CD-ROM statt Holzspielzeug
Kinder- und Lernsoftware wird nicht von Kids gekauft, sondern von Eltern und Verwandten. Besonders beliebt sind die Silberscheiben als scheinbar unkompliziertes Geschenk zu Fest- und Geburtstagen. Manche Eltern sind allerdings skeptisch: “Computerspiele ab drei oder vier Jahre? Da fehlt doch die sinnliche Erfahrung mit Dingen! Holzspielzeug muss her!“ Dabei mögen die Kleinen - so stellen die Großen überrascht fest - mit ihrem völlig unverklärten Forscherdrang beides. Der Nachwuchs achtet von ganz allein darauf, dass der Computer reale Spielzeugerfahrungen nicht verdrängt.
So auch die sechs-jährige Sarah: Sie kriegt ganz große Augen, als sie die CD-ROM “Diva Starz“ entdeckt. “Die sind echt voll cool“, sagt sie, schnappt sich die Maus und klickt sich mit kindlichem Eifer durch die Musik- und Modespiele. Nach einer halben Stunde aber fragt sie nach Buntstiften und das PC-Spiel ist passé.
Für Ernie und Bert hätte sie keine fünf Minuten geopfert. Aus der “Sesamstraße“ findet sie nämlich nur Elmo und das Krümelmonster “voll krass“. Gut, dass ihre Mutter gemeinsam mit Sarah zum Software-Shop gegangen ist. Mutti hätte die “Sesamstraße“ eingepackt, denn mit der ist sie als Kind aufgewachsen. Schließlich gilt die amerikanische Serie als pädagogisch besonders wertvoll.
Mit Helden oft Probleme
Das Prädikat “pädagogisch wertvoll“ spielt zunächst keine Rolle für Kinder. Ihr mediales Bild ist mehr denn je von Identifikationsfiguren geprägt. Fernsehen und Kino machens vor: Kinder haben ihre Helden, mögen sympathische Charaktere, die ihre Sprache sprechen. Viele Eltern haben aber genau damit Schwierigkeiten. Es ist so wie mit den Vätern und der Musik-Geschmacksfrage“: Aufgewachsen mit Rolling Stones und Beatles können sie nur schwer verstehen, warum ihre Töchter für Boygroups wie NSync schwärmen. Eltern fragen in erster Linie nach den Inhalten eines Lernspiels. Sind den Kids die Figuren unsympathisch, geben sie keinen Pfifferling für den Inhalt. Das Programm wird dann einfach als “doof“ bezeichnet und der Computer gleich mit.
Spaß ist nicht gleich Spaß
Wenn Kids den virtuellen Begleiter nach nur drei Tagen in Rente schicken, ist die Ratlosigkeit groß. Dabei hat Papa es gut gemeint und so genau hingeschaut: Die Verpackung zeigt bunte und witzige Zeichentrick-Tiere, das Wort “Spaß“ ist auch irgendwo zu lesen. Dumm nur, dass Sohnemann Löwen, Giraffen und Papageien überhaupt nicht mag, sondern Dinosaurier. Noch dümmer, dass der sprechende Löwe quäkt wie eine verschnupfte Bergziege. Kinder haben eben einen eigenen Geschmack. Den sollte man sehr ernst nehmen - und vor der Programm-Auswahl erfragen.
Bei den inhaltlichen Aspekten von Kindersoftware offenbart sich, dass den meisten Eltern das fehlt, was sie gern bei ihren Kindern fördern möchten: Medienkompetenz. Woher sollen sie die auch haben, wenn sie sich selbst noch mit der Technik herumplagen? Etwa jeder dritte Computernutzer in Deutschland besitzt lediglich rudimentäre PC-Kenntnisse: Für manche Erwachsene wäre ein Spiel, mit dem Vierjährige lernen, die Maus zu bedienen, der geeignete Einstieg in die Computerwelt. Längst nicht alle “Newbies“ wissen zum Beispiel, was ein Doppelklick mit der Maus ist.
