Martin Walser
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Martin Walser

Bild: Foto: Basile Morin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Er ist einer der bekanntesten und bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart - Martin Walser. Als Romancier und Erzähler, Dramatiker und Essayist hat sich der literarische Allrounder zu Weltruhm geschrieben. Walser war Gastdozent an deutschen und amerikanischen Universitäten und wurde in der Bundesrepublik mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt. Ob zeitkritischer Roman oder engagiertes Schauspiel, ob politisches Statement oder provokante Rede: Martin Walser sorgt stets für zündenden Gesprächsstoff.

Ein Mann des Südwestens

Im Gasthof Walserhof in Wasserburg am Bodensee am 24. März 1927 geboren, aufgewachsen an der Nahtstelle von weitem Ober- und fjordartigem Überlinger See, muss Walser schon als 11-Jähriger nach dem frühen Tod des Vaters in der Wirtschaft und im angeschlossenen Kohlenhandel zupacken. In Lindau besucht er die Oberschule, bis der junge Walser in die Wirren des Zweiten Weltkriegs gerät: 1943 wird er als Flakhelfer eingezogen. Das Ende der Nazi-Ära erlebt Walser im Arbeits- und Wehrdienst, von dem er mit vier Kameraden desertiert. Im Jahr 1945 kommt er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, ehe er 1946 das Abitur nachholen kann.

Die Lektüre von Hölderlin, Schiller und Kafka brachte Walser zur Literatur - als Studienfach wählte er jedoch zuerst die Theologie. 1946 studiert Walser erst in Regensburg, dann in Tübingen auch Literaturwissenschaften, Philosophie, Psychologie und Anglistik. 1951 beendete er das Studium mit einer Promotion über die epische Dichtung Franz Kafkas. Bereits während des Studiums beginnt er Kabaretttexte zu schreiben, spielt im Tübinger Studententheater mit - und bekommt mit dieser Visitenkarte seinen ersten Job in der Medienwelt als Reporter und Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk.

Vom Start ins professionelle Schriftsteller-Leben erzählt eine Anekdote: Walser, inzwischen junger Reporter beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, wird im Oktober 1951 zu einer Tagung der “Gruppe 47” geschickt. Dieser erstmals 1947 vom Autor Hans Werner Richter eingeladene Kreis deutscher Schriftsteller stellte in jährlichen Zusammenkünften seine aktuellen literarischen Erzeugnisse zur Diskussion. Richter besucht den Reporter im Übertragungswagen während einer Dichterlesung und fragt, wie es denn laufe. Walser antwortet: “Technisch einwandfrei. Aber was da gelesen wird, das kann ich besser.” Zwei Jahre später wird er zur “Gruppe 47” eingeladen – und erst einmal wegen seiner zu stark an Kafka orientierten Texte von den Schriftsteller-Kollegen verrissen.

Erfolg mit einem Schlüsselloch-Roman

Es dauert noch einmal zwei Jahre, bis Martin Walser in die Liga der ersten deutschen Autoren aufgenommen wird. Für seine Erzählung Templones Ende, die Geschichte eines Häusermaklers, erhält er 1955 den Preis der “Gruppe 47”. Publizistisch tritt Walser erstmals mit der Veröffentlichung des Erzählungenbandes Ein Flugzeug über dem Haus in Erscheinung. Von nun an geht es steil bergauf. Er publiziert Kurzprosa und 1957 seinen ersten, sofort sehr erfolgreichen Schlüsselloch-Roman, Ehen in Philippsburg, der die Karriere-Gesellschaft in einer süddeutschen Großstadt beschreibt. 1960 folgt Halbzeit, eine spöttische Bestandsaufnahme der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 50er Jahre mit dem quasselnden Antihelden Anselm Kristlein im Mittelpunkt.

Auch in den politisch turbulenten 60er Jahren veröffentlicht Walser weiter eifrig: 1962 erscheint Eiche und Angora, für das Walser den Gerhart-Hauptmann-Preis erhält, 1964 folgt Überlebensgroß Herr Krott (Requiem für einen Unsterblichen), die Lügengeschichten sowie Der Schwarze Schwan, 1965 die Essaysammlung Erfahrungen und Leseerfahrungen.

Ende der 1960er gelingen Walser gleich zwei Coups: 1966 veröffentlicht er den zweiten Teil der Anselm Kristlein-Trilogie Das Einhorn, 1967 das mit dem Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen ausgezeichnete Theaterstück Die Zimmerschlacht. Von den Einnahmen dieses sehr erfolgreichen Schauspiels baut Walser ein Jahr später in Nussdorf bei Überlingen für sich, seine Frau Katharina Neuner-Jehle und seine vier Kinder ein Haus, das den Namen “Villa Zimmerschlacht“ bekommt.

Comeback mit “Ein fliehendes Pferd“

In den 70er Jahren beendet Walser seine Anselm Kristlein-Trilogie mit Der Sturz. In der Kritik kommt Walser jedoch immer schlechter weg - besonders Marcel Reich-Ranicki beginnt sich auf Walser einzuschießen: “Dass er sich jedoch hartnäckig weigert, aus seiner schriftstellerischen Eigenart praktische Konsequenzen zu ziehen - oder hierzu nicht imstande ist, gibt vielen seiner Bemühungen den Anstrich einer liebenswürdigen, aber auf die Dauer etwas ermüdenden Donquichotterie“, unkt der Literaturkritiker.

1978 gelingt Walser ein grandioses Comeback mit der Novelle Ein fliehendes Pferd, die die Problematik der Midlife-Crisis schildert. Seelenarbeit und Das Schwanenhaus folgen. In den 80er Jahren zählt Walser längst zur Crème de la Crème der deutschsprachigen Literatur; die Provokation der 1960er Jahre tritt anstelle der genauen Leidensbeschreibung seiner Protagonisten zurück. In nicht enden wollenden Suaden bringt Walser dem Leser das Leben des klassischen Mittelstandes, manchmal Spießbürgertums nahe - seine Charaktere hadern, zaudern und können an der Welt, so scheint es, nichts ändern.

Sichere Erfolgsgaranten

Nach populären Erfolgen mit Brandung (1985), Jagd (1988) und Verteidigung der Kindheit (1991) legt Walser 1993 mit Ohne einander einen Roman vor, der wie ein Resümee seiner Thematik erscheint: Im Zentrum steht das Aneinander-Vorbeileben der modernen Familien in ihren Individualisierungsprozessen und im stillen Scheitern ihrer Protagonisten. Der Roman spielt im Münchener Kulturbetrieb und liefert die erste erkennbare Abrechnung mit dem Dauerkritiker Marcel Reich-Ranciki.

1996 folgt mit Finks Krieg eine literarische Verarbeitung der realen Auseinandersetzung einer hessischen Staatskanzlei. 1998 erscheint der vielbeachtete Zeit- und Lebensroman Ein springender Brunnen, der Walsers Eltern ein literarisches Denkmal setzt. 2001 veröffentlicht Walser den weniger erfolgreichen Roman Lebenslauf der Liebe, ehe er im Sommer 2002 mit Tod eines Kritikers wieder in die Schlagzeilen und vorderen Plätze der Bestsellerlisten gerät.

Eklat nach Friedenspreis-Rede

Doch nicht nur Walsers Romane lösen Kontroversen aus - auch bei seinen zahlreichen Ehrungen sorgt der Schriftsteller mitunter für Irritationen. So etwa am 11. Oktober 1998, als er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält: In der Frankfurter Paulskirche dankt er mit einer Rede, die heftige Diskussionen auslöst. Walser spricht über seine Gefühle beim Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus.

“Schlussstrich-Denken“ wird ihm daraufhin von Ignatz Bubis, dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, vorgeworfen. Dabei hat sich Martin Walser nicht gegen die Erinnerung, sondern gegen ihren Missbrauch und ihre Manipulation gewehrt. Ein Mann wie er, der sich in seinen Texten zeitlebens der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit gestellt hat, ist auch in dieser Frankfurter Sonntagsrede seinem Gewissen und seiner Überzeugung treu geblieben.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Dieter Borchmeyer: Martin Walser und die Öffentlichkeit

Heinz L. Arnold: Text und Kritik. Martin Walser

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