Der Star auf der Bühne
Leni Riefenstahl wird am 22. August 1902 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Alfred Riefenstahl und seiner Frau Bertha geboren. Im Alter von 16 Jahren nimmt sie Mal- und Zeichenkurse an der dortigen Kunstakademie und beginnt zeitgleich eine Ausbildung als Tänzerin. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten - 1923 bietet ihr Max Reinhardt einen Vertrag als Solotänzerin am Deutschen Theater an. Doch die erste Karriere der Riefenstahl, die ihr bereits nationale und internationale Anerkennung einbringt, wird durch eine Knieverletzung abrupt beendet. Sie wechselt zum Film und wird unter der Regie des auf wuchtige Bergkulissen spezialisierten Arnold Franck einer der ersten deutschen Kinostars. ’Der heilige Berg’ (1926), ’Die weiße Hölle vom Piz Palü’ (1929), ’Stürme über dem Montblanc’ (1930) oder ’Der weiße Rausch’ (1931) bleiben für Leni Riefenstahl trotzdem nur Zwischenstationen. Im Laufe der Produktionen lernt sie vor und hinter der Kamera handwerkliche Voraussetzungen und neueste Techniken kennen, die sie in die Lage versetzen, zunächst eine eigene Produktionsfirma zu gründen und dann selbst auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen.
Von der Schauspielerin zur Regisseurin
Ihr Debütfilm ’Das blaue Licht’ (1932) zeigt bereits, dass sie nicht gewillt ist, einfach nur in die Fußstapfen ihres berühmten Lehrers zu treten. Mit einer Vielzahl von Verfremdungseffekten und jeder Menge Nebel versucht sie, eine innere Realität auf die Leinwand zu bannen, die für Arnold Francks unkompliziertere Absichten kaum interessant gewesen wäre. Doch Adolf Hitler, zu dem Riefenstahl 1932 nach dem Besuch einer Parteiveranstaltung Kontakt aufnimmt, kommt diese mystische Herangehensweise gerade recht. Er beauftragt die Jungregisseurin - sehr zum Unwillen des für Filmbelange eigentlich zuständigen Propagandaministers - mit der Dokumentation der Reichsparteitage 1933 und 34. Leni Riefenstahl enttäuscht den selbsternannten ’Führer’ nicht. In ’Sieg des Glaubens’ (1933) und vor allem in ’Triumph des Willens’ (1935) entwirft sie ein heroisches Panorama der nationalsozialistischen Bewegung, die filmtechnisch und ideologisch immer wieder auf einen mit messianischen Zügen ausgestatten Adolf Hitler konzentriert wird. Der raffinierte Einsatz bedeutungsschwerer Symbole, die ausgeklügelte Licht- und Tonregie und der Spielfilmcharakter der angeblichen Dokumentation bringt ihr zunächst auch im Ausland Anerkennung und bedeutende Preise ein. Aber die unverkennbare Verherrlichung der neuen Machthaber, die im Olympiazweiteiler ’Fest der Völker’ / ’Fest der Schönheit’ (1938) eine auf den nationalsozialistischen Körperkult entsprechende Fortsetzung findet, ruft schnell auch kritische Stimmen auf den Plan.
Im Kreuzfeuer der Kritik
Als bekannt wird, dass Riefenstahl für ihr Filmprojekt ’Tiefland’, mit dem sie sich durch die Spätzeit des Dritten Reiches zu retten versucht, 60 Sinti und Roma aus Konzentrationslagern rekrutiert hat, ist ihr Kredit endgültig aufgebraucht. 1948, im selben Jahr da ihr das IOC eine Goldmedaille und obendrein noch das olympische Diplom verleiht, wird sie angeklagt, den besagten Lagerinsassen falsche Versprechungen gemacht und die verdiente Entlohnung vorenthalten zu haben. Der Prozess, der mit einem Freispruch endet, ist nur der Auftakt zu einer endlosen Reihe von Gerichtsverfahren, mit denen sich Riefenstahl nun ihrerseits gegen vermeintliche Verleumdungen zur Wehr setzen will. Doch das gelingt ihr nur auf juristischer Basis, denn für das deutsche Publikum bleibt sie über Jahrzehnte die skrupellose Mitläuferin, die bereit ist, für ihre Karriere jedes moralische Hindernis über Bord zu werfen. Wie vielen ihrer Kritiker sie dabei als Sündenbock dient, der ideal geeignet ist, um von eigenen schuldhaften Verstrickungen abzulenken, kann allerdings nur vermutet werden ...
Unter der Oberfläche
Im Ausland bekommt Hitlers einstige Lieblingsregisseurin eine neue Chance. Ihre Bildberichte, die das Leben und Leiden der Nuba im südlichen Sudan dokumentieren, erscheinen zwar auch im ’Stern’, vor allem aber im ’Sunday Times Magazine’, der ’Newsweek’ oder ’The Sun’ und sorgen dort ebenso für großes internationales Aufsehen wie die preisgekrönten Bildbände ’Die Nuba’ (1973) und ’Die Nuba von Kau’ (1976). Daneben arbeitet Leni Riefenstahl fleißig an ihrer (vorerst) letzten Karriere. Im Alter von 71 Jahren besucht sie Tauchkurse, um sich einen Lebenstraum erfüllen zu können. Die Fotobände ’Korallengärten’ (1978) und ’Wunder unter Wasser’ (1990) beweisen noch einmal, dass sie auch in den Tiefen des Indischen Ozeans ein Gespür für die optimale Einstellung entwickeln kann. Bei ihren ’Memoiren’, die 1987 erscheinen, gelingt ihr das weniger gut. Zwar schildert sie ihre Faszination für Hitler in dem dicken Wälzer mit erstaunlicher Offenheit, doch das Eingeständnis, in einer der verheerendsten Propagandamaschinerien des 20. Jahrhunderts mitgewirkt zu haben, sucht der Leser vergebens.
