Lieben Sie Luhmann?
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Lieben Sie Luhmann?

Bild: Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zuerst war da das Tropfen des Wasserhahns. Er war nicht richtig zugedreht worden und so tropfte es im Sekundentakt. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Drei Minuten haben einhundertachtzig Sekunden. Wie kann eine Zeitspanne von einhundertachtzig Sekunden ein ganzes Leben bestimmen wollen? Ich halte mir die Ohren zu, um das gleichmäßige Tropfen nicht hören zu müssen. Automatisch habe ich mitgezählt, direkt nachdem ich die Idee hatte, auf das Becken zu klettern. Das war in jeder Hinsicht eine dumme Idee. Sie wirken irritiert. Ach so, ja. Das Becken. Ich hätte auch Toilettenschüssel sagen können. Ist diese Bezeichnung denn noch geläufig? Ist ja auch egal. Einhundert. Verdammt. Nicht dass ich aus dem Takt komme. Ich hasse Abweichungen. Ich komme nicht klar mit Unvorhergesehenem. Vielleicht sitze ich deshalb hier.

Nun, Sitzen kann man mein Kauern mit angezogenen Beinen auf einem Toilettenbecken eher nicht nennen. Eigentlich müsste ich jetzt arbeiten. Draußen, in der richtigen Welt jenseits von Wasserleitungen und Abflussrohren und all dem nichtvorhandenen Flair einer Damentoilette. Dort sitze ich, in der mittleren Kabine, mit angezogenen Beinen, damit man mich nicht sieht. Einhundertzehn. Dieses Tropfen macht mich wahnsinnig. Außerdem bekomme ich einen Krampf im rechten Oberschenkel. Ich muss mich mal ganz kurz strecken. Schon besser. Noch sind Lehrveranstaltungen, noch stürmt keine Horde Frauen diesen stillen Ort, noch kann ich hier sitzen und mich über mich ärgern. Dazu habe ich allen Grund. Ich schwänze gerade meine eigene Lehrveranstaltung. Ich habe noch nie gefehlt. Ich akzeptiere bei den Studenten keine Fehlstunde, es sei denn, die Großmutter ist gestorben und auch dort frage ich höflich nach, zum wievielten Male in diesem Semester ihr Tod zu beklagen sei.

Ich mag meine Arbeit und ich nehme sie ernst. In diesem Semester lehre ich „Lektüren der Liebe in der Literatur des 19. Jahrhunderts.“ Heute wollte ich das Frauenbild bei Fontane mit der Darstellung der Effi Briest in der neuen Verfilmung vergleichen. Jetzt sitze ich fest auf der Damentoilette, nur in Gesellschaft meiner Feigheit. Einhundertzwanzig. Mein Herz pocht gegen das eintönige Tropfen des Wasserhahns an. Wenn ich wüsste, wo meine Uhr ist, hätte ich darauf schauen können. Mein Handy liegt im Büro, ich bin völlig überhastet losgestürzt vorhin. Ich wollte endlich Sicherheit. Ich wollte es wissen. Ich wollte aufhören, das Problem zu ignorieren. Deshalb bin ich zehn Minuten vor dem Seminar hier herein geschossen.

Zeitlich war alles genau getaktet. Folie aufreißen, Test herausnehmen, anwenden. Informiert sein, Bescheid wissen. Danach einfach Daily Business. Denken dann später, Fühlen sowieso. Das Zittern der Hände davor hatte ich nicht eingeplant. Ich weiß nicht, ich glaube, ich habe wohl eine halbe Stunde hier gesessen, bevor ich mich überwinden konnte, den Test zu öffnen und das Stäbchen herauszunehmen. Fragen Sie nicht, wie lange ich gebraucht habe, um ihn dann anzuwenden. Der Regen prasselt an die Fensterscheiben. Von irgendwoher zieht es. Da ist wohl ein Fenster offen, vorn, bei den Waschbecken. Na klasse. Es ist ein heftiger Schauer und die Regentropfen stören das gleichmäßige Tropfen meines Wasserhahns. Einhundertdreißig, oder? Ich denke. Nun, auf zehn Sekunden kommt es nicht an. Wenn ich nur wüsste, was ich machen soll.

