Joschka Fischer - der lange Lauf in die Weltpolitik
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Joschka Fischer - der lange Lauf in die Weltpolitik

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Kaum ein anderer deutscher Politiker genießt so viel Anerkennung wie Joschka Fischer. In Umfragen erzielt der grüne Außenminister regelmäßig die höchsten Sympathiewerte. Die Grünen setzen im Bundestagswahlkampf ganz auf ihren Frontmann. Auch international ist der Vizekanzler angesehen - ob als Vermittler, Bündnispartner oder Vordenker der europäischen Einigung. Joschka Fischer, der Staatsmann: Das ist eine erstaunliche Entwicklung, wenn man seinen Lebenslauf bedenkt. Ein Schulabbrecher, der sich lange Jahre als Taxifahrer durchschlug, im Auswärtigen Amt? Ein ehemaliger Linksradikaler als Festredner in Universitäten? Ein Politrabauke, der den Vizepräsidenten des Bundestages einst mit den Worten “Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ ansprach, als Chefdiplomat?

Kaum ein anderer deutscher Politiker genießt so viel Anerkennung wie Joschka Fischer. In Umfragen erzielt der grüne Außenminister regelmäßig die höchsten Sympathiewerte. Die Grünen setzen im Bundestagswahlkampf ganz auf ihren Frontmann. Auch international ist der Vizekanzler angesehen - ob als Vermittler, Bündnispartner oder Vordenker der europäischen Einigung. Joschka Fischer, der Staatsmann: Das ist eine erstaunliche Entwicklung, wenn man seinen Lebenslauf bedenkt. Ein Schulabbrecher, der sich lange Jahre als Taxifahrer durchschlug, im Auswärtigen Amt? Ein ehemaliger Linksradikaler als Festredner in Universitäten? Ein Politrabauke, der den Vizepräsidenten des Bundestages einst mit den Worten “Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ ansprach, als Chefdiplomat?

Der Ausreißer

Wenn es eine Kontinuität in seinem Leben gibt, dann die der permanenten Brüche. Ob er dick war oder dünn, ob er unten war oder im Zentrum der Macht: Eine Rastlosigkeit, eine innere Unruhe hat ihn stets umgetrieben. Joschka Fischers Eltern hatten als Ungarn-Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen müssen. 1946 ließen sie sich in Gerabronn in Baden-Württemberg nieder. Der Metzersohn Joseph Anton, genannt Joschka, kam am 12. April 1948 zur Welt. Der aufgeweckte Junge, der das Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Bad Cannstatt besuchte, brach in der zehnten Klasse die Schule ab - wenig später auch eine Fotografenlehre. Im April 1966 stürzte er sich in sein erstes großes Abenteuer: Er trampte fast ohne Geld nach London. Danach reiste er durch Frankreich, Spanien, Italien und über die Türkei bis nach Kuwait. Erst als er erfuhr, dass seien Schwester krank war, kehrte er nach Hause zurück.

"Nee, so lebste nicht, so nicht"

Im November 1966 starb Joszef Fischer nach einem Schlaganfall in der Metzgerei. Joschka blieb es überlassen, die Kleider seines Vaters nach Hause zu tragen: “diese nach Fett und Blut riechenden Arbeitsklamotten, mit dieser Metzgertasche, die so speckig war und die er seit Schlachthofzeiten mit sich herumschleppte“. Fischer hat den Tod seines Vaters später als Schlüsselerlebnis bezeichnet: “Nee, so lebste nicht, so nicht.“ Trotz seiner Antipathie gegen die Zwänge im Elternhaus heiratete er die Polizistentochter Edeltraud Fischer. Weil Fischer erst 19 Jahre war, musste das junge Paar im schottischen Gretna Green heiraten; dort konnten auch “Minderjährige“ den Trauschein erwerben.

Lehrjahre in Stuttgart und Frankfurt

Fischer besaß kein Abitur, begann aber im Sommer 1967 mit einem Studium an der Stuttgarter Universität. Er besuchte Seminare über Karl Marx. Einmal landete er für drei Tage im Gefängnis - eine Ordnungsstrafe: Bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg hatte er die Bannmeile überschritten. Im Frühjahr 1968 zogen die Fischers nach Frankfurt, wo sich Joschka der Studentenbewegung anschloss. Sein großes Vorbild war der drei Jahre ältere Daniel Cohn-Bendit: Der hatte nicht nur die größte Klappe, sondern seit seiner Pariser Studentenzeit auch Erfahrung als Agitator. Der rote Dani und der junge Joschka waren ein gefürchtetes Duo. Während Cohn-Bendit im Audimax der Uni große Reden schwang, brachte Freund Fischer die Konkurrenten durch hämische Zwischenrufe aus der Fassung.

