Lehrer auf dem Prüfstand
Leben & Lifestyle

Lehrer auf dem Prüfstand

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie sind Deutschlands Lehrer ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Thüringens Kultusminister Michael Krapp (CDU) sprach manchem seiner Amtskollegen aus der Seele, als er meinte, man solle über die Qualität des Unterrichts an deutschen Schulen nachdenken und keine Strukturdebatte beginnen. Alles nur ein politisches Ablenkungsmanöver? Oder sind die Lehrer in Deutschland wirklich so schlecht? Wie steht es eigentlich um ihre Ausbildung? Gibt es versteckte Defizite und wirken sich diese auf die Unterrichtsqualität aus? Einen Grund muss es jedenfalls geben, wenn jeder zehnte deutsche Schüler nicht einmal die Aufgabenstellung eines weltweit genormten Tests begreift. Wie sieht die Realität in den Klassenzimmern aus?

Ist die Lehrerausbildung noch auf der Höhe der Zeit?

Derzeit beziehen sich weniger als zehn Prozent des Lehramt-Studiums auf Pädagogik. Viel zu wenig, meinen nahezu alle Bildungsexperten. Neben der Fachdidaktik werden auch Grundwissenschaften wie die Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie vernachlässigt. Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin, verweist auf alternative Konzepte. Im holländischen Maastricht müssen Lehramtsstudenten Schülerdiktate voller Fehler diagnostizieren. Gibt es Anhaltspunkte für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom? Könnten persönliche oder familiäre Probleme dahinter stecken? Und wenn, wie geht man damit um? Wäre Förder- oder Einzelunterricht von Nutzen?

Es sind diese praktischen und alltäglichen Fragen und Probleme, auf die die deutschen Lehramtskandidaten wenn überhaupt, dann nur völlig unzureichend vorbereitet sind. Wer von ihnen weiß schon, wie man eine spannende Projektwoche organisiert. Skepsis daher auch gegen die jüngst von manchen Kultusministern geübte Praxis, Akademiker mit Diplom- oder Magisterabschlüssen als Lehrkräfte zu rekrutieren. Experten befürchten, dass diese Seiteneinsteiger ohne pädagogische Ausbildung den Anforderungen an den Lehrerberuf noch weniger gerecht werden könnten.

Vor allem der unerfahrene Lehrernachwuchs gerät leicht in eine heikle Situation. Nur die wenigsten Referendare dürften der niedersächsischen Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) zustimmen, wenn sie meint, junge Lehrer seien “eigentlich gut” auf ihre Aufgaben vorbereitet. Viele Schulpraktiker und Bildungsexperten stellen der ersten wie der zweiten Phase der Lehrerausbildung vernichtende Zeugnisse aus: Das Fachstudium konzentriere sich zu stark auf die wissenschaftlichen Aspekte der Fächer, sei weit von der schulischen Praxis entfernt, das pädagogische Begleitstudium zu dürftig und theoretisch. Im Referendariat hingegen würden immer mehr Referendare nach viel zu kurzer Eingwöhnungszeit ins kalte Wasser geworfen und müssten – häufig ohne Anleitung und Unterstützung – eigenverantwortlich Klassen und Kurse übernehmen. “Bedarfsdeckender Unterricht“ heißt diese Maßnahme, mit der man versucht, den allerorts deutlich spürbaren Lehrermangel in den Griff zu bekommen.

Von den eingefahrenen Wegen abzuweichen kostet Kraft und Nerven. Jede einzelne Stunde “offenen” Unterrichts bedarf der doppelten Vorbereitungszeit. Das ist aber durchaus nicht das einzige Problem. Im Fach Deutsch etwa sind die Lehrpläne derart überfüllt, dass, wie der Germanist Kaspar Spinner urteilt, ein “sinnvoller Unterricht gar nicht mehr möglich” sei. So das Ergebnis einer Studie, die vor einem guten Jahr von den deutschen Kultusministern in Auftrag gegeben wurde.

1968 und die Folgen

Da der durchschnittliche Lehrer an den heutigen Schulen stramm auf die 50 zugeht, kann man vermuten, dass sein Studium noch stark unter dem Einfluss der 68er-Bewegung stand. Ob die Studentenbewegung die deutsche Gesellschaft tatsächlich, wie die Grünen-Politikerin Antje Vollmer vollmundig erklärt, “gründlich zivilisiert” habe, sei dahingestellt. Dass sie sie verändert hat, ist unbestritten. Gewiss im Bereich pädagogischer Maximen.

