Die Mütter aller Spiele
Die Verehrung für Go spiegelt sich nicht zuletzt im Firmennamen 'Atari' wider: Im Go-Spiel bedeutet der Begriff 'Atari' soviel wie 'Schach!'. Das gefiel dem Firmen-Gründer Nolan Bushnell, einem begeisterten Go-Spieler. Schach hat seinen Ursprung in Indien, wo es etwa im 6. vorchristlichen Jahrhundert aus einem Vier-Personen-Spiel namens 'Chaturanga' entwickelt wurde. In Europa breitete sich vom 15. Jahrhundert an eine etwas abgewandelte Version aus; einzelnen Figuren bekamen mehr Macht und das Spiel dadurch mehr Spannung. Backgammon entstand im dritten Jahrtausend im südlichen Mesopotamien. Das heutige Backgammon wurde im 17. Jahrhundert in England erfunden, wo es auch den Namen erhielt. Seinen Siegeszug trat es jedoch erst im 20. Jahrhundert an. Zu den modernen Klassikern unter den Brettspielen zählen 'Halma' (1883), 'Mensch ärgere dich nicht' (1912) und 'Monopoly' (1935). In jüngster Zeit sorgten vor allem 'Die Siedler von Catan' (1995), 'Tikal' (1999), 'Torres' (2000), 'Der Palast von Alhambra' (2003) und 'Zug um Zug'(2004) für durchspielte Nächte.
Ein eigenes System
Die Entwicklung der Gesellschaftsspiele seit 1945 wird vom Deutschen Spiele Archiv mit Sitz in Marburg erforscht. In Ermangelung eines allseits anerkannten Klassifikationssystems für Brett- und Tischspiele einerseits und Kartenspiele andererseits hat das Institut ein eigenes System erschaffen. Demnach lassen sich Brett- und Tischspiele in sechs Gruppen untergliedern: Würfel- und Glücksspiele, Legespiele, Denkspiele, Rollenspiele, Geschicklichkeits- und Aktionsspiele, Sonstige Spiele. Bei Kartenspielen unterscheidet das Deutsche Spiele Archiv drei Obergruppen: 1. Abstrakte Spiele (Kartenbesitzspiele, Augenspiele, Ablegespiele, Kartenkombinationsspiele); 2. Rollenspiele (Gesellschaftsspiele, Wirtschaftsspiele, Kriminal- und Agentenspiele, Abenteuerspiele, Kriegs- u. Konfliktsimulationsspiele, Fantasy- und SF-Spiele, Sport- und Rennspiele, Verkehrsspiele); 3. Kommunikationsspiele (Frage- und Antwort, Quiz, Wahrsagekarten, Kreativspiele).
Paradiesische Zustände
Klassiker wie Schach oder Skat hätten heutzutage keine Chance mehr auf dem heiß umkämpften Spielemarkt. Davon ist der Spieleautor Wolfgang Kramer überzeugt. Zu komplex die Regeln, zu langwierig die Einarbeitung. Bevor das Spiel seine Anhänger gefunden hätte, wäre schon die nächste Spiele-Generation in den Startlöchern. Allein auf dem deutschsprachigen Spielemarkt erscheinen jährlich über 300 neue Erwachsenenspiele. Kaum zu glauben, aber ein zuverlässiger Kreis von Spielbegeisterten sorgt dafür, dass die über 80 deutschen Spieleverlage jedes Jahr auf ihre Kosten kommen. Eine weltweit einmalige Situation. Nirgendwo sonst herrscht eine solche Vielfalt. Reiner Knizia, wie Kramer einer der Stars unter den deutschsprachigen Spieleautoren, spricht deshalb von "paradiesischen Zuständen". Der ehemalige Banker lebt seit 1997 vom Spiele-Erfinden. Seine Ludographie umfasst mittlerweile über 200 Titel. Jedes Jahr kommen 10 bis 20 Spiele hinzu, 'kleinere Sachen' wie Karten- und Kinderspiele nicht eingerechnet.
Orientierungshilfen im Spiele-Universum
Damit die Spielwilligen den Überblick nicht komplett verlieren, werden jährlich Spiel-Messen veranstaltet und Preise vergeben. Die wichtigste Auszeichnung - und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern weltweit - ist 'Das Spiel des Jahres'. Dieser Preis wird von einem zehnköpfigen Spielekritikerkomitee vergeben und kann die Verkaufszahlen um ein Vielfaches steigern. Belohnt werden meist neue, zukunftsweisende Spielideen. Im Jahr 2004 ging der 'Spiele-Oscar' an 'Zug um Zug', bei dem zwei bis fünf Spiele möglichst viele Städte Nordamerikas im Zug bereisen müssen - natürlich nur auf dem Spielplan. 'Kinderspiel des Jahres 2004' ist das Versteckspiel 'Geistertreppe' . Der 'Deutsche Spielepreis' steht eher für den Volksgeschmack, denn neben Fachhändlern und Journalisten sind auch passionierte Spieler an der Abstimmung beteiligt. Die ersten drei Plätze in der Kategorie Familien-/Erwachsenenspiel belegen 2004 1. 'Sankt Petersburg' , 2. 'San Juan' und 3. 'Goa'. Zum besten Kinderspiel wurde 'Dicke Luft in der Gruft' gekürt. Der Sonderpreis mit dem Titel 'Beispielhafte Regel' ging an 'Fifth Avenue'. Weitere Spielanreize bieten die jeweiligen Nominierungs- und Auswahllisten. Wer vor dem Kauf erstmal Probe spielen will, wird in Spiel-Leihstellen, so genannten Ludotheken, fündig. Dort helfen Ludothekare, die zum Teil an Spiele-Akademien ausgebildet wurden, bei der Auswahl.



