Inklusion – gut für Behinderte und Nicht-Behinderte
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Inklusion – gut für Behinderte und Nicht-Behinderte

Bild: Foto: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Charlotte Hoelbe, Geschäftsführerin der Werkstätten für Körperbehinderte Menschen (WKM), sieht täglich, wie Inklusion im Sinne der UN-Konvention von 2006 funktionieren kann. Sie sagt : „Wenn die Kinder unserer Mitarbeiter nach einer Woche Ferienbetreuung ihre Scheu verlieren und hinten auf den Rollstühlen der Werkstatt-Beschäftigen hängen, dann ist das so ein Beispiel.“ Denn so wie die UN-Konvention die Rechte von Menschen mit Behinderung definiert, bedeutet Inklusion das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, ein gegenseitiges Sich-Öffnen und Voneinander-Profitieren.

Charlotte Hoelbe, Geschäftsführerin der Werkstätten für Körperbehinderte Menschen (WKM), sieht täglich, wie Inklusion im Sinne der UN-Konvention von 2006 funktionieren kann. Sie sagt : „Wenn die Kinder unserer Mitarbeiter nach einer Woche Ferienbetreuung ihre Scheu verlieren und hinten auf den Rollstühlen der Werkstatt-Beschäftigen hängen, dann ist das so ein Beispiel.“ Denn so wie die UN-Konvention die Rechte von Menschen mit Behinderung definiert, bedeutet Inklusion das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, ein gegenseitiges Sich-Öffnen und Voneinander-Profitieren.

Doch weiß Hoelbe natürlich, dass Inklusion noch lange keine Selbstverständlichkeit ist. Eben darum sei die Arbeit der Pfennigparade-Beschäftigten so wichtig. „In unserer Leistungsgesellschaft finden wir Anerkennung vor allem über die Arbeit“, erklärt Hoelbe, „und diesen Anspruch an ihre Arbeit als Teil des Wirtschaftslebens haben unsere Leute auch an sich selbst. Sie fragen genau nach, wie ihre Beschäftigung aussehen würde, bevor sie sich entscheiden.“ Es sei etwas völlig anderes, Holzpuppen zu schnitzen, als für große Firmen wie Siemens, BWM oder Pro7 wichtige Dienstleistungen zu übernehmen. Eben deshalb fordert die UN-Konvention einen offenen Arbeitsmarkt für alle Menschen. Die traurige Wahrheit ist aber: Zwischen Ideal und Realität klafft auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, Jahre nach der Ratifizierung des Übereinkommens durch Deutschland (2009), eine große Lücke.

Qualifizierte Arbeit ist auch mit Behinderung möglich

Der Grundstein für die Pfennigparaden-Werkstätten  wurde dagegen bereits vor 40 Jahren gelegt, als die „legendären Zwölf“ bei Siemens anklopften. Zwölf Programmierer auf einmal – ob behindert oder nicht – konnte der Konzern zwar nicht unterbringen, doch vergab er einen zweijährigen Auftrag über die Erstellung eines Zeiterfassungsprogramms. Die Pfennigparade stellte Lochmaschinen in Schrankgröße auf und zog einen Folgeauftrag nach dem anderen an Land. Heute hat BMW Siemens als größten Kunden abgelöst.

Claudia Schnabel zählte zwar nicht zu den „Zwölf“, doch gehöre sie schon zum Inventar, scherzt sie. Seit 37 Jahren arbeitet Schnabel in der Massendatenerfassung. Gerade heftet sie säuberlich die Reisekostenbelege einer großen Firma ab. „Und ich kontrollier‘ die anderen“, erklärt sie. Mit Erfolg, was die mit 1,5 Prozent äußerst niedrige Fehlerquote der Abteilung beweist. „Frau Schnabel“, sagt Abteilungsleiter Michael Bauer augenzwinkernd, „ist ein Integrationserfolg“. Bereits seit 1976 hat sie einen regulären Arbeitsvertrag mit der „Pfennig“. Für Werkstattbeschäftigte ist das die Ausnahme, in der Pfennigparade jedoch häufig der Fall, in der Abteilung Besondere Werkstatt gar die Regel. Rund 220 qualifizierte Personen mit Körperbehinderung arbeiten in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen mit marktgerechten Gehältern als Programmierer oder in der Bürokommunikation – sowohl bei den Kunden vor Ort als auch auf Arbeitsplätzen innerhalb der Stiftung.