Lieben Sie Luhmann? II

Draußen der Regen, immer stärker jetzt. Ich trage die roten Sandaletten, die mit dem kleinen Absatz, die so ein typisches Klappern beim Gehen erzeugen. Man kann viel Selbstbewusstsein demonstrieren in solchen Schuhen, das werde ich brauchen, meines ist gerade wahnsinnig angeknackst. Ich bin 33, Akademikerin, meine Doktorarbeit ist noch nicht fertig und ich muss mich darum kümmern, dass meine Stelle am Institut verlängert wird. Ich bin nicht Effi Briest. Ich bin es gewohnt, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aber manchmal kommt etwas dazwischen.

The red shoes. Ich trug sie auch an jenem Tag Ende April, als ein plötzlicher Schauer mich in ein triefendes Etwas verwandelte. Der feuchte Rocksaum schlug schwer um meine Knöchel, als ich die kleine Bar erreichte, in der ich oft meine Mittagspause verbringe. Es war noch genau ein Platz frei. Vielleicht wäre mein Sommer anders geworden, wenn ich ihn ignoriert hätte. Sein Lächeln, die Handbewegung, mit der er die viel zu langen Haare ständig aus der Stirn strich, die Brille, die er abnahm, als ich mich auf seine Einladung hin neben ihn setzte. Wenn ich nicht geantwortet hätte, als er sein Buch zuklappte und fragte: Lieben Sie Luhmann? und zitierte: Liebe als Passion ist ein System, das sich selbst nicht regulieren kann, da die Regulierung selbst wieder das System zerstören würde.

Lieben Sie Luhmann? III

Wir kannten uns bereits aus dem Institut, doch an jenem Tag wurden wir mehr als Freunde. Sein Geruch haftete auf meiner Haut, als ich abends sein Jackett ablegte. Dass er den Ring an seiner linken Hand nicht ohne Grund trug, klammerten wir aus. Er trug ihn auch, als wir uns das erste Mal – klapp, die Tür geht auf. Schnelle Schritte, es folgen weitere. Es bleibt erstaunlich ruhig. Einhundertvierzig. Dann höre ich, wie sie das geöffnete Fenster noch etwas weiter aufschieben. Das Knarren des alten Rahmens wird durch ein schnappendes Geräusch abgelöst. Dann höre ich Stimmen. Au, verdammt. Man verbrennt sich ja die Pfoten, sagt die eine. Gib mal her, erwidert die andere, die mir bekannt vorkommt. Dann ist es wieder ruhig. Ich höre nur den Regen prasseln. Das tut gut, sagt die erste Stimme. Ich hatte echt keine Lust, mich da draußen hinzustellen. Es ist einfach diskriminierend, dass man im Haus nicht mehr rauchen darf. Rauchen?! Sind die beiden denn wahnsinnig? Die können doch nicht einfach hier rauchen. Unwillkürlich bewegt sich meine Hand Richtung Bauch. Ich erstarre mitten in der Bewegung. Totale Überreaktion. Unangebracht. Obwohl. Passivrauchen ist schädlich, besonders… einhundertfünfzig. Ich werde es gleich wissen. Verdammt. Die beiden sollen gehen. Es wird langsam kalt. Außerdem gibt es einen Piepton, wenn der Test beendet ist. Vorsichtig überprüfe ich meine Kabinentür. Verschlossen. Ich schließe die Augen. Wenn ich Publikum gewollt hätte, wäre ich jetzt woanders. Ich will hier doch einfach nur in Ruhe sitzen und mein Leben an mir vorbeiziehen sehen. Der Wasserhahn tropft. Einhundertsechzig.

Vor zwei Tagen schrieb er mir, dass er mich wieder sehen muss. Ich kann ihn nicht sehen, bevor ich nicht weiß, was ich will. Unser Sommer endete mit seiner Rückkehr in die Schweiz. Noch immer empfinde ich keine Scham deshalb. Doch ich wusste um den Betrug. Wir beide wussten es, wussten es auch an jenem letzten Abend, als wir miteinander schliefen. Der Abend läuft in Zeitlupe vor mir ab. Der Whisky in den Gläsern hatte die Farbe von Bernstein. Er stand in der Tür und weinte, als ich ging. Ich drehte mich nicht um, als ich ging. Ich weinte erst, als er mich nicht mehr sehen konnte.

