkaufskathedralen, voll gepackt mit den immergleichen westlichen Edelmarken, aus dem Boden. Aber auch die Kultur profitiert: Das Museum für moderne Kunst des Schweizers Mario Botta ist transparent wie ein Aquarium, das Staatstheater des Franzosen Paul Andreu, rund 500 m entfernt
von der Großen Halle des Volkes, sieht dagegen wie ein Riesen-Ei aus Glas und Titan aus, und das avantgardistische Hauptquartier des chinesischen Staatsfernsehens CCTV ist ein gewagter Entwurf des deutsch-niederländischen Architektenduos Ole Scheeren und Rem Koolhaas. 600 Millionen Euro verschlingt der gigantische, gläserne Bau. Beijing kann sich das leisten. Das Land ist reich und damit auch diese Stadt. Beijing ist eine ziemlich große und unübersichtliche Metropole – zwölf Millionen Einwohner und ein paar tausend Taxis gibt es hier. In einem 53 sitzen wir zusammengepfercht, denn es ist ein Xiali, übersetzt »Sommergewinn«, die chinesische Version des Daihatsu Charade. Er gehört zum Stadtbild. Schöner werden die Städte durch ihn nicht. Ein Xiali kostet 90.000 Renminbi, das sind 9500 Euro. Der Chauffeur hört – wie viele Taxifahrer Chinas – gerade ein Hörspiel, unterhält sich aber dennoch mit uns. Wir erzählen ihm, dass wir auf dem Weg zu einem Ferrari sind, Fe-la-li ausgesprochen. »Ein Fe-la-li in Beijing ist wie eine Schwalbe, die ihre Schwingen nicht aufspannen kann«, sagt er weise und lächelt. Wir stehen gerade im Stau. Darum geht es natürlich nicht. Niemand will in Beijing mit einem Fela-li Schwalbe spielen. Im heutigen Verkehr ist manchmal das gute, alte Fahrrad schneller, von dem es freilich kaum noch welche gibt. Mit dem Fe-la-li will man Pfau sein. Das Autokennzeichen 1818 ist Westlern ganz unverdächtig, aber schon bei solchen Details fängt unser Unverständnis für das Chinesische an. In einer Kombination der kantonesischen Mundart mit dem Militärjargon spricht man 18 »Yao Fa« aus, was sich auf Mandarin in »ich will reich werden« verdrehen lässt. Die Doppel-Achtzehn befindet sich auf dem Nummernschild des Lieblingsautos von Li Guangming, einem silbernen Ferrari 456. Das Kennzeichen ist nicht korrekt. Li braucht nicht mehr reich zu werden, Li ist reich. Die Liste seiner Luxusautos liest sich wie ein Autokatalog. Wir besuchen ihn in seinem Büro im World Trade Center an der Jianguomenwai Dajie, was übersetzt »Große äußere Staatstor-Straße« heißt, in dem in der Ecke ein Indoor-Putting-Green steht, und ich frage, wie er so reich geworden ist, was sein Geschäft sei. »Finanzdienstleistungen« antwortet er. Um es konkreter zu machen, frage ich weiter: »Wenn ich also etwas von Ihnen haben wollte, was könnte ich bekommen? Geld?« »Geld, ja, aber auch Kohlen«, erklärt er. Er handelt nämlich auch mit Brennstoffen, im großen Stil natürlich. Angefangen hatte alles vor ungefähr 20 Jahren, nach der Liberalisierung der Wirtschaft durch Deng Xiaoping. Seine Brüder hatten über Beziehungen Kohlegruben in der Provinz Shanxi erworben, und Li fing an, mit Kohle zu handeln. Der Handel sei eine feine Sache, ein stabiles Geschäft, sagt er, wogegen der Finanzservice riskanter sei, aber auch seine Vorteile habe, »da kann man den Profit sofort einstreichen.« Ich könnte daher auch Geld von ihm bekommen, größere Mengen. Um ein Shopping-Center zu bauen oder einen Wohnkomplex oder das Olympiastadion von Beijing. Li ist Vorstandsmitglied in China von Solomon Brothers, einer amerikanischen Investment-Gruppe. Ach ja: Er ist 38 Jahre alt.
