Kleine Kulturgeschichte der Jugend
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Kleine Kulturgeschichte der Jugend

Bild: Foto: Edward Gordon Craig (Q920293) (Edward Gordon Craig), Public domain, via Wikimedia Commons

Die Jugend ist noch gar nicht so alt. Zwar gab es schon immer eine Auseinandersetzung mit der Generation der Heranwachsenden, wahrgenommen als eine besondere Lebensphase wurde “die Jugend” allerdings erst im 18. Jahrhundert. Bis dahin galten Jugendliche und Kinder als kleine Erwachsene, was sich u.a. auch in der Kleidung zeigte. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts sah der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau in der Jugend das Stadium, in dem der Mensch noch nicht entfremdet ist und postulierte eine möglichst lange Dauer der Jugendphase, fernab von den schädlichen Einflüssen der Verstädterung. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts haben sich die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsenenwelt immer mehr verschoben. Ein Hauptgrund: Die Jugendlichen wollen nicht mehr erwachsen werden und die Erwachsenen möglichst lange jung bleiben.

“Proletarierjugend” hat negativen Beigeschmack

Im Zeitalter der Industrialisierung war der Alltag der Mehrzahl der jungen Menschen und Kinder von harter (Erwachsenen-) Arbeit in den Fabriken bestimmt. Und dies zu einer Zeit, die weder die Fünf-Tage-Woche noch den Acht-Stunden-Tag kannte. Im Zusammenhang mit den heranwachsenden Arbeiterschichten und Straßenkindern, war “Jugend” oder “Jugendlicher” im Gegensatz zum bildungsbürgerlichen Jüngling im 19. Jahrhundert noch negativ besetzt. Insbesondere die sog. Proletarierjugend gilt als “gefährdete” Jugend, die von dem bürgerlichen Idealbild des Heranwachsens abwich. Im Gegensatz zu den Kindern der gebildeten Schichten, die sich sittsam im bürgerlichen Heim und in der Schule aufhielten, verbrachten diese Jugendlichen ihr Leben überwiegend auf den Straßen der Großstädte, wo sie sich ihr Brot mit Hilfsarbeiten, Betteln oder kleinen Gaunereien verdienten.

Erwachsene geben die Richtung vor

Institutionen wie Staat und Kirche widmen sich im 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert intensiver einer “Jugendpflege”, auch um “abweichende” Jugendliche zu verantwortungsvollen “jungen Staatsbürgern” zu erziehen. Jugend wird so zur “Lernzeit” und Vorbereitungsphase für die Aufgaben und Pflichten des Erwachsenseins und von den Älteren entsprechend formend gefördert.

Es kommt zu einer verstärkten Einrichtung von kollektiven Übergangsritualen wie etwa der Konfirmation oder Jugendweihe (seit 1859), die die Aufnahme der Heranwachsenden in die Welt der Erwachsenen zu einem bestimmten Lebensalter festsetzt. In diesen Zusammenhang gehört auch die erste Zigarre, die der Vater zur gegebenen Zeit dem halbwüchsigen Sprössling anbietet.

Was Jugend oder jugendlich ist, ist also weniger ein biologischer Befund als eine soziale Erfindung und wurde schon immer von Erwachsenen definiert. Diese bestimmen und dosieren die im Unterricht an die Jugend zu vermittelnden Inhalte wie Glaubensrichtungen, moralische und ideologische Werte und nehmen damit richtungsweisenden Einfluss auf die nachfolgende Generation.

Die Jugend organisiert sich selbst

Die Wandervogelbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts, die als erste Jugendkultur gilt, ist sozial hauptsächlich in der bildungsbürgerlichen Jugend verankert. Sie ist romantisch gefärbt und naturnah, aber auch von der literarisch gefärbten Kulturkritik des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Die “Wandervögel” zielen auf die Überwindung großstädtisch-industrieller Fehlentwicklungen. Nach dem zweiten Weltkrieg wird das zwanzigste Jahrhundert zunehmend von den (Protest-) Haltungen und Vorstellungen einer aufmüpfigen Jugend geprägt, sie wird zum innovativen Antriebsmotor der Gesellschaft.

Experimentierfeld für die ganze Gesellschaft

Mit dem Aufschwung durch das Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren haben auch Jugendliche neue finanzielle Freiheiten. Die nun neben Schule und Ausbildung vermehrt zur Verfügung stehende Freizeit will gestaltet werden. Musik, Mode und Kosmetik – nach amerikanischen Vorbild – werden als Konsumgüter zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln der Teenager-Kultur der fünfziger und sechziger Jahre.

Jugendliche streben nach einer strikten Abgrenzung von den Konventionen und Vorstellungen ihrer Eltern und wollen dies entsprechend zum Ausdruck bringen. Sie experimentieren mit Drogen und erproben alternative Lebens- und Partnerschaftsmodelle. Einen Höhepunkt erlebt die jugendliche Rebellion mit den Studentenunruhen und Protestbewegungen vor allem gegen den Vietnamkrieg in den späten sechziger und siebziger Jahren. Parallell dazu fächert sich die Jugend in eine immer größere Vielfalt von Lebensstilen auf.

Im Zeichen des Jugendwahns: Grenzen lösen sich auf

Ein genauer Zeitpunkt, zu dem die Heranwachsenden in das Erwachsenenalter eintreten, existiert heute nicht. Symbolische Aufnahmerituale wie Jugendweihe, Heirat oder selbst die Aufnahme eines Berufs als wichtiger identitätsstiftender Moment im Leben bedeuten nicht automatisch, dass jemand dann der Jugend entsagt. Das mit Jugendlichkeit verknüpfte Singledasein ist zumindest in den Städten ein typischer Familienstand, die finanzielle Unabhängigkeit ist dann oft schon erreicht.

Jugendliche nehmen auch bereits mit etwa zwölf Jahren sexuelle Beziehungen auf. Die Geheimnisse der Erwachsenenwelt werden ihnen schon alleine durch die Informationsflut der Medien nicht vorenthalten. Die Ausbildung verlängert sich und die Gestaltung des Lebensstils verläuft nicht mehr in einer graden Linie sondern ist einem größeren Wandel unterworfen – Wissenschaftler sprechen von Patchwork-Identitäten. Das Jugendalter ist so nicht mehr festgelegt durch das Teen-Age, sondern kann sich bis weit über Dreißig ausdehnen.

Jugend hat heute Kultstatus bis zum Jugendwahn. Sie ist das gesellschaftliche Leitbild und als Lebensphase hat sie sich im Vergleich zur Vergangenheit enorm verlängert. Die Grenzen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen verwischen. Dabei sind es weniger die Jugendlichen, die schnell erwachsen sein wollen, sondern die Erwachsenen wollen den Status des Jungseins nicht aufgeben. Dank sportiver Kleidung, Liftings, Silikon und Viagra ist die “ewige Jugend” fast schon in Sichtweite. In dem Moment, wo sich Jugend auf die Erwachsenen verschiebt und die Heranwachsenden nahezu uneingeschränkten Zugriff auf die Erwachsenenwelt haben, droht “Jugend” als eine eigenständige Lebensphase zu verschwinden.

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