Studium in Krakau
Nach dem Abitur, das „Lolek" als Klassenbester bestand, und seiner Firmung 1938 zieht der Vater mit dem Sohn nach Krakau. Der junge Abiturient schreibt sich an der Jagellonen-Universität für die Philosophische Fakultät ein. Karol ist von seiner Leidenschaft für die Literatur, insbesondere für die dramatische Kunst und das Theater, besessen. Er verschlingt die Bücher der großen romantischen Dichter und Dramatiker Polens, darunter Adam Mickiewicz, Juliusz Slowacki und Cyprian Kamil Norwid. In dieser Zeit war Europa überreich an revolutionärer Literatur. Aber die patriotischen Literaten, die Polens neue Romantik schufen, sind eher Dichter und Erzähler als die vielen anderen politischen Theoretiker mit ihren Revolutions-Pamphleten.
Einige Schul- und Studienkollegen von Karol Wojtyla schließen sich in diesem Jahr antisemitischen Parteien an. Im ganzen Land wird, unterstützt von Zeitungen und überehrgeizigen Politikern, zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Auch Ginka Beer, eine junge talentierte Schauspielkollegin von Karol aus Wadowice, wird durch eine antisemitische Disziplinarmaßnahme von der Medizinischen Fakultät in Krakau vertrieben. Sie geht nach Palästina und trifft sich vor ihrer Abreise noch mit ihren Freunden Karol und Jerzy Kluger. „Habt ihr gesehen, was mit den Juden in Deutschland passiert?" fragt sie die zwei ängstlich, „nun, etwas Ähnliches geschieht jetzt auch hier in Polen. Ich halte es nicht mehr aus (...). Mir scheint, als könne ich nicht mehr atmen, deshalb gehe ich weg." Der damals 18-jährige Lolek ist sprachlos, zu aufgewühlt, um irgendetwas zu sagen, als die drei sich am Bahnhof voneinander verabschieden.
Unter deutscher Besatzung
Ein Jahr später, im Juni 1939, legt der Student Karol Wojtyla erfolgreich die Zwischenprüfung im Studium der polnischen Philologie ab. Nur einen Monat später beendet er seine militärische Ausbildung in der Akademischen Legion. Der Zweite Weltkrieg beginnt im September desselben Jahres, und mit der Besetzung Krakaus durch die Deutschen kommen auf Polen schwere Zeiten zu. Schulen, Universitäten und Theater werden einfach geschlossen. Noch schlimmer: Deportationen und Massaker sind jetzt an der Tagesordnung. Die Kirche ist fast handlungsunfähig. Der Student Karol schließt sich verschiedenen Untergrundorganisationen an. Dazu gehören auch die Theatergruppe „Studio 39" und der von Jan Tyranowski geleitete Gebetszirkel „Lebendiger Rosenkranz".
Um überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und von der Zwangsarbeit befreit zu werden, lässt sich Karol 1941 in der von den Deutschen übernommenen chemischen Fabrik Solvay als Hilfsarbeiter anstellen. Zuvor schuftet er einige Monate im Steinbruch von Zakrzówek, später wird er Hilfsfeuerwerker. Im Februar 1941 stirbt sein Vater und Lehrmeister, im Mai wird Wojtylas Gemeindepfarrer von der Gestapo verhaftet.
Priesterweihe und Promotion
Im Herbst 1942 eröffnet Karol dem Krakauer Erzbischof Adam Sapieha seinen Entschluss, Priester zu werden. Das Erzbistum akzeptiert ihn als heimlichen Priesteramtskandidaten, und Karol beginnt im Untergrund ein verbotenes Philosophiestudium.
Ein Jahr vor Kriegsende 1944 wird der junge Priesteranwärter von einem deutschen Lkw angefahren und muss ins Krankenhaus. Im April wird Jerzy Zachuta, ein Kommilitone im Untergrundseminar, von der Gestapo verhaftet und erschossen. Erst im Januar 1945 verlassen die deutschen Besatzer Krakau, und die Rote Armee zieht in die Stadt ein. Am 1. November 1946 wird Karol Wojtyla von Kardinal Sapieha zum Priester geweiht. In den ersten drei Jahren nach Kriegsende geht der frisch ernannte Priester nach Rom, um weiter Theologie zu studieren. Karol Wojtyla besucht Frankreich, Belgien und die Niederlande und schließt im Juni 1948 seine erste Promotion mit 18 von möglichen 20 Punkten ab.
Als Jugendpfarrer in Krakau
Karol Wojtyla wird 1949 neben dem Pfarrer und drei Vikaren der fünfte Seelsorger in Krakau. Unter den Vikaren ist auch Marian Jaworski, der später ein enger Freund von Karol wird. Der junge Pfarrvikar kommt in einer Zeit nach St. Florian, als die kommunistischen Machthaber den Druck auf die Kirche verschärfen. Im folgenden Jahr übernimmt der Staat Hunderte von katholischen Bildungsund Wohlfahrtseinrichtungen.
Viele katholische Schulen und andere Organisationen werden von der Regierung für illegal erklärt. Trotz dieser schweren Zeit für die katholische Kirche ist die Berufung für Karol Wojtyla durch Erzbischof Sapieha nach Krakau eine ideale Aufgabe. Denn hier kann Wojtyla sowohl seelsorgerisch mit jungen Menschen arbeiten als auch den Kontakt zu seiner geliebten literarischen und philosophischen Welt aufrechterhalten. Die Jugendlichen in der Gemeinde lieben ihren Pfarrer „Wujek", wie sie ihn jetzt nennen. Er hat mit ihnen ein tolles Vertrauensverhältnis, sie hören auf das, was er sagt, und diskutieren mit ihm. Es ist seine für die damalige Zeit ungewöhnliche Offenheit, die sie fasziniert, und die Art und Weise, wie er in den Gesprächen ein solides und positives Menschenbild einbindet.
Gemeinsam mit jungen Leuten macht Karol Wojtyla immer wieder Ausflüge in die Berge zum Skifahren, Wandern oder an idyllisch abgelegene Seen Orte, die sich ideal zur Meditation eignen. Dabei spricht man über Themen wie Sexualität, Liebe und Ehe. Für polnische Priester aus jener Zeit ist das etwas völlig Neues. Im Januar 1953 macht Wojtyla zum ersten Mal einen Skiausflug mit seinem Bekannten Jerzy Janik, und das wiederholt sich dann jedes Jahr bis zu seinem Weggang aus Polen. Karol Wojtyla ist begeisterter Skifahrer. Freunde erinnern sich später, dass er manchmal in halsbrecherisch riskantem Stil die mit Schnee bedeckten Pisten hinabschoss.



