Kinder und Jugendliche im Internet - begleiten ist besser als verbieten
Leben & Lifestyle

Kinder und Jugendliche im Internet - begleiten ist besser als verbieten

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

wissen.de: Sie sind seit sieben Jahren in deutschen Klassenzimmern unterwegs. Sehen Sie eine wachsende Medienkompetenz bei Schülern und Eltern?

wissen.de: Sie sind seit sieben Jahren in deutschen Klassenzimmern unterwegs. Sehen Sie eine wachsende Medienkompetenz bei Schülern und Eltern?

wissen.de: Welchen Gefahren setzen sich Kinder und Jugendliche beim Surfen aus?

Kabierske: Sexueller Belästigung, jugendgefährdenden Inhalten, Vertragsfallen, illegalem Download von Musik, Filmen, Spielen. Opfer von Cybermobbing können sie sogar werden, wenn sie nicht einmal einen Online-Anschluss haben. Jeder Mensch kann im Internet verspottet, bedroht und beleidigt werden. Cybermobbing findet oft im sozialen Nahumfeld statt, also in der Klassengemeinschaft. Wenn es hinter dem Rücken des Opfers geschieht, ist es doppelt gestraft. Erstens ist es fassungslos, dass jemand so über einen denkt und schreibt. Und zweitens darüber, dass ihm niemand Bescheid gesagt hat.

wissen.de: Was raten Sie den Jugendlichen, wenn sie von Cybermobbing eines Klassenkameraden erfahren?

Kabierske: Sie haben ein Recht, einzuschreiten, Hilfe zu holen, etwa bei Eltern, Lehrern oder Sozialpädagogen der Schule. Sie müssen dem Mobber nicht Beifall klatschen. Wer Cybermobbing meldet, petzt nicht, sondern zeigt sich solidarisch und leistet Hilfe.

Wissen.de: Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor den Gefahren des Internets zu schützen?

Kabierske: Eltern sollen ihre Kinder begleiten, Fragen stellen, mitmachen. Das gemeinsame Erleben von Bildschirmnutzung und das gemeinsame Aufstellen von tragfähigen Regeln sind hundertmal besser als Verbote und Verdammnis.

wissen.de: Kann es angebracht sein, sich ein Facebook-Konto zur Überwachung der Kinder anzulegen oder sich in ihre Rechner zu hacken, um zu sehen, was der Nachwuchs für Fotos und Inhalte austauscht und welche Spiele er spielt?

Kabierske: Das Hacken von PCs ist unnötig, wenn sich Eltern gleich das Administratorenkennwort für den PC des Kindes geben lassen. Da muss überhaupt nichts gemauschelt werden. Ich finde es fragwürdig, wenn Eltern auf diese Weise den Kindern hinterherschnüffeln. Zum vertrauensvollen Miteinander gehören Offenheit, Transparenz und direkte Ansprache, aber sicher nicht „geheimdienstliche Aktivitäten“ eines Überwachungsstaates. Kinder unter 16 sollten nicht unbegleitet ein Facebook-Konto befüllen. Hier sollten Eltern klare Absprachen treffen, welche konkreten Inhalte in Facebook rein dürfen oder ein „no go“ sind. Absprache und Kontrolle sind generell ein starkes, positives Signal an die Kinder: Mama und Papa passen auf mich auf, ich bin ihnen nicht egal.

Wissen.de: Selbstdarstellung im Internet geht bei Kindern und Jugendlichen oft vor gesunden Argwohn, wie sie ihn im realen Leben hegen würden. Wieso?

Kabierske:  Menschen fühlen sich in der vertrauten Umgebung ihres Zimmers unangreifbar und sicher. Das gilt auch für Erwachsene, nicht nur Kinder und Jugendliche. Und deren ausgeprägter Hang zur Selbstdarstellung im Netz ist eine Nachahmung dessen, was ihnen täglich von Vertretern aus Politik, Kultur und Wirtschaft vorexerziert wird: Gelungener Selbstdarstellung wird ein hoher Stellenwert eingeräumt.

wissen.de: Hat sich nach den Datenschutzskandalen der letzten Zeit das Bewusstsein der Schüler verändert, was sie veröffentlichen sollten und was nicht?

