Großer kleiner Unterschied
"Gene oder Gesellschaft?" ist eine Gretchenfrage in der Geschlechterdebatte. Feministinnen vertraten lange Zeit die These, dass Männer und Frauen - abgesehen von ihren körperlichen Merkmalen natürlich - im Grunde identische Anlagen haben. "Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht", brachte es die französische Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir 1949 auf den Punkt.
Doch in den letzten Jahren hat sich die Debatte radikal gewandelt. Heute fragen wir, wie sich Männer und Frauen voneinander unterscheiden. Für Gesprächsstoff sorgen Sachbücher, die geschlechtstypisches Verhalten psychologisch deuten. Titel wie "Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus" (John Gray) oder "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlechter einparken" (Allan und Barbara Pease) stehen an der Spitze der Bestsellerlisten. Auch in anderen Medien stößt man regelmäßig auf Berichte, die erklären, wie das jeweils andere Geschlecht denkt, fühlt oder handelt. Auch sie zeigen, wie sehr der große "kleine Unterschied" den Nerv der Zeit trifft.
Schwach oder stark?
Die Frage nach typischen Verhaltensweisen von Männern und Frauen kann durchaus für den richtigen Umgang miteinander aufschlussreich sein. Wichtig ist es, dabei nicht in Klischee-Denken zu verfallen. Weit verbreitete Rollenklischees sind zum Beispiel:
- "Ein Mann darf nicht weinen."
- "Männer wollen immer nur Sex."
- "Frauen sind das schwache Geschlecht."
- "Frauen haben keine Ahnung von Technik."
Derartige Aussagen engen Frauen und Männer gleichermaßen ein, da sie ihnen die Möglichkeit nehmen, ihre individuellen Anlagen zu erkennen und Gefühle auszuleben.
Im Lauf der Geschichte waren beiden Geschlechtern meist feste Rollenbilder zugewiesen. So besetzten Männer das öffentliche Leben, während Frauen die Aufgaben im privaten Bereich innehatten. Ein "Ausscheren" aus der Norm war oft nur unter widrigsten Umständen möglich. Rechtlich waren insbesondere Frauen benachteiligt. Da sie als "minderwertige Menschen" betrachtet wurden, mussten sie sich z.B. das Wahlrecht oder das Recht auf Bildung in der Neuzeit erst erkämpfen.
Vom Klischee zur Identität
Heute sind die Erfolge der Frauenbewegung des letzten Jahrhunderts in vielen Bereichen zur Selbstverständlichkeit geworden. Das traditionelle Rollenbild des Mannes als alleiniges Oberhaupt und Ernährer der Familie hat ausgedient. Jungen Frauen und Männern stehen in Deutschland eine Vielzahl von Lebenswegen offen. Unter anderem können Partner gemeinsam entscheiden, welchen Familiennamen sie tragen wollen oder wer wann die Elternzeit übernimmt.
Während die Gleichberechtigung Fortschritte macht, hat die Wissenschaft - insbesondere die Hirnforschung - herausgefunden, dass es tatsächlich entscheidende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. So ist erwiesen, dass bei Frauen die rechte, emotionale und die linke, rationale Gehirnhälfte wesentlich stärker vernetzt sind. Daher haben Frauen üblicherweise ausgeprägtere soziale Fähigkeiten als Männer: Sie nehmen Gefühle stärker wahr und können diese verstandesmäßig reflektieren. Männer trennen stärker zwischen Verstand und Gefühl.
Solche Aussagen dürfen natürlich nicht verallgemeinert werden. Die Geschlechtsidentität stellt nur einen Teil der Persönlichkeit dar. Davon abgesehen ist jedes Individuum einzigartig. Die Frage "Wer bin ich und welche Wesenszüge prägen meine Männlich- bzw. Weiblichkeit?" kann jedoch dazu beitragen, sich selbst in Schwächen und Stärken besser einschätzen zu können.
Wilde Frauen und Männer
Die Emanzipation führte zum einen dazu, dass sich Frauen einen neuen Platz in der Gesellschaft erkämpften. Zum anderen haben Männer heute die Möglichkeit, ihre Familie intensiver zu erleben als vorangegangene Generationen. In einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sahen sich zwei Drittel aller befragten Väter als "Erzieher ihrer Kinder" und nicht nur als "Ernährer der Familie".
Hier zeigt sich ein grundsätzlicher Wertewandel unserer Gesellschaft: An die Stelle von gesellschaftlichen Normen und Konventionen tritt die Suche nach dem Ich. Männer und Frauen gehen ihre eigenen Wege. Bücher wie die "Wolfsfrau" (Clarissa Pinkola Estés) oder der "Eisenhans" (Robert Bly) sprechen von der tiefen Sehnsucht beider Geschlechter, das "Wilde" in sich neu zum Leben zu erwecken - also verschüttete Gefühle und Urinstinkte wieder zu finden.
Werte wie Erfolg, Geld und Karriere, die früher im allgemeinen mit der traditionellen Männerrolle assoziiert wurden, verlieren heute zunehmend an geschlechtsspezifischer Bedeutung. Parallel dazu entwickelt sich bei beiden Geschlechtern das Bewusstsein hin zugunsten des ursprünglichsten aller Werte - dem Leben selbst.
Eben diese Fähigkeit, neues Leben zu gebären, sicherte den Frauen in den menschlichen Urgesellschaften eine herausragende Position. Fundstücke aus vorgeschichtlicher Zeit zeigen, dass die ersten Menschen weibliche Göttinnen verehrten. Der weibliche Körper galt als Symbol des Lebens und der Schöpfungskraft.
Geschlecht und Gemeinschaft
Soziologen sagen, dass Menschen in den modernen Industriestaaten in einer "offenen Gesellschaft" leben. An die Stelle von traditionellen Werten und Rollen tritt die Suche nach Selbstverwirklichung. Beziehungen zwischen Männern und Frauen funktionieren dabei nur in dem Maß, in dem die Partner fähig sind, ihre Wünsche und Lebensziele miteinander in Einklang zu bringen. Das erklärt u.a., warum Ehen heute schneller scheitern. Früher war - im Gegensatz zu heute - meist nicht Zuneigung und Liebe die Basis einer Partnerschaft, sondern gesellschaftlicher Status und materielle Sicherheit.
Allerdings bezahlen die Mitglieder offener Gesellschaften die größere individuelle Freiheit mit dem Preis der Unsicherheit. Jeder muss allein für sich den passenden Lebensweg finden. Wer lebt wie seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, hat den Vorteil, dass er auf einen reichen Schatz von Lebensweisheit und Erfahrungen zurückgreifen kann.
In diesem Sinn begleiten auch die meisten Stammesgesellschaften ihre Mitglieder durch schwierige Zeiten: So findet man Rituale zur Erlangung der Geschlechtsreife, die jungen Männern und Frauen helfen, körperliche und seelische Veränderungen zu begreifen. Häufig gibt es Praktiken, die Frauen während der Zeit ihrer Menstruation von ihren Verpflichtungen freistellen. In Beziehungskrisen geben Angehörige oder Stammesoberhäupter Rat. Dadurch erfahren sich die Menschen in traditionellen Gesellschaften als Teil einer Gemeinschaft, in der Frauen und Männer einander helfen, "typische" Probleme zu lösen.
Geschlechtsidentität als Chance
Bewusst Mann oder Frau sein, macht unser Leben reicher. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Geschlechtsidentität jenseits von Klischees zu erfahren.
Ein Mittel sind gleichgeschlechtliche Gruppen oder Freundschaften:
- Männliche Netzwerke (die sog. "good old boys") sind im Berufsleben schon lange ein probates Mittel, der Karriere auf die Sprünge zu helfen. Nach diesem Muster intensivieren heute immer mehr "good new girls" ihre Kontakte zur gegenseitigen Unterstützung.
- Frauen-Computer-Schulen oder Frauenführungen in Museen entkräften das alte Vorurteil, dass Frauen nichts von Technik verstehen. Viele Frauen genießen es, zu lernen ohne von männlichen Teilnehmern für ihre Fragen belächelt zu werden. Gleiches gilt für ausschließlich männlich besetzte Kurse in Bereichen wie Gesundheit oder Körperpflege.
Das andere Mittel - gemischte Gruppen wie Paarwochenenden, Elternseminare oder Geburtsvorbereitungskurse - können für Männer und Frauen ebenso wichtige Anregungen bieten. Im offenen Gespräch zeigt sich oft, dass andere ganz ähnliche Konflikte, Wünsche oder Ängste haben wie man selbst.
Buch-Tipps
Allan und Barbara Pease
Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen
Ullstein Oktober 2002
367 Seiten
16,95 €
Buch bestellen
John Gray
Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus
Goldmann Mai 1998
317 Seiten
8,50 €
Buch bestellen
Robert Bly
Eisenhans. Ein Buch über Männer
Droemersche Verlagsanstalt Juni 1993
374 Seiten
8,90 €
Buch bestellen
Clarissa Pinkola Estés
Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte
Heyne September 1997
490 Seiten
12,95 €
Buch bestellen
Simone de Beauvoir
Das andere Geschlecht
Rowohlt August 2000
941 Seiten
12,50 €
Buch bestellen



