Henning Mankell:
Wir leben in einer schrecklichen Welt, das sollte jedem bewusst sein. Immer weniger haben immer mehr und immer mehr immer weniger - das darf nicht so weiter gehen. Fast alle wirklich großen Probleme kann man auf diesen Gegensatz von Arm und Reich zurückführen. Und deshalb gilt es auch diese Ungerechtigkeit als erstes zu bekämpfen, damit wir wieder auf eine bessere Welt hoffen können. Eigentlich müsste ich bei diesem komplexen Thema viel weiter ausholen, die Kluft zwischen Arm und Reich ist nur ein erster Erklärungsansatz.
wissen.de:
Sie sagen, Sie wollten immer Schriftsteller sein und wollen es den „Profis“ in der Politik überlassen, ein neues Sozialsystem zu schaffen. Das bedeutet vor allem für die reicheren Menschen Verzicht und unangenehme, einschränkende Maßnahmen. Ist es nicht sehr einfach, „nur“ darüber zu schreiben und anderen die Umsetzung zu überlassen?
Henning Mankell:
Seit ich denken kann, kümmere ich mich um politische und gesellschaftliche Fragen. Noch nie habe ich akzeptiert, dass man die wichtigen Entscheidungen den Politikern überlässt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich viel Zeit und Energie in andere Dinge als die Schriftstellerei stecke.
wissen.de:
Können Sie aufgrund Ihres literarischen Engagements - unter anderem auch in Form Ihres eigenen Verlags „Leopard förlag“ - für Ihre Wahlheimat Afrika bereits Erfolge feststellen? Oder verpufft die Wirkung zwischen den zwar kraftvoll-poetischen Zeilen an der rauen, oft schrecklich trägen Wirklichkeit?
Henning Mankell:
Afrika hat mich eine Menge über die Kunst und das Schreiben gelehrt - aber auch das Leben. Aber es gibt keine einfache Antwort auf Ihre Frage. Ich glaube jedoch, um ein Beispiel heraus zu greifen, dass ich neue Ansätze gefunden habe, um nicht lineare und nicht chronologische Geschichten zu erzählen.
wissen.de:
Man bekommt als Außenstehender den Eindruck, dass Ihnen Romane wie „Der Chronist der Winde“ über Afrikas Straßenkinder die echte Verwirklichung als Autor sind.
Henning Mankell:
In gewisser Hinsicht stimmt das, aber in der Schriftstellerei habe ich keine Lieblingskinder. Jeder Text entsteht mit derselben Hingabe - auch dieses Interview.
wissen.de:
Haben Sie Wallander durch seine Tochter ablösen lassen, weil schon alles erzählt ist?
Henning Mankell:
Ganz im Gegenteil - durch die Augen der Tochter kann ich Vieles noch einmal aufgreifen und aus einem neuen Blickwinkel beleuchten. Kinder sind immer Experten ihrer Eltern.
wissen.de:
Wie gehen Sie an Ihre Romane heran? Sie betonen, bereits alles zu wissen, sogar die Anzahl der Seiten? Wie geht denn das?
Henning Mankell:
Ich bereite mich sorgfältig auf jedes neue Projekt vor. Man kann keine Geschichte erzählen ohne das "was?" und das „warum?" zu kennen. Eine detaillierte Planung gibt einem größeren Freiraum zu improvisieren.
wissen.de:
Sie haben so ziemlich alle Auszeichnungen erhalten, die man sich als Autor wünscht. Welche liegt Ihnen noch am Herzen?
Henning Mankell:
Mir sind alle gleich wichtig.
wissen.de:
Herr Mankell, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




