Diese Mega-Fusion, an der sich zunächst mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sogar noch drei weitere Organisationen beteiligen wollten, machte ver.di mit rund 2,9 Millionen Mitgliedern zunächst zur größten Gewerkschaft unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Es war eine Fusion, die viele Reibungsflächen bot, schließlich mussten sich so unterschiedlich ausgerichtete Gruppen wie die kleine, linke IG-Medien mit der konservativen DAG zusammenraufen. Auch galt gerade die Integration der DAG in den Deutschen Gewerkschaftsbund als bedeutender historischer Schritt. Organisatorisch wurde die Vereinigung durch eine Zuordnung der Mitglieder in insgesamt 13 Fachbereiche gelöst.
Reformfähigkeit
Vor allem wollten die Gewerkschaften damals mit dem Zusammengehen ihre Reformfähigkeit unter Beweis stellen. "Geänderte Arbeitsbedingungen, neue Berufe, gewandeltes berufliches Selbstverständnis und sozialer Wandel" müssten in der Gewerkschaftsarbeit ihren Niederschlag finden, begründete die IG Medien damals diese Fusions-Entscheidung. Denn: Gewerkschaften könnten sich vor den Veränderungen in der Arbeitswelt nicht verschließen, Formen kollektiver Gegenwehr seien notwendig.
Zum Vorsitzenden der neuen Riesen-Gewerkschaft wurde damals Frank Bsirske gewählt, der kurz zuvor erst Herbert Mai als ÖTV-Chef abgelöst hatte. Bsirske, bis heute erster Mann von ver.di, war damals als reformbegeisterter Personaldezernent der Stadt Hannover lediglich regional bekannt, hatte es aber verstanden, durch eine "mitreißende Rede" im Jahr 2000 die ÖTV-Delegierten und später auch die Verdianer zu begeistern. Sicherlich war es in der Zeit der Aufbruchstimmung nicht hinderlich, dass mit Bsirske gerade kein Traditions-Sozi zur Wahl stand, sondern ein studierter Politologe und Grünen-Mitglied.
Mitgliederzahl sinkt
Heute, fünf Jahre später, ist ver.di nur mehr noch die zweitgrößte Organisation im DGB, die IG Metall hat der Dienstleistungsgewerkschaft inzwischen den Rang abgelaufen. ver.di hat noch 2,4 Millionen Mitglieder und vertritt 1000 Berufsgruppen. Als Grund für den Mitgliederrückgang nennt ver.di vor allem den Arbeitsplatzabbau in vielen Branchen, wie beispielsweise im Öffentlichen Dienst, in der Druckindustrie und im Bankengewerbe. Auch haben sich einige Branchen wieder der Zuständigkeit von ver.di entzogen. Das Bodenpersonal der Fluggesellschaften und die Klinikärzte sind die bekanntesten Beispiele.
Der Tradition verpflichtet
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft sieht sich selbst als links und traditionalistisch. Heftig attackierte sie Gerhard Schröders Reformpolitik, zog gegen die Agenda 2010 der SPD und gegen Hartz IV zu Felde. Und oft – insbesondere auch in den derzeitigen Tarifauseinandersetzungen um längere Arbeitszeiten im Öffentlichen Dienst - muss sich ver.di den Vorwurf gefallen lassen, als Riesengewerkschaft einfach nicht flexibel genug zu sein. Dabei wird oft vergessen, dass bei der im Februar 2005 abgeschlossenen Tarifrunde im Öffentlichen Dienst geradezu Revolutionäres von den Verdianern vollzogen wurde: die Einführung leistungsbezogener Bezahlung, ein niedriger Einstiegstarif und flexible Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkonten. Nun aber legten die öffentlichen Arbeitgeber mit der Forderung nach einer 40 statt 38,5-Stundenwoche nach – und der Reformeifer der Dienstleistungsgewerkschaft ist Schnee von gestern. Nach mehreren Wochen Streik wird der jungen Mega-Gewerkschaft Konzeptlosigkeit und der Rückzug in die alte Blockierer-Ecke vorgeworfen.



