Familie Wojtyla
Schon von weitem kann man den kleinen schwarzen Zwiebelturm der Basilika sehen, einer Pfarrkirche, deren Ursprung in das 14. Jahrhundert zurückgeht. Sie ist der Mittelpunkt von Wadowice, einem polnischen Ort etwa 40 Kilometer südwestlich von Krakau. Im Jahr 1920 leben hier rund 8000 Katholiken und 2000 Juden einträchtig nebeneinander. Die Bewohner sind kleine Geschäftsleute, Anwälte, Händler, Bauern und Beamte der örtlichen Provinzverwaltung. Man verdient sein Geld auf den Feldern und Höfen oder in den kleinen Fabriken in der Stadt. Hier werden Zwieback und Stahlteile hergestellt. Es gibt eine Druckerei, eine dampfbetriebene Sägemühle, eine Papiermühle und eine Fabrik, die mit Hilfe von Schwefelsäure aus Tierknochen Dünger produziert. Auf den holperigen Straßen fährt nur ein halbes Dutzend Autos. Pferdekutschen und Bauern in ihrer traditionell bunten Tracht bestimmen das Ortsbild. Aber trotzdem ist Wadowice kein verschlafenes Provinzkaff, es gibt ein reges Kulturleben, man besucht Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen.
Nachdem Polen seine Unabhängigkeit wiedergewonnen hat, ziehen die Soldaten des neuen 12. Infanterieregiments der polnischen Armee in die österreichische Kaserne im Ort ein. Die Regimentsoffiziere spielen im gesellschaftlichen Leben von Wadowice eine wichtige Rolle. Einer von ihnen ist auch Karol Wojtyla, Reserveoffizier im 56. Infanterieregiment der österreichisch-ungarischen Armee. Er lebt hier gemeinsam mit seiner Ehefrau Emilia, das Paar hat 1904 geheiratet. Am 27. August 1906 wird dann das erste Kind der Familie geboren. Ein Sohn mit Namen Edmund, den die Eltern „Mundek" nennen. Der Junge bleibt den Nachbarn als hübscher Knabe mit außergewöhnlichem Charme in Erinnerung. Er ist ein ausgezeichneter Sportler, studiert von 1924 bis 1929 an der Jagelionischen Universität in Krakau und macht dort 1930 seinen Doktor in Medizin.
Einige Jahre nach Edmund wird noch eine Tochter geboren, die nur wenige Wochen später stirbt. Weder über ihre Geburt und Taufe noch über ihren frühen Tod gibt es irgendwelche Aufzeichnungen. Sie wurde wahrscheinlich auf dem örtlichen Friedhof begraben, ganz ohne Grabstein, wie es zu dieser Zeit üblich war.
Das Ehepaar Wojtyla und ihr Sohn Edmund wohnen ab 1919 im Haus Rynekstraße 2, die Adresse heißt heute Koscielnastraße 7. Es ist ein solider Backsteinbau mit Stuckverzierung, der um einen großzügigen Innenhof herum gebaut wurde. Das bürgerliche Wohnhaus steht gleich gegenüber der Marienkirche.
Am 18. Mai 1920 wird in dieser Wohnung das dritte Kind geboren: Karol Józef Wojtyla, der später als Papst Johannes Paul II. in die Geschichte eingehen wird.
Die Streiche des kleinen Karol
Am 20. Juni 1920 wird das ein Monat alte Baby in der Marienkirche von dem Militärkaplan Franciszek Zak getauft. Seine Vornamen Karol Józef erhält er aus Pietät für die alte Habsburger Monarchie, für die sein Vater jahrelang in der Armee gedient hatte. Die Familie und Freunde nennen den kleinen Karol „Lolek".
Der Vater setzt nach der Unabhängigkeit Polens seine Laufbahn als Leutnant der polnischen Armee fort und beendet 1927 seine militärische Karriere als Hauptmann.
Der kleine Lolek freundet sich mit Jerzy Kluger an, einem Jungen aus einer begüterten, weltoffenen jüdischen Anwaltsfamilie. Der Vater von Jerzy ist außerdem Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Wadowice.
Noch viele Jahre später erinnert sich Jerzy Kluger gern an die Streiche mit seinem Jugendfreund Karol Wojtyla. Einmal spielen die beiden auf einem kleinen Platz, nicht weit vom Elternhaus der Wojtylas entfernt. Dort auf dem Marktplatz hält der Ortspolizist Cwiek ein Mittagsschläfchen. Die beiden Jungen sind der festen Überzeugung, dass der Säbel des Beamten nur aus Holz ist, und wollen das sofort überprüfen. Vorsichtig ziehen sie den Säbel aus der Scheide des schlafenden Polizisten, dabei verlieren sie das Gleichgewicht, stolpern und fallen auf den schlummernden Ordnungshüter. Dieser aber ärgert sich mehr darüber, dass er beim Schlafen gestört wird, als dass die Kinder ihm sein Symbol der Autorität entwenden wollten.