Dem Laisser-faire sind eine ganze Reihe der für die Schule wichtigen Kardinaltugenden zum Opfer gefallen, die kurz zuvor noch den bürgerlichen Wertekanon angeführt hatten. Nur wenige Eltern dürften Ordnung, Disziplin und Gehorsam heute noch zu den Top five ihrer pädagogischen Leitmotive zählen. Das Problem ist nur, dass die Lehrer von heute vor den Schülern von heute mit dem methodischen Rüstzeug von Anno tobak stehen. Frontalunterricht ohne ein Mindestmaß an Disziplin ist jedoch eine Quälerei, und nicht nur für Schüler.

Überdies müssen die Lehrer immer häufiger dort eingreifen oder korrigieren, wo die Familie versagt oder wo die Restbestände einer falsch verstandenen antiautoritären Ideologie ein aufmerksames Lernen fast unmöglich machen. In allen Alterstufen finden sich Schüler, die durch ihre Unterhaltungsgewohnheiten kaum noch in der Lage sind, 45 Minuten am Stück konzentriert zu arbeiten. Und auch die Artikulationsfähigkeit, Voraussetzung eines differenzierten Wahrnehmungs- und Unterscheidungsvermögens, lässt bei vielen Jugendlichen – und durchaus nicht nur bei ausländischen – deutlich zu wünschen übrig.

Zwischen Praxisschock und Routine

Überfordert vom Umgang mit der Welt der eigenen Kinder, geben viele Eltern einen Großteil der Erziehungsverantwortung an die Schulen ab. Die Lehrer, ihrerseits ausgebildet nach Studienplänen von vorgestern, müssen mit den neuen Herausforderungen irgendwie fertig werden. Wenn die Motivation noch stimmt, kann ein gesetztes Dienstalter durchaus hilfreich sein. Routine muss nicht unbedingt Dienst nach Vorschrift bedeuten.

Am stärksten mangelt es an einer geeigneten Vorbereitung auf die Klassensituation. Was hilft Klafkis Theorie der kategorialen Bildung einem jungen Lehrer, dem seine Schüler zu verstehen geben, dass ihnen der Chemieunterricht egal ist? Oder einem, der die undankbare Aufgabe hat, erziehungsresistente Kids aus zerrütteten Familienverhältnissen für die Geheimnisse der höheren Mathematik zu begeistern?

Und natürlich hat sich die Schülerschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Viele Jungen und Mädchen verbringen täglich mehrere Stunden vor dem Bildschirm, entweder des Computers oder des Fernsehens. Auch durch den Austausch von E-mails und SMS-Nachrichten wird die Sprachkompetenz der Jugendlichen kaum besonders intensiv gefördert. Wenn sich die Eltern nicht kümmern wollen oder können, ist es für die Lehrer fast unmöglich, solche Defizite auszugleichen.

“Wenn alles schläft, nur einer spricht ...”

Eine deutliche Lehre aus der PISA-Studie ist, dass das schlechte Abschneiden deutscher Schüler ganz gewiss auch auf das Arrangement der Lernsituation zurückgeführt werden kann. In keinem der erfolgreichen Länder gibt es annähernd so viel Frontalunterricht wie hier. Und es ist, wie Dieter Lenzen betont, ein empirisches Faktum, dass mathematisches und naturwissenschaftliches Wissen, das anwendungsorientiert und kontexteingebunden erlernt wird, deutlich besser im Gedächtnis haftet als jenes deklamatorische Wissen, das bis heute in den meisten deutschen Klassenzimmern vorgetragen wird.

Ein gutes Beispiel für alternative Lernmodelle liefert der japanische Mathematikunterricht. Dort wird ein Problem vorgegeben, für das die Schüler eine Lösung suchen müssen. Die Dauer des Weges spielt kaum eine Rolle. Die Schule bewahrt ein Buch der Lösungen aus vielen Jahrzehnten. Wer einen neuen Lösungsweg gefunden hat, wird darin eingetragen. Im Mittelpunkt stehen weder Note noch Schnelligkeit, sondern der Akt des Lernens, die Bewältigung eines praktischen Problems.

