John Steinbeck – Zweifler auf Lebenszeit
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John Steinbeck – Zweifler auf Lebenszeit

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

John Steinbeck – Zweifler auf Lebenszeit. Am 27.02.2002 wäre John Steinbeck 100 Jahre alt geworden.

Alles für die Katz?

Gelangweilt. Vielleicht auch einsam. Oder verzweifelt. Ein klein bisschen wütend? Wer weiß, wie ein Welpe sich fühlt, wenn er so ganz allein zu Hause gelassen wird. Fest steht: Toby war gerade dabei, das Manuskript von Von Mäusen und Menschen zu Konfetti zu machen, als John Steinbeck nach Hause kam.
Natürlich war Steinbeck sauer, als er seinen Irischen Setter mit dem halb zerfledderten Manuskript ertappte. Es war das einzige Exemplar und sein Verlust eine mittlere Katastrophe in einer Zeit ohne Kopierer und Computer. Zwei Monate Arbeit, die er in den Mülleimer werfen konnte, “aber“, so Steinbeck in seinem Brief vom 27. Mai 1936 an seine Agentin Elizabeth Otis: “der arme kleine Kerl hat möglicherweise wie ein Kritiker gehandelt. Ich wollte keinen guten Hund für ein Manuskript ruinieren, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es überhaupt etwas taugt. Also hat er nur eine ganz gewöhnliche Tracht Prügel bekommen“.

Prügel für den Autor

Wäre es nach Steinbecks Kritikern gegangen, hätte nicht der Hund, sondern der Autor eine Tracht Prügel verdient. Tatsächlich gehört Von Mäusen und Menschen bis heute zu den am häufigsten indizierten Werken der Vereinigten Staaten. Jedes Jahr sorgen zahlreiche Initiativen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dafür, dass das Werk an einzelnen Schulen aus dem Unterricht verbannt wird. Bemängelt werden die “obszöne Sprache“, das gewalttätige Ende sowie der politisch unkorrekte Umgang mit Behinderten und Schwarzen. Überhaupt sei das Buch für Jugendliche ungeeignet.

Die Früchte des Zorns

Schon zu Lebzeiten hatte sich Steinbeck mit seinem ungehobelten Stil Feinde gemacht, nicht zuletzt in seiner Heimatstadt Salinas: Nachdem Die Früchte des Zorns (1939) erschienen waren und Steinbeck für die Familiensaga den Pulitzer-Preis bekommen hatte, meinten Angestellte der Stadtbibliothek von Salinas, es sei ein Glück, dass Steinbecks Eltern schon tot wären, denn so bliebe ihnen diese Schande erspart.
“Schande“ deshalb, weil das Epos mit folgender Szene endet: Die Mutter eines tot geborenen Kindes rettet einen verhungernden Mann, indem sie ihn an ihrer Brust säugt. Das wurde von so manchem puritanisch erzogenen Leser als pornografische Zumutung empfunden und als Gotteslästerung obendrein, denn die junge Mutter trägt marienhafte Züge. Zahlreiche öffentliche Bibliotheken setzten das Werk auf ihre schwarze Liste, an einigen Orten wurde es gar auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Zuviel des Elends

Zorn erregten und erregen die Bücher von Steinbeck allerdings nicht nur wegen der darin verwendeten Sprache oder aufgrund einzelner Szenen. Die Provokation steckt vor allem im Kern der Geschichten: Steinbeck schildert das Elend der Okies, jener verarmten Farmer also, die seit Beginn der 30er Jahre auf der Flucht waren vor der Dürrekatastrophe, die den Mittleren Westen in die so genannte “Dust Bowl“ (“Staubschüssel“) verwandelt hatte. Nun waren die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht irgendein Jahrzehnt, sondern das Zeitalter der “Great Depression“. Steinbecks Bücher waren allein deshalb eine Provokation, weil er es wagte, vom Elend - und Scheitern - der Farmer zu berichten. Damit stellte er nichts Geringeres als den amerikanischen Traum von Erfolg und Glückseligkeit in Frage - und das ausgerechnet in wirtschaftlich schweren Zeiten, wo man als aufrechter Amerikaner besonders positiv denken musste!

“Nichts besitzen und nichts sein“

Die desolate Situation der Okies bildet den Hintergrund für Stürmische Ernte (1936), Von Mäusen und Menschen (1937) sowie Die Früchte des Zorns (1939). Doch während Stürmische Ernte die Eskalation eines Streiks von Wanderarbeitern schildert und Die Früchte des Zorns das Schicksal einer ganzen Familie auf dem Weg nach Westen nachzeichnet, konzentriert sich Steinbeck in Von Mäusen und Menschen auf zwei ungleiche Männer und ihren Traum vom Glück.
Nach seinen eigenen Wünschen gefragt schreibt Steinbeck 1934 an den Schriftsteller George Albee: “Ich will nichts besitzen und auch nichts sein. Ich habe keine Ambitionen, denn das, was man mit Ambitionen erreichen kann, erscheint mir bei näherer Betrachtung lästig.“

Von der Eliteuni zur Baustelle

Seinen Eltern zuliebe hatte sich Steinbeck an der Eliteuniversität in Stanford eingeschrieben, doch statt Kurse zu besuchen oder gar auf Prüfungen zu lernen, las und schrieb er lieber nach Herzenslust. In den Ferien arbeitete er auf Farmen und in Fabriken und sammelte Material für seine Texte. 1925, nach sechs Jahren, brach er das Studium schließlich ab und nahm ein Schiff nach New York, um sich von einem der zahlreichen Verlage entdecken zu lassen. Doch niemand interessierte sich für den jungen Autor von der Westküste, der sich als Journalist und Bauarbeiter durchschlug. Desillusioniert kehrte Steinbeck zurück nach Kalifornien, zog als Wanderarbeiter umher und landete 1926 als Hausmeister am Lake Tahoe, wo er zwei Jahre blieb. Zwar schrieb er dort gleich mehrere Romane, vernichtete aber fast alles, weil er mit dem Ergebnis unzufrieden war.

Selbst ernannter Außenseiter

Als er für seinen ersten Roman, Tal des Himmels (1932), endlich einen Verleger gefunden hatte, freute sich Steinbeck vor allem für seine Eltern, die sich vor den Nachbarn nicht länger für ihren Sohn schämen mussten: “Mein Vater geht aufrechter, und meine Mutter strahlt. Ich bin nicht länger ein weißer Elefant,“ schreibt er an seinen Leidensgenossen Albee.
Zeit seines Lebens fühlte sich Steinbeck als Außenseiter. Selbst nach den Erfolgen mit Früchte des Zorns (1939) und Jenseits von Eden (1952) warnt Steinbeck einen jungen Schriftsteller aus seiner Heimatstadt Salinas, auch nur einen Moment lang zu glauben, “dass sie dir jemals verzeihen werden, das zu sein, was sie ’anders’ nennen.“
Heute gehört der selbst ernannte Außenseiter Steinbeck zu den Klassikern, das heißt, man kennt seinen Namen, auch wenn man keines seiner Werke gelesen hat. Selbst in seiner kalifornischen Heimat scheint man Steinbeck vergeben zu haben. Jedenfalls nennt sich die hügelige Gegend um Salinas, in der eine ganze Reihe von Steinbecks Texten spielt, “Steinbeck Country“ und ist stolz auf den Autor, der 1962 den Nobelpreis für Literatur bekam.
Was den künstlerischen Wert seines “kleinen Buches“ anging, plagten Steinbeck weiterhin Zweifel: “Ich bin immer noch nicht sicher, ob Toby nicht genau wusste, was er tat, als er die erste Rohfassung aufgefressen hat.“ Auf alle Fälle habe er seinen Setter “Toby zum Oberstleutnant in Sachen Literatur befördert.“

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