Die Spontis hauen auf den Putz

Anfang der siebziger Jahre begann Fischers wilde Zeit. Wie viele andere wollte er die kapitalistische Gesellschaft verändern. Nachts studierte er die Klassiker der Revolution und deutsche Philosophen; tagsüber probte er mit der Gruppe “Revolutionärer Kampf“ den Widerstand gegen das System. Fischer zählte zu den “Spontis“, die nicht dogmatisch an der marxistischen Lehre festhielten. Der harte Kern nannte sich die “Putzgruppe“ - eine Abkürzung für Proletarische Union für Terror und Zerstörung. Die Putzgruppe sollte bei Demonstrationen und Häuserräumungen Widerstand gegen die Polizei leisten.

Der bürgerliche Revolutionär

In Frankfurt beteiligte sich der junge Ehemann an Hausbesetzungen im Stadtteil Westend, wo Investoren alte Bürgerhäuser abreißen ließen. Fischer selbst wohnte in einer Wohngemeinschaft zur Miete; er war eben ein bürgerlicher Sponti. Um den Arbeitern - bei Karl Marx die wahren Revolutionäre - näher zu kommen, arbeitete er 1971 bei der Opel AG Rüsselheim. “Rein in die Betriebe“ war das Motto. Fischer gründete eine Betriebsgruppe, um die Arbeiter zu politisieren. Genau dies führte ein halbes Jahr später zu seiner Entlassung.

Eine späte Diskussion über die 68er

Als Fischer längst Außenminister war, entbrannte eine heftige Debatte über seine Vergangenheit. Einige Unionspolitiker hielten ihn für untragbar, nachdem der Stern im Januar 2001 alte Fotos veröffentlicht hatte. Auf den Bildern war zu sehen, wie Fischer bei einer Demo in Frankfurt 1973 auf einen Polizisten einschlägt. Der grüne Staatsmann bekannte und distanzierte sich von seiner Vergangenheit (“Ja, ich war militant“). Seiner Popularität hat die späte Debatte kaum geschadet.

Der desillusionierte Taxifahrer

Von der Gewalt hatte sich Fischer schnell verabschiedet. Die Radikalisierung der linksradikalen Szene führte auch bei ihm zu einem “Illusionsverlust“. Ein Wendepunkt war die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) 1977. Bereits ein Jahr zuvor hatte Fischer auf einer Großveranstaltung in Frankfurt gefordert, die Terroristen sollten “Schluss machen mit diesem Todestrip, runterkommen von ihrer bewaffneten Selbstisolation, die Bomben weglegen“. Die Sponti-Zeit war nun endgültig zu Ende, Fischer wurde Familienvater. Mit seiner zweiten Frau Inge hatte er zwei Kinder; um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, fuhr er Taxi.

Für die Grünen im Bundestag

Eine neue politische Heimat fand Fischer 1981 bei den Grünen. Zwei Jahre später schaffte die Protestpartei mit 5,6 Prozent den Sprung in den Bundestag. Joschka, der Politikerschreck, wurde Parlamentarier im “Raumschiff Bonn“. Gemeinsam mit Otto Schily zählte er bald zum Flügel der “Realos“, die für eine an der Wirklichkeit orientierte Politik eintraten.

Der Turnschuh-Minister

Ende 1985 wechselte Fischer in die hessische Landespolitik. Er wurde der “erste und einzige grüne Umweltminister auf diesem Planeten“, wie er stolz bemerkte. Weil Fischer ein Gespür für die Dramatik des Augenblicks hat, erschien er zu seiner Vereidigung in weißen Turnschuhen und Sportsakko - für konservative Politiker ein Affront. Dabei hatte er sich die Schuhe tags zuvor erst gekauft. Weniger lässig verlief die Amtszeit, die mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 zusammenfiel. Die Grünen mussten erleben, wie machtlos ein Landesminister sein konnte. Der Ausstieg aus der Atomenergie war damals noch eine ferne Zukunftsvision. Wahrscheinlich war Fischer ein wenig froh darüber, dass bei der Landtagswahl vom 5. April 1987 die CDU als Sieger hervorging. Nach der Landtagwahl vom 20. Januar 1991 bekam Rot-Grün jedoch eine zweite Chance: Fischer wurde erneut Umweltminister in der Regierung Hans Eichel.

