Missmanagement führte zum Bankrott
Das hatte gerade noch gefehlt: Als kurz vor Weihnachten letzten Jahres der amerikanische Energieriese Enron die Insolvenz einreichte, wackelte die Branche weltweit. Die Angst ging bei den Anlegern um wie transparent bilanzieren Unternehmen wirklich? Vor allem: Wie gefährlich ist die Wette auf die einst so sicher geglaubten Energiewerte?
Inzwischen ist der Nebel größtenteils verzogen: Der Fall Enron das wurde schnell klar war eher das Ergebnis jahrelangen Missmanagements und kapitalen Größenwahns als die Büchse der Pandora der gesamten Energiebranche. Ganz im Gegenteil: Der Sektor boomt. Vor allem dem europäischen Markt kommt bei der bevorstehenden Konsolidierung eine Schlüsselrolle zu.
Alle Augen richten sich auf Europa
“Fast 80 Prozent aller weltweiten Fusionen und Übernahmen im Energiesektor spielen sich hier ab. Und es sind vorwiegend Europäer, die als Käufer auftreten, erklärt Mark Hughes, Gesellschafter beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers, gegenüber der Financial Times Deutschland.
In einer von der FTD in Auftrag gegebenen Studie hat PricewaterhouseCoopers den Energiesektor eingehend beleuchtet. Ergebnis der Studie: Allein im vergangenen Jahr wurden Übernahmen im Wert von fast 38 Milliarden Euro getätigt. Maßgeblich vorangetrieben würde die Welle der Mergers&Acquisitions dabei von europäischen Unternehmen: sieben der zehn größten Übernahmen wurden von Europäern vollzogen.
Den größten Coup landete dabei Deutschlands größter privater Energiedienstleister, e.on, mit der 13,8-Milliarden-teuren Übernahme des britischen Energieversorgers Powergen. e.on-Konkurrent RWE wollte dem offenbar nicht nachstehen und präsentiert den bisher schwersten Deal dieses Jahres die 5,4 Milliarden teure Übernahme der britischen Innogy.
Entsprechend hartnäckig werden die Gefechte um die Zukunft des Energiemarktes geführt. Im Zentrum der Animositäten der letzten Monate steht der Gaskonzern Ruhrgas. Die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE), deren Kerngeschäft klar im Wasser-Segment liegt, fühlen sich von e.on bedroht.
e.on und RWE auf dem Weg zu Global Playern
Dabei ist es noch gar nicht solange her, dass beide Konzerne selbst erst zu heutiger Größe heranwachsen mussten. Heute ist e.on mit einem Umsatz von rund 80 Milliarden Euro und mehr als 150.000 Mitarbeitern das drittgrößte Industrieunternehmen Deutschlands entstanden ist der Konzern jedoch erst im Juni 2000 durch die Verschmelzung von Veba und Viag.
Ebenso setzte die RWE im Jahr 2000 zur Expansion an: Durch den Kauf der Dortmunder VEW stieg RWE zum Energiekonzern mit europäischem Anspruch auf das Unternehmen wird inzwischen mit über 20 Milliarden Euro an der Börse bewertet.
Harter Kampf um Ruhrgas
Der Düsseldorfer Erzrivale, der genau wie die RWE das Multi-Utility-Multi-Energy-Konzept verfolgt, nach dem der Konzern die drei Energiefelder Wasser, Strom und Erdgas gebündelt anbietet, will die totale Dominanz im Gas-Sektor mit der Übernahme von Ruhrgas. RWE-Chef Dietmar Kuhnt macht deutlich: “So droht die Abhängigkeit vieler Versorger von einem Unternehmen.
Die Sorge hat offenbar auch das Bundeskartellamt, das den Plan zur Übernahme erst ablehnte nun wird in nächster Instanz vom Bundeswirtschaftsministerium entschieden. Besonders pikant: Bundeswirtschaftsminister Müller war zuvor als Vorstand bei e.on tätig.
Im Auge behalten müssen die beiden Energieriesen allerdings nicht nur den jeweiligen Konkurrenten, sondern auf europäischer Ebene vor allem die französische Electricité de France (EdF). Die Franzosen sind mit 31 Millionen Kunden nicht nur Marktführer in ihrem Heimatland, sondern als Stromkonzern auch bereits in ganz Europa. Und die Expansion nach Deutschland ist im Gange: So beteiligte sich die EdF unlängst bei Energie Baden-Württemberg.
Europäer vor Expansion in die USA?
US-Unternehmen können oder wollen da derzeit nicht mehr mithalten: Im Zuge des Enron-Debakels und der großen Energie-Krise in Kalifornien treten die amerikanischen Energiekonzerne in Europa erst einmal den strategischen Rückzug an, um zu Hause ihre Hausaufgaben zu erledigen.
Für das Top-Trio aus Europa könnten damit goldene Zeiten anbrechen: “Der europäische Markt entwickelt sich zu einer Superliga mit starken Spielern. Dabei bilden EdF, e.on und RWE eine Art Mega-Trio, das die Vorherrschaft in Europa anstrebt, um dann den Sprung auf den Weltmarkt zu machen, erklärt Hughes. In naher Zukunft könnten sich die Europäer so zur Expansion in die Neue Welt aufmachen diesmal, um den Energiemarkt zu erobern...
Nils Jacobsen