Kabierske: Nein. Die Jugendlichen sind, was das angeht, penetrant beratungsresistent. „Privatsphäre“ ist für sie ein völlig abstraktes Wort. Da fehlt ihnen einfach noch die Lebenserfahrung. Sie sagen, sie hätten doch nichts zu verbergen. Und das stimmt auf den ersten Blick ja auch. Was aber ist, wenn die im Netz verteilten Informationen über eine Person durch einen Mechanismus wie Mosaikstücke zu einem komplexen Persönlichkeitsbild zusammengesetzt werden? Und darauf ist das Internet ja abgestellt.

Wissen.de: Wie also sollten sich Eltern angesichts dieser Szenarien verhalten?

Kabierske: Klare Regeln aufstellen, immer wieder darüber reden, dran bleiben. Nur die Peitsche zu schwingen oder alles der Cyber-Nanny, also den technischen Kontrollmöglichkeiten, zu überlassen, ist kontraproduktiv. Dann haben die Kinder, wenn sie einmal ausziehen, nichts gelernt. Das erreiche ich nur durch erziehen, trainieren und bewusst machen.

Acht Tipps, wie Ihre Kinder sicherer surfen und spielen können

Welche Jugendschutzsoftware ist empfehlenswert?
Die Kindersicherung von  www.salfeld.de ermöglicht das Sperren von Internetinhalten und richtet Zeitlimits ein. Die App Chico Browser ist die Kindersicherung für Smartphones und Tablets.

Gibt es kindgerechte Alternativen zu Google?
Gute Kindersuchmaschinen bis zu zehn Jahren sind www.blindekuh.de oder www.fragfinn.de.

Wie lässt sich überprüfen, ob ein Kind Porno-Seiten besucht?
Im Browserverlauf sind die besuchten Websites aufgelistet, sofern dieser Mechanismus nicht ausgeschaltet worden ist. Für Kinder bis zwölf Jahren eignet sich zu diesem Zweck ein Jugendschutzprogramm, das die besuchten Websites unlöschbar auflistet, beziehungsweise durch automatische Blockaden für die Sperrung dieser Seiten sorgt.

Ist ein Facebook-Konto zur Überwachung des Nachwuchses sinnvoll?
Nein. Denn der kann die Inhalte seines eigenen Kontos „nicht öffentlich“ stellen und damit die Eltern vor der digitalen Tür stehen lassen.

Welche No-Gos beim a) Chatten, b) Spielen, c) Surfen und d) Foto-Uploads gibt es?
a) Menschen als Freunde zu akzeptieren, die man nicht aus dem realen Leben kennt.
b) ohne Zeitlimits spielen oder sie brechen.
c) alles glauben, was im Netz steht.
d) Bilder im Bikini, Schlafanzug, Badehose, mit Waffen oder Alkohol oder von einem romantischen Tête-à-Tête. Die gehören in die Schreibtischschublade.

Was bietet Orientierung bei der Frage, ob es sich um jugendgefährdende Inhalte handelt?
Die Altersfreigaben für Filme und Computerspiele, die die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft),  beziehungsweise die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) festlegen.

Wieso sind selbst Tauschbörsen und Filmportale wie Youtube gar nicht so harmlos?
Tauschbörsen verleiten dazu, illegale Filme, Musik und Spielesoftware herunterzuladen. Die Kosten können sich auf einigen Tausend Euro belaufen. Auf Youtube lassen sich jugendgefährdende Videos finden wie Live-Mitschnitte von schweren Unfällen oder Exekutionen.

Wo kann man gewaltverherrlichende, extremistische oder menschenverachtende Inhalte aus dem Internet melden?

Auf www.jugendschutz.net

Weiterlesen auf:

www.klicksafe.de
www.bsi-fuer-buerger.de
www.datenschutzzentrum.de

Für Kinder bis zehn Jahre:

www.internauten.de

www.internet-abc.de

Für Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren:

www.handysektor.de
www.watchyourweb.de

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite