Kathedralen
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Kathedralen

Bild: Foto: Wilfredor, CC0, via Wikimedia Commons

Kathedralen waren im Mittelalter Ort des Glaubens und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Unter welchen Bedingungen sind entstanden die Prachtbauten?

Der Begriff „Kathedrale“ ruft bei uns allen wohl ähnliche Bilder im Kopf hervor. Wir denken an die großen gotischen Bauten, an Notre-Dame in Paris, den Kölner Dom oder das Freiburger Münster, die sich in ihrem architektonischen Aufbau ähneln: außen verschachteltes, offenes Strebwerk mit an den Seitenschiffen gespannten Strebebögen, innen die charakteristischen Spitzbögen und Rippengewölbe, die zusammen zu der enormen Höhenwirkung des Raumes führen. Vielleicht denken wir auch an den Eindruck der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit im Innenraum, denn im Gegensatz zu dem massiven Mauergebäude der romanischen Kirchen sind die gotischen Kathedralen ein Skelettbau, mit nur minimaler Mauersubstanz. Am längsten im Gedächtnis bleiben aber wohl die charakteristischen farbigen Glaswände, die den Kirchen eine fast überwirkliche Leuchtkraft verleihen und so tatsächlich die Aura des Transzendentalen entwickeln, die einen noch heute die Bestimmung des Ortes spüren lässt: als heiliger Raum, als sakrale Gottesstätte.

Kathedrale: Kirche und Kunstform

Wird die Kathedrale im Allgemeinen, teils auch in der Kunstgeschichte, mit dem gotischen Baustil quasi gleichgesetzt, hat der gotische Baustil im religiösen Sinn wenig bis nichts gemein mit dem Begriff „Kathedrale“. Dieser bezeichnet nicht mehr und nicht weniger als die Hauptkirche eines Bistums oder Erzbistums und die dazugehörige Geistlichkeit, das Kapitel. Mit „cathedra“ wurde im buchstäblichen Sinn der thronartige Sitz des Bischofs bei der Heiligen Messe bezeichnet. Doch in Deutschland heißen die Bischofskirchen nicht Kathedralen, sondern Dom, das Haus (lat. domus = Haus) des Bischofs. Im südlichen deutschen Sprachraum, z.B. in Basel, Konstanz oder Straßburg, bürgerte sich die Bezeichnung „Münster“ ein, eine Eindeutschung des lateinischen Namens für Kloster.

Bischofskirchen gab es zu jeder Zeit und in jedem Land, seitdem es Bischöfe gab und Kirchen gebaut wurden. Um 1140 entstanden zunächst im Großraum Paris die ersten gotischen Kathedralen. Diese hatten schon auf die Zeitgenossen solche Strahlkraft, dass sie schnell Nachahmer fanden, zunächst in England, dann überall in Mitteleuropa. Die gotische Kathedrale wurde zur zentralen Kunstschöpfung der Gotik und gilt bis heute als größte Leistung, die die europäische Architektur des Mittelalters hervorgebracht hat. Die gotische Kathedrale wurde in ihrer Glanzzeit zwischen 1200 und 1500 immer größer, immer höher, immer gigantischer; in mancher Großkirche des Mittelalters hätte die gesamte Bevölkerung einer relativ großen Stadt (bis 10.000 Einwohner) Platz gefunden. Die Kathedrale von Beauvais, deren Bau 1225 begann, hat heute mit 48 Metern das höchste Kirchengewölbe der Welt. In Deutschland ist der Kölner Dom der Inbegriff einer Kathedrale und immer noch eine der weltweit größten Kirchen der Welt: 400.000 Kubikmeter umbauter Raum, 10.000 qm² reine Fensterfläche, ein Mittelschiff so hoch wie ein 15-stöckiges Wohnhaus. Zwischen der Grundsteinlegung 1248 und der offiziellen Fertigstellung 1880, damals kurzzeitig das größte Gebäude der Welt, verging mehr als ein halbes Jahrtausend. Wenn es auch üblich war, dass sich der Bau einer Kathedrale über mehrere Generationen hinzog und auch mal für Jahrzehnte unterbrochen wurde – an keinem anderen Gebäude wurde so lang gebaut.

Mittelalterliche Bauwunder

Warum die Menschen im 12. Jahrhundert plötzlich ausgerechnet im Norden Frankreichs begannen, überdimensionierte Gotteshäuser zu bauen, ist letztlich unklar. Zu dieser Zeit war die europäische Gesellschaft allgemein im Aufbruch – die Kreuzzüge brachten neue Ideen auf den Kontinent und führten zu technischen Neuerungen; ein günstigeres Klima verbesserte die Ernährungslage der Menschen und führte zu einem Bevölkerungsanstieg. Neue Städte und Märkte entstanden. Es kam im 12. und 13. Jahrhundert zu einem wahren Bauboom. Allein zwischen 1180 bis 1270 entstanden in Frankreich etwa 80 Kathedralen. Äbte, Bischöfe, Herrscher und Adelige traten als Bauherren in Erscheinung, nicht zuletzt, um etwas Einmaliges zu schaffen oder auch für sich eine angemessene Grablege zu schaffen. Der Bau erforderte genaue, oft jahrelange Vorbereitungen, um alle komplexen architektonischen und bautechnischen Aspekte des Bauvorgangs koordinieren zu können. Zumal die Auftraggeber wussten, dass sie die Vollendung des Werkes in der Regel nicht mehr erleben würden und der Bau vielmehr eine Aufgabe von mehreren Generationen war. Die Nachfolger übernahmen entweder die Baustelle oder rissen alles ab und fingen von vorne wieder an – auch ein Grund, warum Bauten teilweise, wenn überhaupt, erst nach Hunderten von Jahren fertig waren.

