Im Interview: Rebecca Casati
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Im Interview: Rebecca Casati

Bild: Foto: Pascal Dihé, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Rebecca Casati gilt als umgängliche Gesprächspartnerin: Sie ist kompetent, offen und neugierig, wenn es darum geht, Fragen zum aktuellen Roman Hey, Hey, Hey und seiner Entstehungsgeschichte zu beantworten. Gegenüber der Welt erklärte die hübsche Wahl-Münchnerin: “Ich kann besser zuhören als reden.“ Das ist natürlich ein Understatement, wie wir im Gespräch mit Casati feststellen konnten. Denn im exklusiven wissen.de-Interview entspann sich ein packender Dialog über moderne Lebensentwürfe, den Begriff der ’Popliteratur’ und die Vorliebe für englischsprachige Autoren.

Lebensentwurf im Zeichen der Amoral

Wie kam es zur Idee für den Roman?

Die Idee war, einen Lebensentwurf zu beleuchten: Jeder Mensch hat für sich gewisse Maßstäbe, von denen man manche gebrauchen kann und manche eben auch nicht. Diese Maßstäbe und Werte dienen immer einem Zweck, das heißt: sind entweder moralischer Natur oder amoralischer Natur. Im Falle von Hey, Hey, Hey sind sie eindeutig amoralischer Natur, der Ich-Erzähler hat sich für einen hedonistischen Lebensentwurf entschieden.

Viel diskutiert worden ist die Frage der Perspektive: Warum schildern Sie Hey, Hey, Hey aus Sicht eines Mannes - und nicht aus Frauenperspektive? Weil es zu naheliegend gewesen wäre bzw. immer wieder die beliebte Germanisten-Frage nach dem autobiographischen Anteil aufgekommen wäre?

Das hatte damit nichts zu tun. Die Perspektive erklärt sich durch die Geschichte selbst - bzw. durch die fehlenden Eigenschaften, die der Erzähler hat: Es geht ihm ja vor allem darum, seine fehlende Biografie über diese Mädchen zu konstruieren, er fühlt sich ja wie ein unbeschriebenes Blatt. Insofern wäre es fast egal, ob man diese Geschichte nun aus der weiblichen oder männlichen Perspektive erzählt - allerdings machte die männliche doch einfach mehr Sinn für sein Vorhaben.

Jungs, alphabetisch abgeheftet

Ist dieses Vorhaben - der Masterplan, wie ihn der Ich-Erzähler nennt -, Sex von A bis Z zu suchen, als typisches Phänomen unserer Zeit zu sehen? Pointiert: Ist Promiskuität ein Charakteristikum der Pop-Generation?

Das glaube ich schon - etwa in der Neigung, Menschen zu sammeln: Sei es im sexuellen Sinne oder für berufliche bzw. gesellschaftliche Zwecke. Darüber hinaus ist es auch irgendwo ein Spiel: Ich habe diese Geschichte, Mädchen nach dem Alphabet zu sammeln, tatsächlich schon einmal von einem Jungen gehört... Oder die von einem Mädchen, das etwas Ähnliches gemacht hat: Nämlich Jungs nach Eigenschaften zu sammeln - etwa nach Fotos, wenn sie welche hatte. Die Jungs wurden dann alphabetisch abheftet.

Das klingt ja gruselig! Sind wir schon soweit?

Nicht zwingend in der alphabetischen Form, aber was die Tendenz angeht, ganz sicher. Das lässt sich ja schon am Begriff der Sammelleidenschaft festmachen: Die Menschen - ganz speziell die Deutschen - sammeln einfach gerne. Nichts anderes betreibt der Erzähler in Hey, Hey Hey, allerdings ganz bewusst und aus Berechnung...

Scheitert der Protagonist damit vollends? Der Klappentext zum Roman legt das nahe: “Wie ein Vampir lockt er die Mädchen an, saugt sie aus und wirft sie weg, um sie danach auf seiner Liste abzuhaken. Bis er schmerzhaft erfahren muss, dass auch im 21. Jahrhundert noch immer die alten Spielregeln gelten“. Tatsächlich jedoch bleibt die eine große Liebe, die ihm das Herz bricht, aus.

Immerhin hat er so etwas wie eine Biografie bekommen, er verfügt jetzt über seine lang ersehnte Geschichte. Allerdings definiert sich diese Geschichte ausschließlich über die Mädchen - er bleibt letztlich blass. Damit ist er gescheitert, ja.

Eine der großen Stärken des Romans liegt in den detailgenauen Beobachtungen der Mädchen. Ist das Fiktion - oder liegen den Figuren lebende Vorbilder zu Grunde?

Nein, in einer direktübertragbaren Form nicht. Ganz viel kommt natürlich auch von mir selber darin vor. Weniger in einem der Mädchen besonders: In jeder der einzelnen Figuren steckt wahrscheinlich irgendwo ein Teil von mir selber. Natürlich sind sie so alle etwas überzeichnet, das bringt die Form eben so mit sich.

Auf dem Weg zur seriellen Monogamie

Am Ende des Romans bleibt der Held, physisch und psychisch stark verwundet, im Krankenbett zurück. Ist das der Preis, den die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen für die Unfähigkeit zur längerfristigen Bindung zahlen muss - ließe sich das als Moral von Hey, Hey, Hey ableiten?

Da müsste man schon die Soziologen fragen. Sie nennen dieses Phänomen auch “serielle Monogamie“. Formen der Partnerschaft, wie sie unsere Eltern noch erlebt haben, finden heute nicht mehr statt, alles ist schnelllebiger geworden. Beziehungen, die heute zwei Jahre halten, werden allgemein hin als lang angesehen - für unsere Eltern-Generation war das sicher kurz.

Wie ist das Buch praktisch entstanden? Im viel zitierten Spiegel-Artikel “Die Vorschuss-Panik“ heißt es, der Literaturagent Matthias Landwehr wäre auf Sie zugekommen?

Tatsächlich war es so. Matthias Landwehr kannte meine Texte aus den Artikeln für das SZ-Magazin und jetzt, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung. Er kam auf mich zu und erkundigte sich, ob ich etwas für ein Buchformat hätte. Und genau so war es dann auch.

Prosa-Texte zu schreiben, war also schon vorher Ihre Passion?

Ich hatte ja auch schon vorher eine Kurzgeschichte veröffentlicht - Auenstraße, in der Anthologie Mesopotamia -, und einige meiner journalistischen Texte waren ein Spagat zwischen den Genres, etwa in Essayform. Als Matthias Landwehr nachfragte, hatte ich zudem schon die Idee von Hey, Hey, Hey in der Schublade - und eine noch nicht perfekt sortierte Stoffsammlung, aber doch in den Grundzügen sicher schon das erste Kapitel von Hey, Hey, Hey.

“Popliteratur“ ist eine Journalistenerfindung

Spätestens seit der letzten Buchmesse besteht ja die Neigung, Popliteratur zum Auslaufmodell zu erklären. Wie würden Sie den Status Quo des Genres beschreiben?

Naja, der Begriff der “Popliteratur“ ist ja erst mal erklärungsbedürftig - im Grunde ist das ja eine Journalistenerfindung. “Pop“ kann so vieles sein, das wirkt schon fast trivial - nennen wir das Genre einfach mal “junge Literatur“. Ich glaube schon, dass hier weiter eine gute Nachfrage besteht, das sehe ich ja zum Beispiel am Zuspruch der Lesungen. Man sieht da teilweise so junge Leute, die man eher vor Computerspielen als auf Lesungen erwartet hätte. Für diesen Preis mag man das Genre dann gerne auch Popliteratur nennen, denn durch dieses Siegel wird sicher auch eine Zielgruppe erreicht, die sich nicht unbedingt fürs Lesen interessiert hätte.

Was ist denn eigentlich charakteristisch für die Popliteratur?

Wahrscheinlich zumindest die Projektionsoberfläche, auf der immer enorm verallgemeinert wird. Z.B. werden die Pop-Protagonisten dauernd als “Schnösel“, markenbewusst, zynisch usw. beschrieben.

In Faserland, der Mutter aller Popromane, ist der Protagonist ja auch so.

Aber die Tendenz das in uns alle, als “Popliteraten“ Betitelte, hineinzuprojizieren ist sonderbar. Im Grunde agieren die Kritiker damit genauso oberflächlich, wie mit dem Vorwurf, die Popliteratur selbst sei oberflächlich.

Ein gutes Stichwort: Wie reagieren Sie auf Kritik? Die Rezensionen zu Hey, Hey, Hey waren ja sehr gemischt. Ärgert einen Autor das nicht manchmal, wenn augenscheinlich abgeschrieben bzw. deutlich wird, dass der Rezensent das Buch überhaupt nicht richtig gelesen hat?

Das ist unterschiedlich, weil ich die Kritiken dreigeteilt wahrnehme: Einmal als Journalist, einmal als Leser - und eben einmal als Autor, der dieses Buch geschrieben hat. Sicher ärgert man sich über unfaire Kritiken, allerdings war ich seit dem Spiegel-Artikel “Die Vorschusspanik“ (Dezember 2000) darauf vorbereitet. Wenn Kritiken nicht wirklich fundiert sind, tun sie auch weniger weh als ein Verriss, der aus einem Guss geschrieben und stichhaltig erscheint - aber das hat dann auch seine Reize.

Vorliebe für englischsprachige Autoren

Wen lesen Sie selbst gern?

Vor allem F. Scott Fitzgerald, der ist mir sicher der Liebste von allen. Des Weiteren sehr gern viele englischsprachige Autoren: D.H. Lawrence, Truman Capote, Egdar Allen Poe, Oscar Wilde oder auch sehr gern Thomas Mann, um mal einen deutschen Autoren zu nennen.

Wie sehen Sie den Roman heute - würden Sie Dinge anders machen, anders schreiben?

Oh ja, einiges würde ich ändern. Manchmal denke ich, ich kann den Roman gar nicht mehr lesen, weil ich soviel umschreiben würde. Nicht in der Konzeption des Romans, aber sprachlich einzelne Passagen.

Woran schreiben Sie gerade?

An einem neuen Buch, das sich vom Genre deutlich von Hey, Hey, Hey unterscheiden wird. Es geht eher in die Richtung Thriller. Mehr kann ich leider noch nicht verraten ...

Das Interview führte Nils Jacobsen.

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