Ich seh' das jetzt zum ersten Mal
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Ich seh' das jetzt zum ersten Mal

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

wissen.de: Worin bestand Ihre Motivation, eine weitere Sophie Scholl-Biographie zu schreiben?Barbara Beuys: Ich wollte gerne eine Biographie aus der Zeit des Nationalsozialismus schreiben, einer Zeit, mit der ich mich bereits in dem Buch "Vergeßt uns nicht. Menschen im Widerstand 1933–1945" befasst habe. Bei der Recherche habe ich schnell festgestellt, dass es entgegen der allgemeinen Auffassung gar nicht viel zu Sophie Scholl gab.

Es gab nicht viel zu Sophie Scholl

wissen.de: Worin bestand Ihre Motivation, eine weitere Sophie Scholl-Biographie zu schreiben?

Barbara Beuys: Ich wollte gerne eine Biographie aus der Zeit des Nationalsozialismus schreiben, einer Zeit, mit der ich mich bereits in dem Buch "Vergeßt uns nicht. Menschen im Widerstand 1933–1945" befasst habe. Bei der Recherche habe ich schnell festgestellt, dass es entgegen der allgemeinen Auffassung gar nicht viel zu Sophie Scholl gab.

Doch gerade die Filme über Sophie Scholl suggerieren, man wisse schon alles über sie, obwohl diese Filme immer nur die letzten Wochen ihres Lebens erzählen. Und auch in den bisher erschienenen Biographien steht über große Teile von Sophies Kindheit und Jugend nicht viel drin. Ich dachte mir also, da gibt es noch einiges zu schreiben.

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Was für ein Glücksfall

wissen.de: Ist eigentlich das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das in den Jahren 1998 bis 2005 Tausende von Dokumenten aus dem Nachlass der Schwester Inge Aicher-Scholl aufgearbeitet und abgefilmt hat, auf Sie zugekommen?

Barbara Beuys: Nein. Ich bin beim Googeln darauf gestoßen und bin fast vom Stuhl gefallen. Was für ein Glücksfall! Ich bin gleich nach München gefahren. Ich dachte mir, vielleicht sitzt da gerade jemand und schreibt eine Biographie über Sophie Scholl. Tatsächlich sagte man mir im Insitut aber, dass sich noch nie jemand mit dieser Absicht die Dokumente angeschaut hat. Dabei sind sie bereits 2005 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Die Größe Inge Scholls

wissen.de: Es handelt sich um eine enorme Masse an Briefen und Tagebucheinträgen, die Inge Aicher-Scholl gesammelt hat. Was waren die besonderen Herausforderungen bei der Sichtung und Analyse des Materials?

Barbara Beuys: Eines muss man hier einmal betonen: die Größe von Inge Aicher-Scholl, die all die unveröffentlichten Dokumente und Tagebücher, auch die eigenen, nicht einfach geschreddert, sondern der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat. Sie, die bereits 1952 das Buch "Die weiße Rose" veröffentlicht und damit zur Mystifizierung von Sophie Scholl beigetragen hat, muss sich gedacht haben, ich selbst bin dazu nicht in der Lage, aber ich kann mit der Freigabe der Dokumente nach meinem Tod dazu beitragen, dass ein Bild von Sophie gezeichnet wird, das mehr der Wahrheit entspricht.

Für die Sichtung des Materials und das Schreiben habe ich zwei Jahre gebraucht, von Sommer 2007 bis Herbst 2009. Bei den Hunderten von Texten, die ich gelesen habe, war die große Herausforderung, dass sie handschriftlich geschrieben waren. Es kamen ungefähr 18 verschiedene Handschriften zusammen, angefangen mit der Sütterlinschrift der Großmutter bis zu Sophie, die von allen am schlampigsten geschrieben hat. Sie hat zwar sehr scharf gedacht, aber diese schlampige Handschrift hat mich manchmal zur Verzweiflung gebracht.

Die Distanz wahren

wissen.de: Wie nah kommt man einem Menschen,, wenn man so intensiv seine Briefe liest?

Barbara Beuys: Ich versuche, in meinen Biographien den Personen nahe zu kommen und gerecht zu werden. Dennoch muss man eine gewisse Distanz wahren, damit die Sympathie für die Person nicht zu einem schiefen Bild führt. Deshalb versuche ich auch nicht, mich in sie hineinzuversetzen. Tatsächlich ist das Lesen dieser Tagebücher ein sehr sachlicher Vorgang gewesen. Man ist unheimlich konzentriert, in dem Raum ist es dunkel, man bekommt einen steifen Hals. Doch hat es auch immer wieder Momente gegeben, in denen ich gerührt war. Da war zum Beispiel eine Blume, die Sophie in ihr Tagebuch gezeichnet hat. Da dachte ich: "Und ich sehe das jetzt zum ersten Mal."

Das Denken über das Fühlen stellen

wissen.de: Wie hat sich Ihr Sophie-Scholl-Bild im Laufe der Recherche verändert? Wie würden Sie sie in wenigen Zeilen charakterisieren?

Barbara Beuys: Ich habe versucht, alle Bilder, die ich von ihr hatte, beiseite zu schieben. Das war nicht so einfach. Doch ich hatte den Vorteil, dass ich vorher keinen Film über sie gesehen hatte. In der ganzen Zeit habe ich mir dann auch bewusst keinen angeschaut. Im Lauf der zwei Jahre konnte ich feststellen, dass Sophie Scholl zu den Menschen gehörte, die erstaunlich früh klare Vorstellungen und Ziele in ihren Tagebüchern notieren.

Ihr wichtigster Grundsatz war dabei, das Denken über das Fühlen zu stellen. Was ihr gerade in der Liebesbeziehung zu Fritz Hartnagel nicht immer gelang. Doch verlangte sie es immer wieder von sich und von ihrem Freund. Da konnte sie sehr unsentimental und knallhart sein. Dieses Radikale hat dann später im Widerstand dazugeführt, dass sie nicht immer nur nachdenken, sondern auch etwas tun wollte - selbst wenn sie das in höchste Gefahr brächte. Denn auf welches Risiko sie sich einließ, das ist Sophie bewusst gewesen, was besonders ihre Briefe aus den letzten Wochen an den Bruder Werner zeigen. Anders als Hans Scholl, der in Hochstimmung handelte, war Sophie damals oft niedergeschlagen.

Kurz gesagt: Sophie Scholl war eine besondere Persönlichkeit, gerade trotz ihrer inneren Widersprüche. Und das, was sie einmal als wahr erkannt hatte, verteidigte sie mit großer Radikalität.

Beeindruckende Frauen der Geschichte

wissen.de: Zuvor haben Sie bereits Biographien über Hildegard von Bingen, Paula Modersohn-Becker und Annette von Droste Hülshoff geschrieben - alles beeindruckende Frauengestalten. Wie reiht sich Sophie Scholl in diese historische Galerie ein?

Barbara Beuys: Jede dieser Frauen ist an einen Punkt gekommen, an dem sie etwas ganz Bestimmtes schaffen wollte. Annette von Droste Hülshoff war eine hervorragende Dichterin, Hildegard von Bingen wollte als Prophetin etwas Großes in der Welt schaffen und Paula Modersohn-Becker hat ganz entgegen ihrer Zeit gesagt, ich bin eine hervorragende Malerin und wenn ich, um das sein zu können, auf Familie verzichten muss, dann verlasse ich meinen Mann. Alle drei haben ihre Idee, ihr Lebensziel auf eine eindrucksvolle Weise umzusetzen versucht. Und auch Sophie Scholl hatte den Anspruch an sich, etwas Großes aus ihrem Leben zu machen.

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