“Langsamkeit kann auch produktiv sein!“
Wie kommt ein Wirtschaftspädagoge eigentlich dazu, sich mit dem Thema Zeit zu beschäftigen?
Der Anlass bei mir war meine praktische Tätigkeit als Berufsschullehrer. Ich merkte, dass Berufsschüler große Probleme haben, vom Rhythmus des Arbeitens auf den Rhythmus des Lernens umzustellen. Das war der Auslöser, über die verschiedenen Formen des Umgangs mit der Zeit nachzudenken. Inzwischen mache ich zu 80 Prozent Zeitforschung. In Zusammenhang mit der Wirtschaftspädagogik stehen dabei Themen wie z.B. die aktuelle Diskussion um die Ganztagsschule, bei der auch Zeitmuster des Lernens berücksichtigt werden. Unabhängig davon faszinieren mich Alltagsphänomene, die mit der Zeitdynamik zu tun haben, wie z.B. die Umstellung der Uhr zweimal im Jahr. Es ist erstaunlich, dass wir das noch machen, obwohl es eigentlich keinen Grund mehr dafür gibt.
Und warum wird diese Regelung dann beibehalten?
Im letzten Jahrhundert wurde in den Krisenzeiten im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Sommerzeit eingeführt, weil man Energie sparen wollte. In Deutschland griff man das dann Anfang der 1970er Jahre im Zuge der Ölkrise wieder auf.
Das Energiesparen ist heute nicht mehr der Grund, denn die mittlerweile privatisierte Energiewirtschaft hat ja eigentlich ein größeres Interesse daran, dass Energie verbraucht als dass sie gespart wird. Es geht möglicherweise einfach darum – auch wenn das so nie geäußert wird –, dass es konsumfreundlicher ist: Man kann im Sommer länger draußen sitzen und mehr in den Lokalen konsumieren.
Dahinter steckt allerdings eine ganz andere Logik, weswegen ich die Umstellung auch begrüße: Es erinnert daran, dass die Zeit bzw. die Zeitordnung menschengemacht ist. Die Herrschenden haben immer die Zeit organisiert – erst die Kirche, dann die Landesherren, später die Unternehmer, heute bestimmt sie das Europäische Parlament. Es wird also bis heute sichtbar gemacht, dass die “Mächtigen“ die Zeitordnung und die Uhren verändern können, es sich also nicht um eine natürliche Ordnung handelt.
Seit wann gibt es eigentlich den Begriff Zeit?
Erst 1750 ist das Wort Zeit in die Alltagskommunikation als Begriff eingeführt worden. Seit der Mensch die Zeit in die eigene Hand genommen hat – in Form der Zeitmessung –, seitdem wird über Zeit gesprochen. Die Bauern früher haben nur über das Wetter geredet. Man sieht das daran, dass in allen romanischen Sprachen die Begriffe Wetter und Zeit identisch sind. In anderen Ländern hat man sich nicht am Wetter, sondern stärker an den Gezeiten orientiert, daher auch unser deutsches Wort Zeit.
Die Einführung der mechanischen Uhr ist sozusagen die Loslösung von erlebbaren Naturprozessen, d.h. wir haben Zeit abstrakt und leer gemacht. Nehmen Sie den Unterschied zwischen einer Sonnen- und einer Kirchturmuhr: Wenn Ihnen jemand sagt, die Sonnenuhr zeigt zwölf Uhr an, dann wissen Sie immer, dass das Wetter schön und es Tag ist – es handelt sich also um eine qualitative Zeit. Bei einer mechanischen Uhr ist das ganz anders. Dafür hat diese den Vorteil, dass man sie selber umstellen kann, bei der Sonnenuhr geht das nicht.
Gegen das Diktat der Zeit
Im Berufsleben klagen immer mehr Menschen über Stress und Zeitmangel. Kann man sich dem Diktat der Zeit heute überhaupt entziehen?
Diese Strömung wird natürlich vor allem durch die Ökonomie bestimmt. Der Trend wird sich generell verschärfen, aber gleichzeitig erhöhen sich auch die Möglichkeiten, individuell auszusteigen: Man kann in Urlaub fahren und die Uhr zu Hause lassen, man kann “Auszeiten“ nehmen – vorausgesetzt, man kann es sich finanziell leisten.