Künstlerin oder Werberin?
Obwohl Riefenstahls Arbeit eher in der Werbeästhetik zuhause wäre, zieht sie sich hier wie in unzähligen Interviews auf das idyllische Eiland des reinen Künstlertums zurück und bekommt von ungeahnter Seite überraschenden Rückenwind. Die amerikanische Popkultur verehrt sie als Ikone der massenwirksamen Bildkomposition und lässt ihr in Form von Andy Warhol, Mick Jagger, Michael Jackson, George Lucas (der bekanntlich das ’Star Wars’-Finale am ’Triumph des Willens’ entlang inszenierte) oder David Bowie (der Hitler für den ersten Rock-Star der Geschichte hält) jede gewünschte Anerkennung zuteil werden. Deutschland kultiviert dagegen noch lange Jahre sein schwieriges Verhältnis zum ungeliebten Regie-Star, doch auch hierzulande bröckeln langsam die Fronten. Selbst Hilmar Hofmann, einst Präsident des Goethe-Institutes und einer der schärfsten Riefenstahl-Kritiker, betätigt sich Anfang des Jahres in der ’Welt’ nur noch als freundlicher Stichwortlieferant. Immerhin finden sich im Jubiläumsjahr einige jüngere Biographen wie Lutz Kinkel oder Jürgen Trimborn, die angesichts eines hundertjährigen Lebens nicht gleich zur Salzsäule erstarren und es tatsächlich wagen, den immer größer werdenden Chor der Verehrer durch vernehmbare Gegenstimmen ein wenig aus dem Takt zu bringen. Die Betroffene wird dafür freilich überhaupt kein Verständnis haben: ’Ich habe nie begriffen, warum man mich hier in Deutschland so angegriffen und gemieden hat, also genau das Gegenteil von dem getan hat, was dieselben Leute vor Ende des Krieges an Positivem über mich verbreitet haben.’
Leni Riefenstahl: Memoiren, Taschen-Verlag, 12,99 Euro
Nett, zuvorkommend, gebildet und ein bisschen traurig - Leni Riefenstahl präsentiert Adolf Hitler in ihren ’Memoiren’ über weite Strecken als guten Onkel von nebenan. Und versucht so ganz nebenbei zu erklären, warum auch sie der Faszination des Massenmörders nicht entgehen konnte. Doch das ist nicht das eigentliche Problem. Den Memoiren fehlt vor allem jede Reflektionsebene, auf der die eigene Verstrickung in die Täterkreise des III. Reiches genauer analysiert und kritisch bewertet werden könnte. Stattdessen sieht sich die Riefenstahl selbst als Opfer einer rücksichtslosen Medienkampagne, die sie - quasi ohne Grund, denn was hatte sie als Künstlerin schon Schlimmes verbrochen? - um ihren guten Ruf gebracht hat. Als mit Vorsicht zu betrachtender Zeitzeugenbericht und Paradebeispiel eines verzweifelten Versuchs, auf über 900 Seiten die eigene Vergangenheit umzuinterpretieren, dennoch absolut lesenwert!
Jürgen Trimborn: Riefenstahl. Eine deutsche Karriere, Aufbau-Verlag, 25 Euro
Der 31jährige Jürgen Trimborn konnte für seine umfangreiche Biographie nicht nur unbekanntes Text- und Bildmaterial, sondern auch persönliche Gespräche mit Leni Riefenstahl auswerten. Erfreulicherweise haben ihn diese nicht an der unvoreingenommen Aufbereitung des Themas gehindert. Im Gegenteil: Trimborn überzeugt nicht nur durch sein stetes Bemühen um Objektivität, sondern auch durch eminente Detailkenntnis und eine angemessene, weil stets lesenswerte sprachliche Umsetzung. Seine Ausführungen über die Riefenstahl-Renaissance und die Rolle der amerikanischen Pop-Kultur bei der Rehabilitierung der umstrittenen Regisseurin könnten durchaus noch interessante Fortsetzungen erfahren.
Rainer Rother: Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents, Heyne-Verlag, 9,95 Euro
Der Untertitel klingt ein wenig nach Entlastungsmaterial, aber darum geht es Rother in dieser Biographie nicht einmal am Rande. Er konzentriert sich auf die filmtechnischen und bildästhetischen Aspekte in Riefenstahls Werk. Aus ihrer Analyse zieht er den Schluss, dass die Karriere der Leni Riefenstahl ohne das ’Berüchtigte’ des Nationalsozialismus undenkbar gewesen wäre, weil ihre Arbeiten zwar handwerklich perfekt, aber keineswegs revolutionär gewesen seien.
Lutz Kinkel: Die Scheinwerferin. Leni Riefenstahl und das ´Dritte Reich´, Europa-Verlag, 26,90 Euro
Kinkel konfrontiert die Riefenstahl mit Anspruch und Wirklichkeit, will sagen: mit dem offenkundigen Missverhältnis von Selbstdarstellung und tatsächlichem Lebenslauf. Erfrischend respektloser Ansatz, der mit zahlreichen Legenden aufräumt.
Buch-Tipps
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Jürgen Trimborn: Riefenstahl. Eine deutsche Karriere
Rainer Rother: Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents
Lutz Kinkel: Die Scheinwerferin. Leni Riefenstahl und das ´Dritte Reich´