Mit sechs Jahren, am 15. September 1926, wird der kleine Karol in die erste Klasse der Volksschule von Wadowice eingeschult. Die Klassenräume befinden sich im ersten Stock des Rathauses, das nur eine Minute Fußweg von der Wohnung der Eltern Wojtyla entfernt liegt. Über 60 Klassenkameraden folgen dem Unterricht in den kleinen Räumen der Schule. Auf dem Lehrplan stehen Polnisch, Religion, Rechnen, Zeichnen, Singen, Werken
„Lolek" ist von Anfang an ein begabter Schüler, bekommt in allen Fächern stets gute Noten. Aber als Karol am 13. April 1929 gerade die dritte Klasse beendet hat, trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Seine Mutter Emilia stirbt im Alter von 45 Jahren an Nierenversagen und an einem angeborenen Herzfehler. Sie wird auf dem Gemeindefriedhof begraben.
Psychologen mutmaßen später, dass sich der frühe Tod der Mutter auf Karol Wojtylas weiteres Leben ausgewirkt hat. So glauben manche daran, dass die spätere Marienverehrung von Karol nur ein Ersatz für die verlorene Mutterliebe sei. Andere meinen sogar, dass die päpstlichen Lehraussagen von Johannes Paul II. über Frauen und das Priesteramt seine problematische Haltung zu Frauen widerspiegelten, die mit dem Tode seiner Mutter begonnen habe.
Unter der Obhut des Vaters
In seinen jüngsten biografischen Schriften schweigt der Papst über seine Mutter. In einem 1939 verfassten Jugendgedicht „Über diesem Deinem weißen Grabe", das den Verlust seiner Mutter Emilia zum Inhalt hat, bemerkt Johannes Paul II., dass er keine klare Kenntnis von dem sicherlich großen Beitrag hat, den seine Mutter zu seiner religiösen Erziehung geleistet hat. Vielleicht bedeutet das Schweigen des Papstes zu seiner Mutter auch nur, dass er wenige Erinnerungen an sie hat. In seinen Privaträumen im Vatikan und auch auf einem Tisch im Schlafzimmer der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo erinnern zwei Fotos, die die Eltern nach der Hochzeit zeigen, an seine Mutter Emilia.
In den folgenden Jahren kümmert sich der Vater mit rührender Aufopferung um die Erziehung seines Sohnes. Besonders prägt er das Geschichtsbild von Karol, indem er ihm immer wieder die Geschichte Polens in vielen lebendigen Erzählungen nahe bringt. Der Vater, der in Wadowice von allen nur „Hauptmann" genannt wird, ist ein Kavalier der alten Schule. Karol Wojtylas Jugendfreund Jerzy Kluger erinnert sich in der Papst-Biografie des US-Autors Professor George Weigel „Johannes Paul II. Zeuge der Hoffnung" an einen Menschen von unerschütterlicher Rechtschaffenheit, der Intelligenz, Sorgfalt, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit besitzt. Die hervorstechendste Charaktereigenschaft ist sein „Gerechtigkeitssinn". Diese Wesenszüge hat er an den Sohn weitergegeben und ihn dazu erzogen, stets und überall gerecht zu sein.
Liebe zum Theater
Nach der Beendigung der Volksschule in der vierten Klasse besucht Karol ab 1930 das nach Ihrem Gründer, dem Theologen Marcin Wadowita, benannte staatliche Gymnasium für Knaben. Der „Hauptmann" steht mit seinem Sohn früh auf, um noch vor der Schule mit ihm zu beten und zu frühstücken. Karol wird Messdiener in der Marienkirche und besucht regelmäßig die Frühmesse um sieben Uhr. Der Pfarrer von Wadowice ernennt ihn schon bald darauf zum Oberministranten.
Am 5. Dezember 1932 verliert Karol auch seinen älteren Bruder „Mundek", zu dem er nach dem Tod seiner Mutter ein sehr enges Verhältnis hatte. Edmund Wojtyla stirbt in seinem Beruf als Arzt bei der Behandlung eines Patienten, der ihn mit Scharlach angesteckt hat. Seine Freizeit verbringt Karol mit seinen hauptsächlich jüdischen Freunden. Man wandert in den angrenzenden Bergregionen von Wadowice, im Winter fahren die Jungen Ski und spielen auf den zugefrorenen Seen eine Art einfaches Eishockey. Im Sommer wird auf einem „Bolzplatz", den Wadowice-Besucher noch heute sehen können, Fußball gespielt. Karol Wojtyla steht zwischen den Pfosten und macht sich als „Lolek der Tormann" einen Namen, weil er die Bälle gekonnt von der Linie fischt und seinen Kasten weitgehend sauber hält.
Mit 14 Jahren entdeckt der begeisterte Sportler seine Liebe zum Theater, er lernt bereits seit einem Jahr Latein, später noch Griechisch und wird Mitglied der Bruderschaft Mariens, eine Vereinigung junger Männer, die die Verehrung der Mutter von Christus fördern will. Karol spielt an der Schule in verschiedenen Theaterrollen, avanciert sogar zum Leiter der Theatergruppe und besucht zwei Mal im Monat die Tanzstunde in der Schule.