Ich denke, wir sollten auch genauer hinschauen, was Leute, die nicht so gut im Beschleunigen sind, für Produktivkräfte haben. Langsamkeit kann ja auch produktiv sein, z.B. wenn es um die Einführung eines neuen Produkts auf dem Markt geht: Man muss wissen, wann das Produkt ausgereift ist, wann der richtige Zeitpunkt zur Einführung gekommen ist. Wenn jemand dabei nur schnell ist, kann das eine Katastrophe sein.
Man muss einen Blick dafür bekommen, wie wertvoll andere Zeitformen sind – wir sind da zwar auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht angekommen.
Kann das Leben denn noch schneller werden?
Wir beschleunigen heute nicht mehr über Schnelligkeit, sondern über Gleichzeitigkeit, also Zeitverdichtung. Schauen Sie sich z.B. CNN an, man erhält dort zum Teil vier Informationen gleichzeitig. Mit dem Computer kommunizieren wir heute ja schon in Lichtgeschwindigkeit, da geht es nicht mehr schneller – es muss also verdichtet werden.
Warum unterwerfen sich viele Menschen auch privat dem so genannten “Freizeitstress“? Ist das ein echtes Bedürfnis oder spielt der Trend eine Rolle?
Es ist sicherlich beides: Eine Verführung, die ökonomisch hochprofitabel ist, auf der Basis eines Bedürfnisses. Der Mensch weiß, dass er endlich ist und stirbt – trotz allen Zeitmanagement-Systemen beträgt die Todesrate immer noch 100 Prozent. In dieses Leben will man deshalb möglichst viele Erfahrungen und Erlebnisse packen, man will intensiv leben.
Erst seit 300 Jahren sieht man das Leben ja nicht mehr als Gott gewidmet und auf die Ewigkeit gerichtet an. In dem Moment, in dem wir unser Leben in die eigene Hand nehmen und sagen “die Zukunft bestimme ich und nicht der liebe Gott“, müssen wir permanent um ein erfülltes Leben kämpfen. Wir müssen möglichst viel Erfolg haben, möglichst viel konsumieren, um das Glück zu erreichen, das man sich vorstellt.
Die Folge ist, dass wir einen noch nie in der Geschichte da gewesenen Güter- und Erlebniswohlstand haben. Das ist die Logik des Kapitalismus: Wer viel produziert, muss auch viel konsumieren und viele Erlebnisse verkaufen. Deshalb entsteht der Freizeitstress.
Wenn man viele Erlebnismöglichkeiten hat, muss man seine Zeit natürlich auch besser organisieren, d. h. zu all diesen Möglichkeiten kommt zusätzlich die Belastung durch permanente Zeitorganisation dazu. Man muss sich Zeit nehmen zur Zeitorganisation! Schauen Sie sich nur die Familieninteraktionen an, die heute zum Teil wie Bürobesprechungen aussehen, alle organisieren permanent Zeit.
Für eine neue Kultur der Zeit
Ihrer Meinung nach braucht eine Gesellschaft eine Zeitkultur, zu der Pausen gehören, sie muss eine Synthese aus Langsamkeit und Schnelligkeit erreichen. Wie kann das aussehen?
Auch hier gilt: Auf der einen Seite werden gesellschaftliche Pausen immer weniger, Schnelligkeit ist das Prinzip gesellschaftlicher Entwicklung. Auf der anderen Seite steigen die individuellen Möglichkeiten durch Gleitzeit, durch flexiblere Arbeitszeiten, durch Zeitkonten aus dieser Dynamik von Zeitkontrolle und -verdichtung auszusteigen. Diese Möglichkeiten bilden eine Art Gegenpol, weil sonst viele Menschen gar nicht mehr mithalten könnten. Antidepressiva und Schlafmittel – ich nenne Sie gerne “Zeitmanipulationsinstrumente“ – haben heute Verkaufssteigerungsraten von jährlich acht Prozent!
