"Manchmal leben sie auch lieber auf der Straße"
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"Manchmal leben sie auch lieber auf der Straße"

Bild: Foto: Martinus KE, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Arche" e.V. wurde vor 1995 von Bernd Siggelkow in Berlin gegründet. Ziel des Vereins ist es, Kinder von der Straße zu holen. Ein Gespräch zum Thema Armut in Deutschland.

In Deutschland muss kein Kind hungern und auf der Straße leben, jedes Kind darf zur Schule gehen und wird bei Bedarf ärztlich versorgt. Stimmt das?

Bernd Siggelkow: In Deutschland gehen rund eine Million Kinder ohne Frühstück in die Schule, sie haben auch kein Geld für ein Pausenbrot oder für das Mittagessen in der Schule. Viele Kinder leben zwar in ihren Familien, sind aber trotzdem auf sich alleine gestellt. Die Eltern können oder wollen nicht helfen. Jedes Kind geht in Deutschland zwar zur Schule, aber Bildung kostet Geld und für Bildung ist im Hartz IV-Regelsatz für Kinder kein Geld vorgesehen. Die Kinder leben immer nur so gut, wie ihre Eltern sind. Manchmal leben sie auch lieber auf der Straße. Das ist für ein so reiches Land wie Deutschland schlimm und stimmt mich sehr traurig.

Was verstehen Sie unter Armut bei Kindern? Ist das eine monetäre Größe?

Kinder sind arm, wenn sie spüren, dass sie arm sind. Kinder sind arm, wenn sie ihren Kopf nicht mehr für ein unbeschwertes Spielen frei haben. Kinder sind arm, wenn sie nicht das an Bildung und Ausbildung zugesprochen bekommen, was ihnen eigentlich zusteht. Kinder sind arm, wenn sie stigmatisiert werden und wenn sie in einer Parallelgesellschaft aufwachsen. Natürlich kann ein Kind vom Hartz IV Regelsatz für Kinder, der bei 60 Prozent des Satzes für Erwachsene liegt, nicht leben. Solche Kinder sind leider die Verlierer und Sozialhilfeempfänger von morgen.

Wie hat sich die Kinderarmut in den vergangenen Jahren entwickelt? Ist die Armut in Berlin eine andere als in München?

Wir finden Kinderarmut heute auf dem Land und in den Städten. Sie macht vor keiner Region halt. In Berlin und auch in Potsdam spielt das kostenlose Mittagessen in den Archen eine große Rolle, in München und in Hamburg weniger. Wichtig in allen Städten ist eine intensive Betreuung der Kinder, sie sich oft nachhaltig auch erwachsene Freunde wünschen, auf die sie sich verlassen können. In einer Metropole wie Berlin leben fast 40 Prozent aller Kinder von Transferleistungen. Viele Familien funktionieren nicht mehr, viele Eltern sehen für sich keine Zukunft mehr und das erfahren oft auch ihre Kinder. Sie kennen nichts anderes, sie leben das Leben ihrer Eltern nach.

Woher stammen die Kinder, die Sie betreuen?

Wir gehen in die Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, an die Ränder der Städte. Viele Familien leben schon seit mehr als einer Generation von Transferleistungen. In den beiden Archen im Ostteil von Berlin sind viele Mütter und Väter seit der Wende ohne feste Arbeit. Viele der Eltern fühlen sich als Aussätzige, von der Gesellschaft verlassen.

Welche Rolle muss der Staat übernehmen? Versagt der Staat als Fürsorger?

Der Staat zieht sich immer mehr aus seiner Verantwortung zurück. Er lässt seine Kinder im Stich. Es fehlt überwiegend an Geld, ist die Argumentation. In den Kommunen werden bis zu 60 Prozent der sozialen Einrichtungen geschlossen, 2,5 Millionen Kinder leben in Armut. Aber der Staat muss sich weiter kümmern. Die Kinder sind unsere Zukunft und ohne eine Zukunft gibt es auch kein gesundes Deutschland. Wir alle sind gefordert, der Bund, die Länder, die Kommunen, aber auch jeder Einzelne, die Vereine, die Kirchen und andere Institutionen.

Was erwarten Sie von der Regierung?

Am Besten ist es natürlich, wenn wir in unserem Land Jobs schaffen, von denen die Familien auch leben können. Wir müssen wieder lernen, alle Kinder zu fördern, unabhängig von den Eltern. Wir brauchen eine Grundsicherung für alle Kinder, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Das geht zum Beispiel über die Schulen. Die können alle Kinder mit einem kostenlosen Frühstück und Mittagessen versorgen, Nachhilfeunterricht und stärkerer individueller Förderung. Der Staat muss in Bildung investieren, viele Kinder könne neuesten Studien zu folge weder richtig lesen noch schreiben. Wir brauchen weiter mehr Sozialarbeiter, die dorthin gehen, wo die Kinder sind. Zu Vernachlässigungen darf es nicht mehr kommen. Nur so kommen wir aus dieser Krise. Sonst werden wir spätestens im Jahr 2020 ein sozialpolitisches Desaster erleben.

Was kann man gegen die Armut von Kindern tun?

Ganz wichtig und noch einmal: Wir müssen alle Kinder in Deutschland unabhängig vom Einkommen der Eltern fördern und Geld in die Bildung stecken. Sonst verschenken wir viele Talente. Warum geht kaum eines der Arche-Kinder auf ein Gymnasium? Wir sprechen inzwischen schon von der Gnade einer zufälligen Geburt. Unsere Arche-Kinder müssen oft hinterher laufen. Das darf und muss nicht sein.

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