Vopel: Wir leben in Shimshit, einem Ort rund 45 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. In den vergangenen knapp drei Wochen hat es immer wieder Luftalarm gegeben, mehrfach sind Raketen in der Nähe des Orts eingeschlagen. Bei Alarm gehen wir in den Schutzraum unseres Hauses, wie auch die übrige Bevölkerung. Gleichzeitig versuchen wir, der üblichen Routine des Alltags nachzugehen.
Warum sind Sie mit Ihrer Familie im Norden Israels geblieben und nicht in einen anderen Teil des Landes oder sogar ins Ausland oder nach Deutschland ausgewichen?
Wir haben von vielen Freunden aus dem Zentrum Israels Einladungen erhalten, bei zunehmender Gefahr dort Zuflucht zu finden. Wir haben das Risiko und die Gefährdung täglich neu abgewogen. Das statistische Risiko für Leib und Leben in unserer Region schien uns noch relativ gering, verglichen etwa mit der Häufigkeit von Verkehrsunfällen. Es war uns wichtig, die Kinder und uns selbst keinem großem Risiko auszusetzen, aber auch dem Terror von außen Stand zu halten.
Sie sind gesuchter Gesprächspartner und Kommentator für deutsche wie ausländische Medien. Wie erklären Sie sich das Interesse dieser Medien?
Die Situation wird im Ausland völlig anderes beurteilt als in Israel. Es gibt deshalb ein großes Interesse ausländischer Medien, sowohl unmittelbare Erfahrungsberichte zu erhalten als auch eine Analyse, die den israelischen Standpunkt verständlich machen kann, ohne ihn von vornherein zu übernehmen. Umgekehrt ist es in Israel unverständlich, warum die öffentliche Meinung im Ausland so wenig Verständnis für die israelische Position zeigt, es zum Beispiel keine Demonstrationen gegen die Hisbollah gibt. Hier kann ich als Experte, der in beiden Kulturen verwurzelt ist und Politik, Medien und Öffentlichkeit in ihren jeweiligen Strukturen kennt, eine Brücke für das gegenseitige Verständnis schlagen.
Wie unterscheidet sich der Blickwinkel deutscher Medienvertreter gegenüber dem ihrer israelischen und arabischen Kollegen?
In der rein journalistischen Arbeit gibt es kaum Unterschiede zwischen deutschen und israelischen Journalisten. Bei den arabischen Journalisten hingegen wird die Berichterstattung häufig als Teil und Beitrag zur Auseinandersetzung selbst gesehen. Natürlich ist es für die ausländischen Medien manchmal schwer, vor allem wenn sie nicht vor Ort sind, die Lage im Nahen Osten angemessen zu erfassen, weil sie nur Ausschnitte aus der Wirklichkeit beziehungsweise die Widerspiegelung in Fernsehbildern wahrnehmen.
Welche Position beziehen Sie als Deutscher in Israel in den Interviews? Können Sie Distanz zu den Geschehnissen vor Ort bewahren – oder ist es gerade der Sache dienlich, so nahe am Geschehen zu sein?
Ich versuche, objektiv zu sein und auch meine eigene Position angemessen zu reflektieren, um eine eventuelle eigene Voreingenommenheit möglichst nicht die analytische Betrachtung beeinflussen zu lassen. Das ist aber das Problem jeder wissenschaftlichen oder journalistischen Arbeit. Der Experte zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er keine eigene Position hat, sondern dass er sich ihrer bewusst ist und versucht, immer auch andere Blickwinkel einzunehmen.
Welche Rolle können Sie, kann die Bertelsmann Stiftung insgesamt zur Verständigung der Völker im Nahen Osten beitragen?
Unser Beitrag liegt auf verschiedenen Ebenen: Erstens fördern wir das gegenseitige Verständnis der Akteure in Deutschland und Israel, Europa und dem Nahen Osten. Gegenseitige Kenntnis ist eine Grundvoraussetzung für das Verständnis anderer Positionen und ermöglicht es, das eigene Denken und Handeln kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls neue Alternativen zu erproben. Zweitens bringen wir in unseren verschiedenen Projekten und Foren Spitzenakteure von heute und von morgen zusammen. Persönliche Beziehungen und Bindungen sind das Fundament vertrauensvoller Zusammenarbeit, die notwendig ist, um dringend benötigten sozialen und politischen Wandel in den Staaten und Gesellschaft zu bewältigen.
Wie sehen Sie die nahe und mittelfristige Perspektive für den Krisenherd Naher Osten?
Aus europäischer Perspektive gibt es eine Reihe von Herausforderungen im Nahen Osten: Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, die Neuordnung im Irak, das Atomprogramm des Iran und die Frage der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Terrorismus und Migration. Wenn ich mich auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis konzentriere: Es gibt derzeit unterschiedliche Tendenzen, die zu verschiedenen Szenarien führen können.
Zum einen lässt sich in den letzten Jahren eine Annäherung in den Auffassungen zwischen den gemäßigten Kräften beider Seiten ausmachen, in denen die Grundzüge einer Zweistaatenlösung weitgehend klar sind. Gleichzeitig gibt es auf palästinensischer Seite – und nicht zuletzt befördert durch die langjährige Okkupation durch die Israelis – eine Zunahme radikaler und islamistischer Kräfte.
Daher heißt die Maxime derzeit nicht mehr „Konfliktlösung“, sondern „Konfliktmanagement“, um langfristig wieder Vertrauen zwischen den verfeindeten Seiten aufzubauen. Hier ist es im tiefsten Interesse der europäischen Staaten, sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen, sondern den konstruktiven Dialog mit beiden Seiten zu suchen und sich politisch, wirtschaftlich und unter den entsprechenden Umständen auch militärisch an der Beruhigung der Lage zu beteiligen.

Bild: Foto: Basile Morin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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