Michael Bauer ist überzeugt: Nicht nur die Ausgleichsabgabe und der schmückende Titel „soziales Unternehmen“ sind Gründe für die Kunden, sich auf dem Ersten Arbeitsmarkt  für die Stiftung zu entscheiden. „Wir garantieren Qualität, dank unserer hervorragend eingearbeiteten Beschäftigten und einer geringen Fluktuation.“

Neben dem Daten- und Dokumentenservice gehören ein Lettershop und eine IT-Abteilung zum Angebot der WKM, aber auch traditionelle Werkstätten wie Schreinerei, Keramikgruppe oder Kerzenatelier. Ganz bewusst sind diese Arbeitsstätten nicht alle im Schwabinger Stammhaus untergebracht, sondern über München verteilt. Dasselbe gilt für die Wohngruppen für Erwachsene und Kinder. „Auch das ist für uns gelebte Inklusion“, erklärt Pressesprecherin Eva Rosenstein „wenn unsere Beschäftigten und Bewohner im Stadtbild auftauchen, ihren Alltag außerhalb gestalten. Spielt sich alles nur auf dem Campus ab, ist die Gefahr der Isolation groß.“ Auch so setzt die Stiftung um, was die UN-Behinderten-Konvention einfordert: das Menschenrecht auf Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen.

Führungskräfte lernen von behinderten Künstlern

Doch sollen die Pfennigparaden-Mitglieder nicht nur ihren Platz in der Welt der Nicht-Behinderten einnehmen, sondern diese auch zu sich einladen. Zum Beispiel in die Groupe Smirage. In ihrem Atelier weisen behinderte Künstler ihre Besucher, häufig Führungskräfte, in die Malerei ein. Ein Perspektivenwechsel, von dem beide Seiten profitieren.

Auch wenn die Künstler an normalen Tagen unter sich bleiben, nehmen sie an der Welt „draußen“ teil: Ihre Werke werden ausgestellt und verkauft. Immerhin müssen die Werkstätten wirtschaftlich arbeiten. Geschäftsführerin Hoelbe erklärt: „Kunst ist bei uns Arbeit.“ Der Kreativität der Malgruppe tut das keinen Abbruch. Es entstehen beeindruckende Portraits, Landschafts- und Tierbilder sowie abstrakte Werke in Öl und Aquarell. Und es herrscht das Selbstverständnis vor, in erster Linie Künstler zu sein – statt behindert.

Auch in der digitalen Gruppe Mouse Art bleibt kein Zweifel am gefestigten Selbstbild der Photoshop-Profis. Sebastian Richter, der früher Koch war und seit drei Jahren zu Mouse Art gehört, sagt: „Natürlich bin ich Künstler. Am liebsten bearbeite ich eigene Fotos von Menschen, Tieren und Gebäuden.“ Wie viele andere Werkstatt-Beschäftigte wohnt der 26-jährige Rollifahrer in einer ambulanten Wohngruppe. Er und seine zwei Mitbewohner leben selbstständiger, als es in einer stationären Wohngruppe möglich wäre, sind aber nicht ganz auf sich gestellt – dank der psychosozialen Betreuung, die etwa mit Kostenträgern verhandelt, Fahrdienste und persönliche Assistenten vermittelt, sowie dem ambulanten 24-Stunden-Pflegedienst.

Die in 13 Tochtergesellschaften gegliederte Stiftung Pfennigparade garantiert eine umfangreiche therapeutische Begleitung. Dank der kurzen Wege auf dem Campus können die Werkstatt-Beschäftigten ihre Therapien und Arztbesuche während der Arbeitszeit absolvieren.

Inklusive Schule: Gemeinsam lernen von Anfang an

Und weil Inklusion am besten funktioniert, wenn sie früh beginnt, bietet die Pfennigparade von der Krippe über die integrative Grund- und Hauptschule bis zur inklusiven Real- und Fachoberschule Kindern und Jugendlichen jeden Alters die Möglichkeit, gemeinsam – und voneinander – zu lernen. „Die Warteliste für Kinder ohne Behinderung ist lang“, sagt Rosenstein, „die familiäre Atmosphäre und der gute Betreuungsschlüssel überzeugen viele Eltern von den Vorteilen unserer staatlich anerkannten Schulen.“ Mit dem 2004 eröffneten Phoenix-Förderzentrum verfügt die Stiftung außerdem über die erste konduktive Schule mit heilpädagogischer Tagesstätte in Deutschland. Kinder mit Cerebralparese werden nach dem Förderschul-Lehrplan konduktiv gefördert: Die Trennung zwischen Unterricht und Therapie fällt weg, Pädagogen und Therapeuten arbeiten gemeinsam im Klassenzimmer. Besonders in der Motorik profitieren viele Kinder, sagt Rosenstein.

Und am Ende ist ihr noch etwas wichtig: „Zwischen Schule und Arbeit hat die Pfennigparade bewusst eine Lücke gelassen und kein Berufsbildungswerk integriert. Die Menschen sollen, sofern es ihre Einschränkung erlaubt, nach der Schule selbstständig eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz suchen.“ Die Unterstützung der Stiftung, zum Beispiel durch den Sozialdienst, ist ihnen immer sicher. Ebenso die Arbeitsplatzgarantie in den Werkstätten. Falls es auf dem ersten Arbeitsmarkt doch nicht auf Anhieb klappt.

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