Dann begann er mir zu schreiben. Jeden Abend zur selben Zeit trafen wir uns online. Aus der sicheren Entfernung sagte er mir, dass er mich liebe und dass er sich ein anderes Leben wünsche. Wir wollten beide darüber nachdenken. Jetzt könnte es sein, dass ich nicht mehr nur über mein Leben entscheide. Das Wasser rauscht förmlich in meinen Ohren, als mir das bewusst wird. Einhundertsiebzig. Noch zehn Sekunden, dann habe ich Gewissheit.

Lieben Sie Luhmann? IV

Da. Ein Piepton. Ganz leise, ganz dezent. Die beiden, die da aus dem Fenster heraus rauchen, haben nichts gehört. Jetzt müsste ich wieder auf das Becken klettern und den Test herunterholen. Ich sprach von einer dummen Idee. Erinnern Sie sich? Ich brauchte eine gerade Ablagefläche. Deshalb habe ich den Test vorhin oben auf die Tür gelegt, direkt auf die schmale Kante der Innenseite. Damit ich in Ruhe auf das Ergebnis warten kann. Jetzt ist es da. Ich muss nur nachsehen. Das kann ich aber nicht, solange die zwei Mädels da vorn stehen und anscheinend eine Endloszigarette rauchen. Der Deckel, auf dem ich sitze, ist leicht abgerundet in der Mitte. Es ist kein ungefährliches Unterfangen, darauf zu klettern. Es ist unmöglich, solange draußen jemand ist. Stellen Sie sich vor, das Stäbchen würde herunterfallen und bis vor die Waschbecken rollen.

Ich höre, wie das Fenster geschlossen wird. Die beiden gehen. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Schluss mit den Ausreden, Schluss mit der Angst. Ich muss mich dem stellen, was der Teststreifen anzeigt. Ich muss mir vor allem überlegen, ob ich es ihm sagen will.

Ich klettere auf das Becken, ich greife nach dem Stäbchen. Ich merke, dass meine Beine wacklig sind. Das kommt wohl vom langen Sitzen. Ach verdammt. Es ist noch immer Angst. Ich muss mich beeilen, es wird laut. Die Veranstaltungen sind vorbei.

Die Tür wird aufgerissen, der kleine Raum füllt sich mit Frauen jeden Alters und Gesprächen aller Art. Auch mein Fehlen heute ist Thema. Ich lasse das Stäbchen in meine Tasche gleiten. Vorsichtig steige ich herunter. Es gibt eine amerikanische Fernsehserie, die größtenteils auf der Unisextoilette einer Anwaltskanzlei spielt. Dort werfen die Darsteller aus gutem Grund einen Blick unter jede Tür, ob die Kabinen besetzt sind, bevor sie ihr Privatleben ausbreiten. Von draußen fasst jemand an den Türdrücker. Vorsichtshalber betätige ich die Spülung. Ich warte noch einen Moment. Dann schließe ich die Tür auf und gehe zum Waschbecken.

Lieben Sie Luhmann? V

Langsam lasse ich kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen. Schon sind bekannte Gesichter da, Studentinnen aus meinem Seminar. Ich sehe fragende Augen und besorgte Mienen. Geht es Ihnen gut? Wo waren Sie denn? Sie sehen ja ganz furchtbar aus. Meine Hand umklammert das Stäbchen in meiner Tasche. Danke, sage ich. Es geht schon wieder. Ich drehe den tropfenden Wasserhahn zu und gehe hinaus. Auf dem Hof sehe ich eine Gruppe Studenten stehen in reger Diskussion, dicht gedrängt um ein Mädchen mit einem Buch. Ich erkenne den Titel und muss lächeln. Das Mädchen sieht mich an und fragt: Wie ist es mit Ihnen: Lieben Sie Luhmann? Nein, sage ich, ohne zu zögern, nein. Der Regen hat aufgehört.

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