Der ganze Kosmos wird im Hinduismus beherrscht von der Vergeltungskausalität aller Taten (Karma), die jedem Wesen, das geboren wird, seinen Platz aufgrund seiner guten oder bösen Handlungen in einer vorausgegangenen Existenz anweist. Die Lehre von der Seelenwanderung wird somit zur Grundlage des Kastensystems. Die Seelenwanderung hat keinen Anfang; sie findet ein Ende nur dann, wenn eine Seele, nachdem sie in zahllosen Existenzen in Tier- und Menschengestalt, höllischen und himmlischen Existenzweisen geläutert worden ist, durch Weltentsagung, göttliche Gnade oder selbst erworbene Erkenntnis die endgültige Erlösung von allen Formen weltlicher Bindung erreicht (Moksha). Diese ist ein unverlierbarer Bewusstseinszustand der Seligkeit (Nirvana), der von manchen Schulen als ein verklärtes individuelles Dasein, von anderen als ein Aufgehen des individuellen Selbst (Atman) in das unvergängliche Absolute, das Brahman, mit dem es ursprünglich identisch ist, aufgefasst wird. Die verschiedenen Wege zur Erlösung sind in der "Bhagavadgita" beschrieben (Bhakti).
Ursprünglich gab es nur eine Kaste
Die Kastenzugehörigkeit im Rahmen des indischen Kastensystems wird durch die Geburt bestimmt. Dies ist nach indischer Vorstellung jedoch nicht immer so gewesen. So heißt es im Brihadaranyaka-Upanishad, dass alle Menschen dieser Welt ursprünglich der einzigen Kaste der Brahmanen angehört haben und es ihre Karmas waren, die die Kastenunterschiede begründeten; kraft seines Karmas kann allerdings auch ein Shudra ein Brahmane werden. Es gab und gibt im Hinduismus Glaubensrichtungen, die das Kastensystem ablehnen: z. B. die Lingayatas (Anhänger einer Schule des Shivaismus, die Anhänger der Reformbewegung Aryasamaj und die gesamte Bhakti-Tradition sowie einiger neohinduistischer Bewegungen. Für die Beibehaltung des Kastensystems hat sich M. Gandhi ausgesprochen, dabei allerdings alle in diesem hierarchisch angelegten Diskriminierungen zurückgewiesen und die in ihm institutionalisierte Unberührbarkeit (Paria) ausdrücklich abgelehnt. Gandhi sah das Kastensystem als vom Gedanken der Gerechtigkeit bestimmte harmonische Ordnung an, in der jeder in seiner Funktion von den anderen wertgeschätzt ist und Wettbewerb untereinander in seinen oft gnadenlosen Formen keinen Platz hat.



