Nicht alle Menschen lassen sich einem von zwei Geschlechtern zuordnen: Immer mal wieder kommen Babys auf die Welt, die aus biologischer Sicht weder eindeutig Junge noch eindeutig Mädchen sind. Die Fachwelt spricht in diesem Fall von Intersexualität oder auch "Disorders of Sex Development". Für diese Menschen gab es in Deutschland bisher keine amtliche Geschlechtsbezeichnung. Standesämter und sogar der Bundesgerichtshof hatten es abgelehnt, für Intersexuelle ein drittes Geschlecht einzuführen.
Ihnen blieb als einzige Alternative nur zu sagen: "Ich bin nicht männlich" und "Ich bin nicht weiblich." Das reiche jedoch nicht aus, kritisierte Lucie Veith, Vorstand des Bundesverbands Intersexuelle Menschen e.V., noch im August 2016. "Da bleibt dann eine Leerstelle – als hätten intersexuelle Menschen kein Geschlecht!" Jeder Mensch habe das verfassungsgemäße Recht auf die Anerkennung der eigenen Geschlechtsidentität. "Dieses Recht wird Intersexuellen verweigert und ihre Würde mit Füßen getreten."
Männlich, weiblich – oder inter
Das aber ändert sich jetzt: Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass im Geburtenregister nun doch ein drittes Geschlecht eingetragen werden darf. Damit sind intersexuelle Menschen in amtlichen Dokumenten nicht mehr nur eine Leerstelle. Stattdessen können sie ihre geschlechtliche Identität voraussichtlich ab Ende 2018 "positiv" eintragen lassen – bis dahin soll der Gesetzgeber eine entsprechende Regelung schaffen. Künftig könnte dort dann etwa "inter" oder "divers" stehen.
Das Gericht begründet sein Urteil mit dem im Grundgesetz geschützten Persönlichkeitsrecht und schafft damit mehr Gerechtigkeit für Personen, die laut einer Umfrage des Deutschen Ethikrats im Alltag besonders häufig diskriminiert und angegriffen werden – für Personen, die amtlich bisher nicht existieren.
Betroffenenzahl unklar
In Deutschland sind das Schätzungen zufolge rund 100.000 Menschen. Wie groß die Zahl der Intersexuellen hierzulande jedoch wirklich ist, weiß niemand. Denn noch bis Ende 2013 musste auf Geburtsurkunden entweder männlich oder weiblich eingetragen werden. Erst seitdem kann das Geschlecht auch offen bleiben. Mit der geplanten Neuregelung wäre Deutschland das erste europäische Land, in dem die Registrierung eines dritten Geschlechts möglich ist.
Die Ursachen dafür, dass jemand geschlechtsmäßig irgendwo zwischen Frau und Mann liegt, können vielfältig sein. Ein möglicher Grund ist die Genetik. Genauer: das chromosomale Geschlecht. Frauen tragen in ihrem Erbgut zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Von diesen typischen Unterschieden kann es Abweichungen geben.
Von genetischen Ursachen...
So kommen manche Menschen beispielsweise mit nur einem intakten X-Chromosom auf die Welt. Ein zweites Geschlechtschromosom fehlt oder ist defekt. Kinder mit diesem sogenannten Turner-Syndrom haben in der Regel alle weiblichen Geschlechtsorgane, aber nur sehr selten funktionstüchtige Eierstöcke. Als Folge kommen sie nicht oder nur verzögert in die Pubertät und können später keine eigenen Kinder zeugen.
Auch im Laufe der embryonalen Entwicklung kommt es mitunter zu Fehlern: Beim menschlichen Embryo kann bis zur sechsten Schwangerschaftswoche nicht zwischen männlichen und weiblichen Keimdrüsen unterschieden werden. Die Organe beider Geschlechter entstehen aus denselben Anlagen. Bei der weiteren Differenzierung kann es zu Uneindeutigkeiten beim Geschlecht und zu Fehlbildungen der Geschlechtsorgane kommen.
... bis hin zu hormonellen Gründen
So können die äußeren männlichen Geschlechtsorgane zum Beispiel nach innen wachsen, sodass männliche Personen lange Zeit nicht als solche erkannt werden. Beim Müller-Gang-Persistenz-Syndrom haben die Neugeborenen dagegen männliche Genitalien, aber auch weibliche innere Geschlechtsorgane. Sie sind aus anatomischer Sicht weder eindeutig als Mann noch als Frau zu bezeichnen.
Oft sind auch die Hormone schuld an einer Intersexualität: Häufig ist etwa das Adrenogenitale Syndrom, bei dem die Nebenniere trotz eines weiblichen Chromosomensatzes vermehrt männliche Sexualhormone wie Testosteron ausschüttet. Als Folge vermännlichen betroffene Mädchen – unter anderem ist ihre Klitoris stark vergrößert. Ein anderes Beispiel betrifft Jungen: Weil ein Enzym bei Betroffenen nicht richtig funktioniert, wandelt der Körper das Geschlechtshormon Testosteron nicht ausreichend in seine aktive Form um. Dadurch wird die Entwicklung der Geschlechtsorgane gehemmt: Die Hoden verbleiben oft im Unterleib, der Penis wirkt wie eine leicht vergrößerte Klitoris.
Insgesamt gibt es je nach Definition bis zu hundert verschiedene Arten und Ausprägungen von Intersexualität: Manche Betroffene fühlen sich männlich, manche weiblich – und manche nichts von beidem. In Zukunft haben diese Menschen in Deutschland die Möglichkeit, dies auch ganz offiziell zum Ausdruck zu bringen.