Noch heute erstaunt es, wie die Menschen im Mittelalter ohne moderne technische Hilfsmittel solche Bauleistungen vollbringen konnten. Erster und zentraler Punkt der Planung war die Frage der Finanzierung, wofür in der Regel der jeweilige Auftraggeber zuständig war, dessen Vermögen aber meistens nicht ausreichte. Dieser war auf Spenden angewiesen, freiwillige oder auch durch die Verhängung von Strafgeldern erzwungene. Beliebt war auch, Personen mit Reliquien von Heiligen auszustatten und in der Fremde Spenden einzutreiben.

Der Auftraggeber hatte nun zuvorderst fähige Bauleiter zu gewinnen: einen Architekten, der den Gesamtbau konzipiert, und einen Werkmeister, der eine Bauhütte überwacht, dazu einen Stellvertreter, den sogenannten Parlier. Werkmeister und Architekt waren oft ein- und dieselbe Person, in der Regel ein langjährig ausgebildeter Steinmetz, denn die Großkirchen bestanden zum größten Teil aus Stein. Solche, heute meist namenlose Leute waren Mangelware und sehr begehrt. Sie wurden teils länderübergreifend angeworben, was auch zu der Vereinheitlichung des Baustils beitrug. Die Bauleiter mussten die Bauarbeiten organisieren und dafür sorgen, dass alle Materialien: Holz, Stein, Lehm, Abdichtmaterialien, Glas und insbesondere auch Blei – allein das Dach von Notre-Dame in Paris verschlang rund 210 Tonnen – rechtzeitig zur Stelle waren. Diese Stoffe auf dem Land- oder Wasserwege auf kaum befestigten Strecken zum Zielort zu transportieren, war oft eine Sache von Wochen und Monaten. Auf den riesigen Baustellen tummelten sich zahllose Fachhandwerker: Maurer, Zimmermänner, Dachdecker oder Schmiede. Aber auch ungelernte Arbeiter und Tagelöhner fanden hier Beschäftigung. Der Bau von Großkirchen absorbierte erhebliche finanzielle, wirtschaftliche und personelle Ressourcen. Dies mochte teils zu Mängeln in anderen sozialen Bereichen führen, meistens wurde die Gesamtwirtschaft aber durch den Kathedralenbau angekurbelt. Zumindest aber wurde die Modernisierung vieler Handwerksgewerbe vorangetrieben.

Kathedralen als Mittelpunkt der mittelalterlichen Welt

Für ganze Generationen gaben die Baustellen den Menschen Brot und Arbeit. Die Arbeitszeiten waren akribisch geregelt und die Löhne für jede Arbeitergruppe genau ausgehandelt. Eine Kathedrale zu bauen, bedeutete eine Großunternehmung, die nicht selten die ganze Orts- bzw. Stadtbevölkerung einbezog.

Dies entsprach auch der gesellschaftlichen Funktion einer Kathedrale, so sie denn mal fertiggestellt war. Sie war natürlich in erster Linie Ort der Predigt, des Gebets, Stätte der Heiligenverehrung, Ort der christlichen Erbauung; aber auch in Stein gemeißelter Ausdruck von Macht, sowohl von geistlicher als auch weltlicher. Denn Kathedralen waren in der Regel nur Zentren eines weit größeren geistlichen Gebäudeensembles. Die Bischöfe hatten vielfach noch einen eigenen Palast, hatten sie doch nicht selten als königlicher Vasall auch die Stellung eines weltlichen Herrschers inne. Zu dem Kathedralenbezirk gehörten in der Regel auch Klöster, Kapellen, nicht selten auch Krankenhaus und Schulen. Diese enge Verbindung zur weltlichen Macht zeigte sich auch dadurch, dass Kathedralen auch Ort der Krönung von Königen war. Noch Napoleon I. nutzte den sakralen Nimbus der Kathedrale von Notre-Dame, als er sich noch 1804 dort zum Kaiser aller Franzosen krönen ließ. Doch Kathedralen waren immer auch Zentren des „normalen“ gesellschaftlichen Lebens, standen diese so gut wie immer auch in der Mitte der Stadt. Nicht zuletzt weil es auch an entsprechenden Örtlichkeiten fehlte, fanden in Kathedralen auch ganz profane Veranstaltungen statt; besonders in Italien auch Bürgerversammlungen und Gerichtsverhandlungen. Ebenso wurden Theateraufführungen gegeben. Als Zielort von Pilgerscharen dienten Kathedralen nicht selten auch als Übernachtungsstätten. Manche Quellen sprechen in diesem Zusammenhang von beklagenswerten Zuständen.

Das Jammern über nicht enden wollende Besucherströme gab es also schon im Mittelalter. Noch heute sind Kathedralen Attraktionen ersten Ranges. Die Kathedrale Notre-Dame zu Paris besuchen Schätzungen zufolge etwa 10 Millionen Besucher pro Jahr. Sie sorgen für Einnahmen, mit denen die regelmäßige Erhaltung der Kathedralen finanziert werden kann. So ist es möglich, die Kathedrale als eindrucksvolles Zeugnis für die Dauer in der europäischen Kultur auch für künftige Generationen zu erhalten.

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