„Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüsste er, wo selbes läge. Wer nichts kann, als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird dort zum Grafen ernannt. Jede Stunde Schlafens bringt einen Gulden ein und jedes Gähnen einen Doppeltaler.“
Von diesem - leider nie entdeckten - Land, dem „Schlaraffenland“, berichtet uns Ludwig Bechstein in einem Märchen. Aber die Realität sieht anders aus: Jeden Morgen klingelt der Wecker und ruft uns zur Arbeit. Und dennoch träumen wir alle hin und wieder von diesem Schlaraffenland und davon, wie es denn wohl wäre - so ein Leben ohne Arbeit.
Aussteigen ist nicht einfach
Die Zahl derer, die es freiwillig wagen, die alltägliche Arbeitsmühle anzuhalten und auszusteigen, ist klein. Zu groß ist die Angst, nicht mehr an den ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Zu mächtig die Vorurteile, die in unserer Gesellschaft den Menschen entgegengebracht werden, die nicht arbeiten. Wer aussteigt, gilt immer noch als Faulenzer. Dabei stehen die Chancen für Aussteiger im Moment so gut wie nie zuvor. Im Zuge der Flexibilisierung der Arbeitswelt sind neue Muster der Arbeitszeitverteilung gefragt. Eines davon heißt Sabbatjahr oder auch „Sabbatical“. Es leitet sich von dem hebräischen „Sabbat“ ab, dem siebten Tag der Woche, an dem die Arbeit ruhen soll. Gemeint ist mit dem Sabbatical ein Ausstieg auf Zeit - für einige Monate, ein Jahr oder noch länger - mit Job-zurück-Garantie.
Noch gibt es Vorbehalte
Die Vorbehalte gegen diese Art von Langzeiturlaub sind zwar in Deutschland noch groß, aber immerhin bieten etwa 5 Prozent der deutschen Unternehmen inzwischen ein Sabbatjahr an. In anderen Ländern gehört dieses schon längst zum Arbeitsalltag: So hat man in Australien nach zehn Jahren im öffentlichen Dienst den Anspruch auf drei Monate bezahlten „long service leave“. In Dänemark fördert der Staat Sabbatical-Unterbrechungen sogar finanziell. Die freigewordenen Arbeitsstellen werden bis zur Rückkehr des Urlaubers oft mit Arbeitslosen besetzt, denen so der berufliche Wiedereinstieg erleichtert werden soll. Ähnliche Programme haben sich in Finnland und den Niederlanden bewährt.
Sabbatjahr sorgt für neue Impulse
Vorreiter für das neue Arbeitszeitmodell in Deutschland war die Einführung des Sabbatjahrs im öffentlichen Dienst 1997. Seit 1998 kann theoretisch jede Firma den Langzeiturlaub anbieten. Praktisch durchführbar ist die längere Jobpause jedoch meist nur in Unternehmen, die projektbezogen arbeiten. Ist ein Arbeitsprojekt abgeschlossen, kann das Team ausgewechselt werden und einer der Mitarbeiter auf große Reise gehen.
So hatte auch Rainer Schwarz (34), führender Mitarbeiter in einer Kölner Unternehmensberatung, nach fünf Jahren den Wunsch, „das Hamsterrad anzuhalten und aus dem Käfig zu springen“. Sein Arbeitgeber gab das O.K. und Schwarz reiste neun Monate lang mit dem Rucksack durch Vietnam, Thailand, Neuseeland, Australien und Peru. „Auf meiner Reise habe ich Erfahrungen gesammelt, die ich in Deutschland nie hätte machen können“, meint Schwarz. „Das ändert den Blick auf die Dinge, lässt eingefahrene Denkstrukturen aufbrechen. Wenn man zurückkommt, ist man nicht nur entspannter, sondern auch kreativer.“ Das allein ist ein guter Grund dafür, Sabbaticals anzubieten. Die Mitarbeiter kommen meist hochmotiviert an ihren Arbeitsplatz zurück und bringen außer neuen Energien auch neue Impulse mit. Der Traum vom zeitweiligen Leben ohne Arbeit ist zumindest für einige Arbeitnehmer schon Realität geworden. Mut und Flexibilität gehören allerdings dazu: beim Mitarbeiter und beim Chef.



