Auflösung der traditionellen Vaterrolle
Das Problem der väterlichen Autorität ist älter, als man meint. Die so genannte “antiautoritäre Bewegung” richtete sich nicht gegen die in Wahrheit längst schon zum Pappkameraden gewordene Autorität, sondern gegen die Lüge, dass es sie noch gebe und gegen den Versuch der Väter, ihre Autorität über ihren realen Niedergang hinaus nach Belieben aufrecht zu erhalten.
Seit jeher beruht die Autorität des Vaters auf der traditionellen familiären Rollenverteilung. Früher ging der Mann, wie der Dichter sagt, “hinaus ins feindliche Leben”; er war der Repräsentant der gesellschaftlichen Normen und zugleich Herr über Einkünfte und Vermögen. Seine souveräne Rolle am heimischen Herd verdankte er seiner Bewährung in der Realität. Der bürgerliche Unternehmer steuerte sein Unternehmen durch die divergierenden Kräfte des Marktes. Der Handwerker stützte seine Autorität auf ein fachliches Wissen, das er in Jahrzehnten beruflicher Tätigkeit angesammelt hatte. Wer etwas werden wollte im Leben, musste bei einem dieser Vertreter des bürgerlichen Zeitalters in die Lehre gehen. Und aus eben diesem unabänderlichen Zwang speiste sich jahrhundertelang der Generationskonflikt.
Die Dinge liegen heute freilich anders. Der objektive Grund und Gehalt der Autorität, die über Jahre gesammelten Erfahrung im Beruf, gleich ob im Umgang mit dem Boden, dem Werkzeug oder dem Markt, ist weniger wert als je zuvor. Im Handwerk wie in der neuen Ökonomie werden täglich neue Produkte, neue Bedürfnisse, neue Strategien entwickelt. Es gibt wenig, was die Jungen von den Alten lernen könnten – eher gilt inzwischen der umgekehrte Fall. Auch ist ein neuer Typus gefragt. Der idealtypische Vater war vor allem immer eines: prinzipienfest. Der Typus des erfolgreichen Zeitgenossen heute ist dynamisch, flexibel, anpassungsfähig. Durchsetzungsfähig ist er möglicherweise auch, aber einer von dieser konservativen Sorte, gegen die man sich gut auflehnen könnte, ist er in der Mehrzahl der Fälle eher nicht.
Widerstand zwecklos: Eltern sind Berufsjugendliche
Welche Probleme die Jugend der 60er, 70er und 80er-Jahre auch immer gehabt haben mochte, Abgrenzungsschwierigkeiten gegen die eigenen Eltern waren es jedenfalls nicht. “Ich will nicht werden, was mein Alter ist!” sang Rio Reiser von “Ton Steine Scherben” und formulierte damit die Parole einer ganzen Generation, die alles wollte, nur nicht das Leben ihrer Eltern, den kleinfamiliären Muff der 50er-, 60er- und 70er-Jahre.
Und heute? Ein zentrales Bedürfnis und ein wesentliches Merkmal der Jugend, sich nämlich von den eigenen Eltern abzugrenzen, ist inzwischen zur reinsten Knochenarbeit geworden. Die Jugendlichen können schon von Glück sprechen, wenn ihre Eltern nicht dauernd auf den gleichen Konzerten erscheinen. Fast schon herrschen Konkurrenzkampfbedingungen, denn auch die 20-, 30- und sogar 40-Jährigen von heute wollen partout jugendlich sein oder mindestens erscheinen.
Es herrscht Jugendzwang. Und ohne die Theorie vom Überbau und Unterbau bemühen zu müssen: Dieser Zwang ist nicht nur eine Marotte sondern vor allem eine Folge der Tatsache, dass die gesellschaftlich relevanten Gruppen heute durch das Alter definiert sind und die Alten sowohl produktiv als auch von der Kaufkraft her keine herausragende Rolle spielen. Innovationen erwartet man von ihnen ebenfalls nicht.
Statt Rebellion: Leben aus dem Designer-Katalog
Man schaue sich die Idole der Jugendlichen an, etwa in einer Show für die erfolgreichsten Interpreten und Bands. An Jimmy Hendrix oder Johnny Rotten erinnern sie kaum. Eher wirken geschniegelte junge Stars á la Britney Spears oder Sasha wie die geborenen Schwiegertöchter und -söhne. Aufwändig choreographierte Acts lassen Erinnerungen an die pompösen Fernsehgalas der 70er Jahre erwachen. Und kaum kann man sich des Eindrucks erwehren, alle gemeinsam hätten sie nur eine wirklich große Sorge im Leben: diejenige nämlich, es könne dereinst einmal das Playback versagen.
Wenn man die kaum 20-Jährigen dann in Interviews hört, die sie mit einer geschulten Routine geben, als wären sie seit einem halben Jahrhundert im Showgeschäft, stellt sich heraus, dass sie nicht trinken, nicht rauchen und früh zu Bett gehen, um den “Stressjob” zu packen, dass sie aber auf ihre Figur und ihre Gesundheit achten und jeden Tag um zwölf Häuserblocks joggen. Natürlich lieben sie ihre Familien und sie leben monogam. Ein Leben wie aus dem Designer-Katalog: Keine Anzeichen von Ausschweifung, von Rebellion einmal ganz zu schweigen.
Irgendwie durchkommen: Das Leben ist ein Spiel
Überall dürfte es zweifellos eine Menge junger Leute geben, die von diesen synthetischen, nichts sagenden und nichts wollenden Jugendidolen reichlich angeödet sind. Dass es die Jugend nicht gibt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aber der Verkaufs- und Medienerfolg dieser von PR-Teams auf den Punkt kalkulierten Kampagnen zu Stars stilisierten Jungs und Mädchen “von nebenan” offenbart doch ein ziemlich beklemmendes Bild.
Nicht weil sie ausbrechen, sondern allenfalls weil sie sich ganz nach oben gekämpft haben, werden sie verehrt. Wie hat es ein schwarzer Rap-Star jüngst auf MTV formuliert: “Ich bin dazu geschaffen in einer Villa zu leben. Ich bin auf der Straße aufgewachsen, habe mein Leben in die eigene Hand genommen und etwas daraus gemacht. Das Leben ist ein Spiel und ich bin der beste Spieler.”
Diese Stars, die de facto Produkte der Kultur- und Unterhaltungsindustrie sind, verkörpern die Kräfte des Zufälligen und Irrationalen, welche die Realität heute charakterisieren – viel stärker, als die Eltern es je vermochten. Die Verehrung der Stars ist heute nicht mehr Rebellion, sondern Ausdruck der Ergebung ins Tatsächliche. Dieses hervorstechende Merkmal des Resignativen und Daseinsergebenen hat der Soziologe Wolfgang Pohrt einmal auf die lakonische, aber nicht unzutreffende Formel gebracht: “Um so alt zu werden, wie heute die 20-Jährigen sind, hätte ein Mensch früher dreihundert Jahre gebraucht.”
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