Dass der Verzicht auf Formelplantagen in den Köpfen zu Gunsten einer Spielerei mit mathematischen Problemen durchaus nicht die Unterrichtsziele gefährden muss, ist auch eine Erfahrung aus PISA. Die Länder mit einem langsameren und entspannteren Unterricht haben oft wesentlich bessere Resultate als jene, die mit sehr anspruchsvollen und psychisch extrem belastenden Konzepten arbeiten.

Fallbeispiel Berlin

Die Breitscheid-Hauptschule in Berlin-Moabit beherbergt Schüler aus 42 Nationen, der Ausländeranteil beträgt 67 Prozent. Moabit ist Berlins Stadtteil mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen und der höchsten Rate an Sozialhilfeempfängern. Immerhin wurden für die nächsten zwei Jahre Mittel für das Fach “Deutsch als Zweitsprache” bewilligt, der nun im Umfang von zehn Wochenstunden in drei Förderklassen unterrichtet wird. Dennoch, das Textverständnis vieler Schüler ist katastrophal, das Engagement vieler Eltern unbefriedigend, das Schwänzen an der Tagesordnung. “Die Probleme, die wir haben”, so der Schulleiter Hans-Joachim Scholz, “kann Schule gar nicht bewältigen”.

In Berlin Kreuzberg gibt es derzeit sechs Schulen, an denen der Anteil ausländischer Kinder die 75-Prozent-Marke überschritten hat. An der Erika-Mann-Grundschule in Wedding sind es gleich 82 Prozent und die Probleme der weiterführenden Schulen deuten sich auch hier bereits an. Schon die Ausgangslage der Kinder sei höchst unterschiedlich, meint Karin Babbe, die Schulleiterin. Während einige Kinder schon ihren Namen schreiben können, sind andere kaum in der Lage, die eigene Jacke wiederzuerkennen.

Lehrer in der Zwickmühle

Die psychische Erschöpfung vieler Lehrer ist groß und sie hat Ursachen. Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule sind hoch. Aber die Rahmenbedingungen, unter denen die Lehrkräfte arbeiten, tragen weder zu einem entspannten Unterricht noch zu methodischen Verbesserungen bei. Die Lehrpläne sind voller als in jedem anderen Land. Wer sich länger mit Nachzüglern aufhält oder mit alternativen didaktischen Konzepten experimentiert, gerät leicht in die Gefahr, sein Stoffpensum nicht zu schaffen.

Ein großes Problem ist die scheiternde Integration fremdsprachiger und sozial benachteiligter Kinder. Hakki Keskin, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, fordert für ausländische Kinder ab dem 3. Lebensjahr garantierte Kindergartenplätze, damit sie schon im Vorschulalter Deutsch erlernen. Tatsächlich ist der typische “PISA-Verlierer“ ein männlicher Schüler aus sozial schwachen Milieu, dessen Eltern ausländischer Herkunft sind.

Die PISA-Studie wirft einige Probleme auf, die man im Klassenzimmer weder lösen noch beantworten kann. Etwa die, ob es nicht längst an der Zeit ist, das anachronistische dreigliedrige Schulsystem aufzugeben und zukunftsorientierte Konzepte zu versuchen, wie es in den skandinavischen Ländern sehr erfolgreich geschieht. Insofern wird man dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, zustimmen müssen, wenn er feststellt, die PISA-Ergebnisse seien nicht nur ein Attest für Schulen und Lehrer, sondern für die ganze Gesellschaft, Eltern und politisch Verantwortliche eingeschlossen.

Einen anderen Ansatz hat Nordrhein-Westfalen gewählt. Dort startet im August 2002 das Modellprojekt "Selbstständige Schule", an dem sich landesweit 349 Schulen beteiligen werden. "Selbstständig" werden die Schulen insofern, als sie von vielen staatlichen Vorgaben bezüglich der Klassengrößen und der zeitlichen Einteilung des Unterrichts freigestellt werden. Auch dürfen die beteiligten Schulen über das Personal- und das Sachmittelbudget frei verfügen, d.h. sie dürfen Lehrer frei einstellen oder auch die Stelle eines Lehrers mit einem Computerexperten besetzen, während zugleich der Einsatz der Sachmittel flexibilisiert wird. Erhofft wird eine allgemeine Verbesserung der Unterrichtsqualität, auch eine höhere Identifikation der Lehrer und Schüler mit "ihrer Schule".

Buch-Tipps

Online bestellen:

Peter Daschner: Kursbuch Referendariat

Oliver Munte: Studium und Referendariat richtig geplant

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite