Maria Theresia: Der Mythos der makellosen Landesmutter
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Maria Theresia: Der Mythos der makellosen Landesmutter

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Maria Theresia ging als die große Gegenspielerin des preußischen Königs Friedrich des Großen in die Geschichte ein. Als erste und letzte weibliche Herrscherin in der 650-jährigen Geschichte des Geschlechts der Habsburger übernahm sie nach dem Tod ihres Vaters im Alter von 23 Jahren die Regierung der habsburgischen Länder und wurde Erzherzogin von Österreich.

Maria Theresia ging als die große Gegenspielerin des preußischen Königs Friedrich des Großen in die Geschichte ein. Als erste und letzte weibliche Herrscherin in der 650-jährigen Geschichte des Geschlechts der Habsburger übernahm sie nach dem Tod ihres Vaters im Alter von 23 Jahren die Regierung der habsburgischen Länder und wurde Erzherzogin von Österreich.

Mütterliche Kaiserin

Obwohl nie selbst gekrönt, wurde sie später als Kaiserin Maria Theresia berühmt. Denn der Tradition nach durfte sie sich so nennen, nachdem ihr Ehemann Franz Stephan 1745 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt worden war. Tatsächlich hatte Maria Theresia innerhalb dieser Verbindung in vielerlei Hinsicht das Zepter in der Hand. So war Franz Stephan formal zwar auch Mitregent in den Habsburger Erblanden. Ohne nennenswerte militärische oder politische Begabung überließ er die Regierungsgeschäfte der Habsburgermonarchie jedoch seiner Gattin.

Während ihrer Regentschaft machte sich Maria Theresia durch zahlreiche Reformen bei vielen ihrer Untertanen beliebt: Sie beschnitt die Rechte der Adligen, führte eine zentrale Staatsverwaltung ein, förderte Handel, Industrie und Landwirtschaft und ermöglichte auch den einfachen Bürgern eine Schulbildung. Nebenbei schenkte sie ihrem Mann insgesamt sechzehn Kinder und wurde als Folge zur symbolträchtigen Mutterfigur.

Unhaltbare Klischees

"Der Mythos beschreibt Maria Theresia als Herrscherin der Herzen, die ihre Kinder und Untertanen liebte, als Heldin, die Recht gegen Macht verteidigte, als bieder-bürgerliche Reichshausfrau, die mit Privilegien und steifem Zeremoniell am Hof aufräumte, und als Begründerin des modernen Verwaltungsstaates", sagt Barbara Stollberg-Rilinger von der Universität Münster. Doch was ist dran an diesem makellosen Bild der treusorgenden Landesmutter, das auch Historiker oft von der Habsburger Kaiserin zeichnen?

Zum 300. Geburtstag Maria Theresias hat Stollberg-Rilinger eine Biografie verfasst, für die sie zahlreiche Quellen ausgewertet hat - von Archivalien in Zentralbehörden, über Gesandtenberichte, bis hin zu Tagebüchern und Briefen der Kaiserin selbst. Ihre Auswertung zeigt: Die von ihrem Volk geliebte Herrscherin hatte auch andere Seiten. "Viele der Stereotype lassen sich nicht halten", sagt die Geschichtswissenschaftlerin.

Erbarmungslos und unnahbar

Obwohl ihre Reformen von einem aufgeklärten Geist künden, zeigte sich die Monarchin etwa in Sachen Religion wenig aufgeklärt. Als strenggläubige Katholikin war sie vom göttlichen Auftrag ihrer Dynastie fest überzeugt. "Dieser Glaube verlieh ihr die Zuversicht, sich auch in aussichtsloser Lage zu behaupten, etwa jahrelang kompromisslos Krieg um ihr Erbe zu führen und Reformen durchzusetzen. Doch er verlieh ihr auch die Erbarmungslosigkeit, mit der sie gegen Andersgläubige – Protestanten und Juden – vorging", sagt Stollberg-Rilinger.

So behandelte Maria Theresia ihre nicht katholischen Untertanten nicht mit der ihr oft nachgesagten Milde und Fürsorge. Stattdessen ließ die Habsburgerin zum Schutz der "wahren katholischen Religion" Protestanten in Konversionshäusern umerziehen oder deportieren: "räudige Schafe in der ihr anvertrauten christlichen Herde", wie sie diese nannte.

Zudem war die Herrscherin wohl deutlich weniger nahbar als ihr Ruf, nach dem sie jedem noch so geringen Untertanen Gehör schenkte und sich für sein Recht einsetzte. "Von den Untertanen wurden weit weniger zur Kaiserin vorgelassen, als der Mythos ihrer Zugänglichkeit nahelegt", sagt Stollberg-Rilinger. Tatsächlich habe Maria Theresia die Regeln des Zugangs zum Hof sogar verschärft.

Strenge Erzieherin

Auch ihren Kindern war die Habsburgerin nicht immer die liebende, vorbildliche Mutter, für die sie viele hielten. Zwar galten im 18. Jahrhundert körperliche Disziplin, regelmäßige Frömmigkeitsübungen und ein strenges Tagesprogramm als Zeichen guter Kindererziehung. Doch Maria Theresia ging besonders schonungslos mit ihren Sprösslingen um und duldete keinerlei Charakterschwächen, wie die Historikern berichtet.

Insbesondere mit ihrem Sohn und späterem Mitregenten Joseph spielte sich demnach über Jahre ein "quälerischer Kleinkrieg ab". Außerdem opferte Maria Theresia ihre Kinder in der Heiratspolitik mit aller Härte der dynastischen Räson - obwohl manche Heiraten auch nach damaligem Maßstab eine Zumutung waren und ihr eigener Vater ihr seinerzeit eine Liebesheirat ermöglicht hatte.

Herrscherin mit PR-Strategie

Dass Maria Theresia von ihren Zeitgenossen dennoch schwärmerisch bewundert und auch in der Geschichtsschreibung oft stilisiert wurde, mag vor allem an ihrem selbstdarstellerischen Talent liegen. Die Kaiserin war eine strategisch vorgehende PR-Expertin. Den Ruf der liebenswürdigen und großzügigen Regentin wusste sie selbst zu mehren – etwa durch gezielte Gunsterweise und eine Rhetorik der Nähe und Familiarität.

Außerdem kontrollierte sie gezielt die Überlieferung ihrer eigenen Geschichte: "Maria Theresia vernichtete wahrscheinlich den größten Teil der Papiere ihres Gatten, suchte die Briefe der Schwiegertochter aus der Welt zu schaffen und nötigte Kinder und Vertraute, ihre Briefe zu verbrennen", sagt Stollberg-Rilinger.

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