“Der Ring sieht überall gleich aus”
Herr Klitschko, Sie haben in diesen Tagen die Filmbiografie von Muhammad Ali im Kino gesehen: Wie hat Ihnen der Film gefallen?
Klitschko: Ich muss sagen, dass der Film vom Schauspielerischen her gut gemacht ist, Will Smith hat sehr gut gespielt. Die Bilder sind gut gedreht, der Sound, die Musik sind sehr gut. Es wird richtig gutes Boxen gezeigt. Das Charisma von Ali kann man aber nicht spielen, außerdem reicht die Filmlänge nicht aus, um die Lebensgeschichte von Muhammad Ali darzustellen.
Welche der Eigenschaften von Muhammad Ali hätten Sie gerne?
Klitschko: Am Anfang habe ich ihn zwar ein wenig laut gefunden, aber es ist schon ein scharfer und präziser Humor, der ihn auszeichnet. Jeder Mensch hat positive und negative Seiten, auch Muhammad Ali hat sicher schlechtere Seiten gehabt, wie jeder Mensch, aber über die will ich nicht sprechen. Eine rein sportliche Sache ist, wie schnell er sich im Ring bewegt hat. Und sein schauspielerisches Talent, das er besitzt, d.h. gute Witze zu machen und das im richtigen Moment zu verkaufen. Das ist etwas, was man sich von ihm abschauen kann.
Der Universum-Boxstall will mit den Klitschko-Brüdern Kämpfe in den USA veranstalten. Sie haben dort bereits erfolgreich geboxt. Was ist in amerikanischen Boxringen anders als in Europa, was ist der typisch amerikanische Boxstil?
Klitschko: Typisch amerikanisch ist es, mit viel Power nach vorne zu marschieren, na ja. Die Europäer setzen ihre Technik dagegen, mit Abwarten und so.
Was antworten Sie einem Amerikaner, der behauptet, wenn Sie auf einen amerikanischen Boxer der Spitzenklasse stoßen oder auf den britischen Weltmeister Lennox Lewis, dann sähen Sie alt aus?
Klitschko: Das Alter spielt verschiedene Rollen. Auf der einen Seite wird man langsamer, auf der anderen Seite hat man mehr Routine und weiß, was man machen muss. So wie “Kaiser” Beckenbauer: Als er jung war ist er hin und her gelaufen, dann – am Ende der Karriere – hat er mehr auf seine Erfahrung gebaut und war zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle, und hat genau das Richtige getan, ohne sich viel zu bewegen.
Sie haben Recht Herr Klitschko, aber wir haben uns falsch verstanden: Wenn ein amerikanischer Boxexperte meint, Sie sähen in einem Kampf gegen Holyfield, Tyson oder Lewis schlecht aus. Was antworten Sie?
Klitschko: (Pause) …Falsche Meinung!
Können Sie das begründen?
Klitschko: Der Ring sieht überall gleich aus, ob in Europa, Japan oder Amerika. Es kann nicht sein, dass man sich in Amerika im Ring anders fühlt.
Wann kommt es zum großen Fight gegen Lewis, Tyson oder Holyfield?
Klitschko: Es ist noch nicht entschieden, was Lewis machen wird, gegen wen er kämpft usw. Ich weiß noch nicht mal, wann mein nächster Kampf ist, wahrscheinlich im November oder Dezember, das steht noch nicht fest.
Bei einer anderen Gelegenheit haben Sie gesagt, ein Boxkampf wird fast ausschließlich mental – d.h. im Kopf – entschieden. Was meinen Sie damit?
Klitschko: Ich meine damit, dass es sein kann, dass man technisch sehr stark ist und große Schlagkraft hat. Aber wenn man vor einem Kampf im Kopf nicht stark ist, kann man nur mit reiner Schlagkraft nichts machen. Es ist wie in der Schule: Man kann sich sehr gut vorbereiten auf eine Prüfung, aber wird man zu nervös, dann vergisst man alles.
“Ich wollte unbedingt reisen”
Wenn Sie nicht Boxer geworden wären, welchen Beruf hätten Sie dann ergriffen?
Klitschko: Dann wahrscheinlich Arzt, genauer gesagt Militärarzt. Ich habe drei Wege gehabt: Mit 14 Jahren sollte ich mich entscheiden, eine Militärschule anzufangen, weil Vater und Großvater und Urgroßvater auch alle beim Militär waren. Ich bin im Militärlager aufgewachsen, immer hin und her gereist, ich habe sozusagen nichts anderes gesehen, als ich klein war...
Der zweite Weg war, ich wollte nach dem Buch von “Robinson Crusoe” Länder sehen und die Welt kennen lernen. Ich wollte unbedingt reisen. Das war nur möglich als Politiker oder Sportler. Während der Schulzeit bin ich also mit anderen Jungs immer zwei-, dreimal die Woche zum Boxtraining und wollte später eine Sportschule besuchen. Als Beispiel diente mir mein Bruder Vitali. Er hatte schon angefangen, ins Ausland zu gehen.
Der dritte Weg, den schwersten, habe ich auch angefangen. Ich wollte Hals-Nasen-Ohren-Arzt studieren. Ich hatte schon alle Unterlagen beisammen und abgegeben, habe im Sekretariat vorgesprochen und gesagt bekommen, dass am Montag die erste Prüfung sei. “Kommen Sie pünktlich”, sagte die Sekretärin, schob die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch von links nach rechts, und blickte plötzlich auf mein Geburtsdatum: “Wie alt sind Sie, 14 Jahre? Junger Mann, Sie sollten noch zwei Jahre warten, mit 16 können Sie das Studium anfangen. Sie können auch sofort anfangen, aber nur als Krankenpfleger.”
Stimmt es dass ihr Vater General war?
Klitschko: Er ist noch beim Militär, zur Zeit noch im aktiven Dienst, eine Stufe vor dem Generalsrang.
Noch einmal zurück zu Muhammad Ali. Wenn Sie in seiner besten Zeit gegen ihn geboxt hätten – mal ehrlich: wie wäre der Kampf ausgegangen?
Klitschko: Ich möchte nicht spekulieren. Ich würde immer sagen, ich bin bereit und ich werde jeden Kampf gewinnen, weil ich im Boxen keinen Zweifel lassen möchte. Aber ich möchte nicht über Muhammad reden. Es sind verschiedene Zeiten und ich will mich nicht mit ihm vergleichen.
Was machen Sie in ihrer Freizeit, wenn Sie sich entspannen wollen?
Klitschko: Wakeboard, Snowboard, Rollerblades, Internet, Sprachen, meine Emotionen in Sprachen ausdrücken. Außerdem macht es mir echt Riesenspaß, das ist kein Witz, meine Doktorarbeit auf Deutsch zu präsentieren.
Welches Buch liegt gerade auf ihrem Nachttisch?
Klitschko: Dort liegen zwei Bücher. Das eine ist ein historischer Thriller, den ich auf russisch lese. Auf deutsch lese ich “Der Todestrieb. Autobiografie eines Staatsfeindes” von Jacques Mesrine, die Geschichte des meistgesuchten französischen Verbrechers der 1970er Jahre.
Herr Klitschko, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.



