Ist Lesen im Dunkeln wirklich schlecht für die Augen?
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Ist Lesen im Dunkeln wirklich schlecht für die Augen?

Bild: Foto: Horst Sturm, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

"Mach das Licht an beim Lesen, du verdirbst dir die Augen!" Diese Ermahnung haben vermutlich viele als Kind schon gehört. Aber ist diese elterliche Sorge überhaupt begründet? Kann Lesen bei zu schummrigem Licht tatsächlich zu Kurzsichtigkeit oder anderen Sehstörungen führen?

Kurzsichtigkeit entsteht, wenn der Augapfel in der Kindheit zu stark in die Länge wächst. Das von der Augenlinse erzeugte Bild trifft dadurch nicht mehr genau auf die Netzhaut, sondern liegt kurz davor - wir sehen unscharf. 30 Prozent der Menschen in den westlichen Ländern und sogar bis zu 80 Prozent der Asiaten sind von der Kurzsichtigkeit betroffen. Und die Zahl der Betroffenen wächst: Wissenschaftler schätzen, dass in zehn Jahren bereits 2,5 Milliarden Menschen kurzsichtig sein werden.

Was lässt den Augapfel wachsen?

Als Ursache vermutete man schon früh eine erbliche Komponente, denn Kurzsichtigkeit tritt oft gehäuft in Familien auf. An 24 Orten im Erbgut haben Forscher inzwischen tatsächlich eine direkte Verbindung mit der Kurzsichtigkeit gefunden. Bei wem diese Bereiche verändert sind, der hat ein zehnfach höheres Risiko kurzsichtig zu werden. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass die Entstehung einer Kurzsichtigkeit nicht alleine erblich bedingt ist: Auch die Umwelt und im Speziellen das Licht spielen eine wichtige Rolle.

Die Weichen werden dabei vor allem in der Kindheit gestellt: Forscher haben festgestellt, dass in der Wachstumsphase des Auges feine Details scharf auf der Netzhaut abgebildet sein müssen, um ein übermäßiges Ausdehnen des Augapfels zu verhindern. Wachsen Kinder beispielsweise mit einer getrübten Augenlinse auf, vergrößert sich ihr Augapfel übermäßig stark - das Auge versucht so, die vermeintliche Weitsichtigkeit zu korrigieren. Die Kinder werden kurzsichtig. Aber nicht nur getrübte Sicht, sondern auch Lichtmangel kann diesen Effekt auslösen, wenn auch in geringerem Ausmaß.

Stubenhocker werden eher kurzsichtig

Was aber heißt das für uns? Hinterlässt das Lesen unter der Bettdecke oder in der dunklen Zimmerecke tatsächlich bleibende Schäden? Studien zeigen, dass Kurzsichtigkeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor allem unter Schulkindern dramatisch zugenommen hat. Wissenschaftler beobachteten dabei einen engen Zusammenhang zwischen der in der Schule verbrachten Zeit und der Sehschwäche. Laut den Forschern ist der Anteil der kurzsichtigen Kinder in Asien stark angestiegen, als sich dort das Bildungsniveau verbesserte und die Kinder mehr Zeit in der Schule und über ihren Hausaufgaben verbrachten.

Aber ist daran wirklich das Lesen schuld? Die Ergebnisse dazu sind widersprüchlich. Forscher halten es aber für wahrscheinlich, dass die Ursache weniger das Lesen per se ist, als vielmehr das vermehrte Stubenhocken der Kinder. Die Kinder verbringen heute mehr Zeit in geschlossenen Räumen und halten sich weniger im Freien auf. Dadurch sind ihre Augen seltener dem hellen, direkten Licht der Sonne ausgesetzt. Wie man aber weiß, führt das helle Tageslicht dazu, dass im Auge der Botenstoff Dopamin freigesetzt wird. Dieser wiederum verhindert, dass der Augapfel übermäßig wächst.

Dieser Zusammenhang kann auch erklären, warum Stadtkinder häufiger kurzsichtig sind als Kinder auf dem Land. Sie spielen weniger häufig draußen als ihre ländlichen Altersgenossen. In China und Singapur sind sogar bereits Pilotprogramme im Gange, die Familien gezielt zu mehr Freizeitaktivitäten draußen anregen sollen. Auch wenn die Ergebnisse dieser Studien noch nicht vorliegen: Es kann den Augen sicher nicht schaden, wenn Leseratten auch bei uns häufiger mal nach draußen gehen. Nach heutiger Sicht spricht vieles dafür, dass dies die Belastung der Augen durch das Nahsehen zumindest in Teilen ausgleichen kann. Kinder, die sich oft und lange draußen aufhalten, können es sich dann hin und wieder erlauben heimlich unter der Bettdecke im Schummerlicht zu lesen. Denn schließlich macht das das Lesen besonders spannend.

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