Das Dilemma ist, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist, die das Zeitmuster Rhythmus hat. In der Natur kehrt alles wieder, aber mit Abweichungen. Nehmen Sie z.B. den Herzrhythmus: Die Schläge sind nicht identisch, die Belastungen variieren. Dadurch können bis zu einem gewissen Grad stärkere Ausschläge ausgeglichen werden. Die Uhr aber schlägt immer gleich. Wenn wir alles in unserem Leben vertakten, ist die Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt zu bekommen, sehr hoch. Sie können die Menschheit nur bis zu einem gewissen Grad vertakten. Das Problem heute ist, dass solche Ruhephasen wie eben der Sonntag abgebaut werden sollen. Die Gesellschaft schiebt dem Einzelnen die Freiheit und den Organisationsaufwand zu, sich selbst um diese Pausentage und damit um seine Gesundheit zu kümmern.
Wie kann man wieder lernen, dass Zeit kostbar ist?
Die Zeit besteht aus einer Vielzahl von Zeitformen, eben nicht nur aus Beschleunigung. Zu den Zeitformen, die sie in der Natur finden, gehören Schnelligkeit, aber auch Langsamkeit, das Warten, Pause, Wiederholung. Die Vielfalt von Zeitformen macht die Lebensqualität aus. Es ist ganz schädlich, wenn man nur eine Zeitform, also ein Monopol des “Alles schneller“ lebt.
Der Mensch und die Gesellschaft brauchen, wenn sie beschleunigen, auch stabile Faktoren. Es muss also eine Balance zwischen Stabilität und Flexibilität geben. In Betrieben sollte z.B. bei der Einführung eines neuen Systems, das die Prozesse beschleunigt, darauf geachtet werden, dass andere Abläufe eben nicht verändert werden, damit etwas stabil bleibt. Wenn sich alles ändert, empfindet das der Betroffene sofort als Bedrohung. Man muss also sagen: Es ändert sich etwas, aber das Andere bleibt gleich. Allein diese Balance bringt die Sicherheit und eine vernünftige Motivation, sowohl bei der Arbeit als auch im Leben.
Bis in die 1970er Jahre haben wir sehr auf Stabilität gesetzt: Arbeitsanfang um 8.00 Uhr, Pünktlichkeit, Standardisierung mit Hilfe der Uhr. Das war zu viel des Guten, Neues wurde erst durch Flexibilität möglich. Jetzt übertreibt man es meiner Meinung nach aber in dieser Richtung und baut alles Stabile zugunsten von Flexibilität ab.
Wie gehen Sie ganz privat mit Ihrer Zeit um?
Ich komme natürlich auch hin und wieder in Zeitstress, aber ich habe auch einiges gelernt bei meiner Forschung. Ich lasse mir relativ viele “Zeitlöcher“, suche Stabilität in meinem Leben, um gleichzeitig auch flexibel sein zu können. Dabei helfen auch Rituale wie das tägliche Zeitung lesen oder das gemeinsame Abendessen mit der Familie. Feststehende Termine sind in dieser Hinsicht sehr entlastend, weil man nicht über Zeit reden muss – Sie wissen von vornherein, was Sie abends um sieben Uhr machen, Sie müssen nichts abstimmen.
Zum Abschluss möchten wir Sie bitten, folgende Sätze zu ergänzen!
“Ich habe zu Hause keine Uhren, weil ...
...mich Uhren immer an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern.“
“Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, ...
...dann würde ich so leben wie auch jetzt.“
“Wenn es ein Ministerium für Zeit gäbe, ...
...würde ich das sehr begrüßen und mir wünschen, dass dieses Ministerium die Vielfalt von Zeitmustern förderte und nicht nur die Schnelligkeit.“
“Wenn ich meinen Tag um eine Stunde verlängern würde, ...
...dann würde ich in dieser Stunde gar nichts machen.“
“Der Ausdruck die Zeit totschlagen bedeutet für mich ...
...zum Glück nur eine Illusion, sonst würde man nämlich Menschen totschlagen und nicht die Zeit.“
“Ich halte Pünktlichkeit für eine Tugend, weil ...
...ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich Pünktlichkeit für eine Untugend halte!“
Das Gespräch führte Dina Wiczorke, wissen.de.
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Geißler, Karlheinz: Zeit, verweile doch
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Universität der Bundeswehr München
Institut für pädagogische Praxis
Website von Prof. Geißler