Millionäre und Hutongs
Li ist kein Einzelfall. In Beijing leben Tausende von Millionären: Baulöwen, Fabrikbesitzer, Händler, Finanzdienstleister, Makler, Manager. Beijing ist eine Goldgrube. Jeder, der ein paar Ideen und Tatkraft miteinander kombiniert, kann schnell ein gemachter Mann sein. Daher werden mehr und mehr edle Wohnviertel für den neuen Geldadel gebaut. Luxusappartements und kitschige Villen, gerne mit Säulen, Erkern, Türmchen und goldenen Türklinken. Wir würden es neureich nennen und als peinlich empfinden, in so einem Haus zu wohnen, aber ein Chinese hat keine Bedenken,seinen Erfolg auch nach außen zu zeigen. Gemäß der konfuzianischen Moral wird damit nicht Neid ausgelöst, es fördert stattdessen die Motivation für andere, ebenso erfolgreich zu werden. Der Bauwut zum Opfer fallen die Stadtviertel, die in uns romantische Vorstellungen vom guten, alten Bilderbuch-China wecken. Von den einstigen Hutongs, den Gassen mit ihren verschnörkelten Häusern aus vergangenen Jahrhunderten und dem chinesisch bunten Treiben der kleinen Leute ist im Zentrum kaum noch etwas übrig geblieben. Die alten Häuser in diesen Gassen werden Siheyuan genannt. Es handelt sich dabei um von Mauern umfriedete Wohnhöfe mit U-förmig angeordneten Gebäuden, in denen mehrere Generationen zusammenleben können. Der Eingang erfolgt durch ein Tor mit einer hohen Schwelle, um Schmutz und Ungeziefer draußen zu halten, außerdem das Unglück, das nach chinesischer Vorstellung Probleme mit Stufen hat. Inzwischen wurden einige der letzten verbliebenen Hutongs unter Denkmalschutz gestellt, damit nicht das gesamte traditionelle Stadtbild den Baggern zum Opfer fällt, den achtspurigen Straßen, den Wohnsilos oder Einkaufszentren. Die Hutongs
breiteten sich in konzentrischen Kreisen um die »Verbotene Stadt« aus, in die Normalsterbliche keinen Zutritt hatten. Als das feudale System zusammenbrach, ging es jedoch auch mit den Hutongs bergab. Wo einst eine Familie wohnte, zogen wegen wachsender Raumnot nun mehrere ein, die Gebäude wurden nicht mehr gepflegt, und wo freier Platz war, wurden planlos neue, schäbige Häuser und Hütten aus dem Boden gestampft. Heute sind die nobleren Hutongs in der Nähe des Glockenturms noch gut erhalten und einen Besuch wert. Einige sind mehrere hundert Jahre alt. Die Verbotene Stadt hat einen irreführenden Namen, denn es war nie eine Stadt im eigentlichen Sinne, sondern der ausgedehnte Kaiserpalast mit unzähligen reich verzierten Palästen und Pavillons. Zur Kaiserzeit lag hier am Platz des Himmlischen Friedens das Machtzentrum des Reichs der Mitte, hier lebten die Kaiser mit ihren Familien und regierten das Land wie Götter. Das Eingangstor ist seit der Übernahme der Kommunisten mit einem riesigen Mao-Porträt dekoriert. Der Kaiserpalast, heute ein Museum und mittlerweile zum UNES CO-Weltkulturerbe erklärt, ist ein eindrucksvolles Beispiel der einstigen Pracht der Monarchie, aber dann bloß nur noch eine museale, exotische Pagodendach-Antiquität. Heute denkt man in ganz anderen Dimensionen, auch in anderen Stilen. Das Urchinesische gilt vielen Chinesen als überholt und minderwertig. Man schaut nach Europa und Amerika. Beiden will man nacheifern und sie am besten übertreffen. Vor Gigantomanie war den Chinesen noch nie Bange.