Eltern mit Tunnelblick
Auf der anderen Seite stehen die vor allem jungen Eltern, die sich mit Turbo-Speed ins Internet stürzen. Bei ihnen ist eine Art “Scheuklappen-Effekt“ - der Tunnelblick - auszumachen. Sie kennen alle legalen und illegalen Top-Adressen für MP3- und Film-Downloads, shoppen rund um die Uhr und beherrschen Chat- Clients mit verbundenen Augen. Aber so, wie der Hardware-Experte bei einem Softwareproblem passen muss, scheitern die Eltern an den einfachsten Beurteilungskriterien, wenn es um geeignete Kindersoftware geht.
Wer sagt den Eltern der Info-Gesellschaft, was gut ist für Kindergarten- und Vorschulkinder? In der Service-Wüste Deutschland kaum jemand, auch der sogenannte Fachhandel nicht. Ob in Kaufhäusern, Discountern oder Computershops: Speziell geschulte Verkäufer sind selten, halbwegs kenntnisreiche ebenso wenig. “Das ist gut“ oder “Das wird Ihrem Kind Spaß machen, macht es meinem nämlich auch“, sind typische Argumente im Geschäft, die bei Eltern noch mehr Fragen aufwerfen.
Der Buchhandel hat seine Chance, es besser zu machen, bislang kaum genutzt. Manche Fachkraft, die Werke von Walser, Grass und Co. aus dem Gedächtnis aufzählen kann, hat schon Schwierigkeiten, trotz ISBN-Nummer eine Kindersoftware zu bestellen. Auch das sonst allwissende Internet beschert Rat suchenden Eltern wenig erhellende Erkenntnisse.
Kein Wunder also, dass der berühmte Schokoladentrick im Supermarkt auch bei CD-ROMs funktioniert: So wie den Kleinen der Mund mit Süßigkeiten auf den letzten Metern zur Kasse wässrig gemacht wird, zwinkern Regale mit Billigsoftware Erwachsenen zu: “Nimm mich mit, ich mache Sohn und Tochter schlauer!“ Das Malspiel, das Karaoke-Programm, oder das angeblich so kreative Lernspiel für Kids ab vier Jahre entpuppen sich als uralte Dritt-Verwertung eines Ladenhüters, als Sammelsurium von langweiligen, billig produzierten Trainingsspielen oder als zweifelhafter Shareware-Mix. Viele Eltern sind in Sachen Kindersoftware nach einem solchen Fehlkauf verärgert.
Konkurrenz im Kinderzimmer
Manche treibt der Status Quo zurück an die Software-Regale. Wenn die Freunde von Sohnemann schwärmen, dass sie mit ihren neuesten PC-Spielen schon das kleine Einmaleins gelernt haben, muss schnell ein Programm mit garantiertem Schnell-Lerneffekt her. Edutainment-Produkte werden gern angesehen wie Auto, Haus und Designermarken: Der “Konkurrenz“ muss gezeigt werden, was man hat. Für manche ist der Computer im Kinderzimmer ein Statussymbol. Für andere - vor allem bei den Double-Income-Eltern - nicht selten ein Mittel, fehlende Zeit und Zuwendung für ihre Kinder zu überspielen.
Oft nicht gemeinsam am PC
Die meisten Eltern können kaum richtig einschätzen, wie der PC als eine sinnvolle Erfahrung für Kinder ab drei Jahren eingesetzt werden kann und wie nicht. Oft ist auch falsches Vertrauen in die Maschine mit im Spiel: Vom Alleskönner Computer wird erwartet, dass er die Kids allein bei der Stange hält. Dass gerade die gemeinsame Beschäftigung am Bildschirm Lerneffekte bringt, haben Erwachsene meistens nicht auf der Rechnung.
Der beste Rat, den man den Großen geben kann: Locker bleiben und in Ruhe gemeinsam mit dem Nachwuchs nach dem geeigneten Programm suchen. Erfahrungen mit Formen, Farben und Symbolen werden von Kindern am Computer auch spielerisch gesammelt. Dahinter steckt kein Druck, kein Zwang. Doch den spüren Eltern allzu oft - ihre Unsicherheit machts ihnen nicht leicht.