Heimlicher Oppositionsführer

Fischer zog es bald wieder nach Bonn - er brauchte die nationale Bühne. Als seine Partei im Oktober 1994 wieder in den Bundestag einzog, zählte er als Fraktionschef zu den Wortführern. Berüchtigt war er in der Endphase der Ära Helmut Kohl für seine Zwischenrufe: Innenminister Manfred Kanther nannte er von der Oppositionsbank aus “Hauptfeldwebel“, den CDU-Mann Hans-Peter Repnik “Ministrant“ und Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber “Weißwurstphilosoph“. Dem Kanzler schleuderte er entgegen: “Eher werden Sie sich halbieren als die Arbeitslosigkeit.“

Der Marathon ins Außenministerium

Außenpolitisch vollzog Fischer in den neunziger Jahre eine Kehrtwende, sehr zum Ärger seiner Partei. Im November 1995 forderte er eine “Interventionspflicht der Vereinten Nationen bei Völkermord“. Ein Jahr später erklärte er im Bundestag, er sei im Gegensatz zu seiner Fraktion für die Friedensmission der Bundeswehr in Bosnien. Fischer setzte sich durch: Die Forderung nach einer Abschaffung der Nato verschwand aus dem Parteiprogramm der Grünen. Längst war Fischer zum Außenminister avanciert, der in Washington und Paris empfangen wurde. Kein Wunder, dass er nach der Bundestagswahl im Oktober 1998 Vizekanzler und Außenminister der rot-grünen Regierung wurde.

Bewährungsprobe auf dem Balkan

Im Kosovo-Krieg musste Fischer seine erste große Bewährungsprobe bestehen. Am 24. März 1999 begann die Nato mit einer Luftoffensive gegen Serbien - mit deutscher Beteiligung. Auf Fischers Initiative hin entstand der Balkan-Stabilitätspakt, der nach dem Ende der Kämpfe den Frieden in der Region sichern sollte. Trotz internationaler Erfolge stand Fischer wieder einmal bei den Grünen unter Druck. Auf einem Sonderparteitag im Mai 1999 traf ihn der Farbbeutel eines Demonstranten am Ohr. Fischer ließ sich davon aber nicht beirren: Er vermittelte weiter in Mazedonien und im Nahen Osten zwischen den Konfliktparteien.

Fischers Politik der Intervention

Nach dem 11. September war es wiederum Fischer, der die Mehrheit der Grünen davon überzeugte, dass Deutschland die USA in ihrem Anti-Terror-Krieg unterstützen müsse. Mit knapper Mehrheit beschloss der Bundestag die Entsendung von 3900 Soldaten nach Afghanistan und Ostafrika. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler und ein grüner Außenminister tragen Verantwortung dafür, dass im Frühjahr 2002 mehr als 10000 Soldaten in aller Welt Dienst tun. Fischer selbst empfindet seine Politik als konsequent: Seit den späten achtziger Jahren fordert er eine Politik des “Hinschauens“. Er hat immer wieder das Eingreifen des Westens gefordert, sei es auf dem Balkan, in Osttimor oder in Afghanistan.

Joschkas Verwandlung - Politik ohne Bauch

Joschkas Verwandlung vom Zwischenrufer zum Staatsmann, der mit zerfurchter Stirn die Weltlage erklärt, wird auch an seinem Äußeren deutlich. Der in den späten Bonner Jahren aufgeschwemmte Bonvivant und Freund italienischer Rotweine begann im Sommer 1996 mit einer Fitness-Diät. Nach der Trennung von seiner dritten Frau Claudia steigerte er täglich sein Laufpensum am Rhein. Bald war aus dem 112 Kilo schweren “Fass auf zwei Beinen“ (Fischer) ein Marathonläufer von 75 Kilo geworden. Auf einmal passten ihm dunkle Designeranzüge in Größe 48. Im April 1999 heiratete er die 21 Jahre jüngere Journalistin Nicola Lese. Fischers vierte Ehe. Typisch Joschka: Aus seiner Lebenskrise machte er einen Bestseller, das Buch "Der lange Lauf zu mir selbst". Der grüne Politstar ist weiterhin auf die Medien fixiert: Kaum eine Woche ohne großes Fischer-Interview, kaum ein Jahr ohne neues Buch aus seiner Feder. Sein Bedürfnis, sich Gehör zu verschaffen, ist außerordentlich groß. Und die Chance, dass die Grünen im Wahljahr auf Fischer hören, ebenfalls.

Christian Mayer

Bibliografie

Joschka Fischer, Mein langer Lauf zu mir selbst, 1999

Sibylle Krause-Burger, Joschka , 1997

Michael Schwelien, Joschka Fischer. Eine Karriere, 2000

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