Martin Walser: Tod eines Kritikers
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Martin Walser: Tod eines Kritikers

Bild: Foto: Markus Willimann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Schon lange vor seiner Veröffentlichung ist der Roman wie kein anderer verrissen worden: “Tod eines Kritikers“ - eine willkommene Einladung zur Medienschelte. Doch zu viele Rezensenten lassen sich von den kaum zu haltenden Antisemitismus-Vorwürfen blenden. Dabei ist Martin Walsers Roman in erster Linie eine gelungene Persiflage des deutschen Literaturbetriebs und behandelt in zweiter Linie sensibel die Einsamkeit eines gescholtenen Autors.

Befangen durch Pseudodiskussion

Leser des neuen Martin Walser-Romans Tod eines Kritikers haben ein handfestes Problem: Die Debatte um die mutmaßlich antisemitischen Züge des Romans haben eine Pseudodiskussion um ein Buch Wochen vor seiner Veröffentlichung entfacht. Das Schlimme daran: Jetzt, wo der Roman endlich in den Buchregalen steht und bereits vergriffen ist, liegt das Augenmerk des Lesers zuerst einmal bei ebendieser Diskussion. Hat sich Martin Walser nun antisemitischer Klischees bedient oder nicht? Immerhin kam der Vorwurf nicht von irgendwem, sondern von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der seinem Entsetzen über den Text in seinem Brandbrief “Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie“ Luft machte. Genau darauf ist die Rezeption des vorliegenden Werkes nun ausgerichtet, wie das erste Presseecho beweist.

Das Desaster ist damit perfekt: Eine ernsthafte literaturwissenschaftliche Diskussion ist von vornherein ad absurdum geführt - der Roman, wie auch zum Gutteil der Autor, sind a priori beschädigt. Die Tatsache, das Manuskript eines unveröffentlichten Romans - sei er noch so schlecht, noch so diskutabel - mehr als einen Monat vor dem Erscheinungstermin in einem offenen Brief in der renommierten FAZ abzulehnen, zu verreißen, ja ihn als “Dokument des Hasses“ zu brandmarken, ist ein beispielloser Vorgang in der deutschen Literaturgeschichte.

Walser, der Prophet

Wäre die Tragweite nicht so enorm und die Beschädigungen nicht so tiefschürfend: Man müsste Martin Walser für sein geniales Gespür für die unzähligen Eitelkeiten und Inszenierungen des deutschen Literaturbetriebes anno 2002 rühmen - wenn der Beigeschmack nicht so bitter wäre! Denn auf den Leim gegangen sind sie ihm alle: Das, was sich in den Tagen nach der Schirrmacher-Ablehnung in deutschen Feuilletons als Flächenbrand der Empörung verselbstständigte, hat Walser im Tod eines Kritikers längst vorweggenommen.

Walser antizipiert in seinem Roman dessen Folgen: Schon auf den ersten Seiten, die Schirrmacher nicht entgangen sein können, schildert er, wie sein Alter Ego Hans Lach “in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gerade ungut behandelt, ja sogar richtig beschimpft worden sei, als Populist. Und zwar von einem der Herausgeber persönlich.“ (Martin Walser: Tod eines Kritikers, Suhrkamp Verlag 2002) Tatsächlich schlägt Schirrmacher in seinem Offenen Brief einen ähnlichen Ton an:

“Dokument des Hasses“

“Ihr Roman ist eine Exekution . (...) Ehe Sie, lieber Herr Walser, mit den Begriffen Fiktion, Rollenprosa, Perspektivwechsel antworten - ich bin durchaus im Bilde. (...) Ich aber halte Ihr Buch für ein Dokument des Hasses. Und ich weiß nicht, was ich befremdlicher finden soll: die Zwanghaftigkeit, mit der Sie Ihr Thema durchführen, oder den Versuch, den sogenannten Tabubruch als Travestie und Komödie zu tarnen.“

Im Tod eines Kritikers wird der Empörungssturm, der durch Schirrmachers Offenen Brief losgetreten wurde, mit dem mutmaßlichen Mord am jüdischen Starkritiker Ehrl-König längst vorinszeniert: “Das Thema war jetzt, dass Hans Lach einen Juden getötet hatte.“ Und: “Erst jetzt hatten die Medien ihr Saisonthema.“

Tanz auf der Rasierklinge

Freilich: Walser betreibt einen Tanz auf der Rasierklinge. Die Kombination aus einem mutmaßlichen Mord an einem Kritiker, der leicht als Marcel Reich-Ranicki identifizierbar ist sowie die explizite Ausschmückung mit einem Hitler-Zitat, lassen den Plot, an der Oberfläche betrachtet, als sehr heikel - mindestens jedoch: missverständlich - erscheinen.

Doch genau darin besteht eine Funktion des Romans: Tod eines Kritikers hat Spiegelbildcharakter, indem er fiktiv als auch in der realen Diskussion veranschaulicht, wie sehr die öffentliche Meinung noch immer dazu neigt, Reizthemen mit Bezug zur NS-Vergangenheit emotional aufzuladen. Die Reaktion auf den Tod eines Kritikers bestätigt Walsers 98er These der Instrumentalisierung des Gewissens zu einer “Moralkeule“ aufs Neue.

Massenpsychologie anno 2002

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat dieses instrumentalisierte Gewissen “Über-Ich“ genannt. Und genau durch jene psychische Instanz scheint die erstaunliche Diskussion ihre Eigendynamik erfahren zu haben, die sich in den Tagen nach dem Bekanntwerden der geplanten Walser-Veröffentlichung entzündete und dann verselbstständigte. Die auffällig konforme Empörung kann man so psychologisch als kollektive Reflexreaktion eines archaischen Über-Ichs erklären - massenpsychologische Mechanismen anno 2002.

Der renommierte SZ-Kolumnist Joachim Kaiser spricht offen über dieses Dilemma, wenn er sagt, er fühle sich nach dem Offenen Brief Schirrmachers und der dadurch ausgelösten Debatte “unaustilgbar konditioniert“ zur Suche nach antisemitischen Untertönen. Ähnlich unbewusst zur Konformität konditioniert mögen auch jene Kritiker gewesen sein, die zwar den Roman nicht als antisemitisch, dennoch als wenig gelungen einstuften - als zwinge sie das kollektive ’Unbehagen in der Kultur’ (Freud) zu einem Bauernopfer. Als müsse also beim Widerstand gegen die öffentliche Meinung die Contenance bewahrt werden - getreu dem Motto: Tod eines Kritikers objektiv zu beurteilen und dabei nicht zu verurteilen, das wäre politisch unkorrekt.

“Der Autor ist der Dumme“

Den Preis dafür zahlt indes der Autor - und auch das hat Walser mit seinem leidenden Helden metaphorisch vorausgesehen: Geschlagen, unfähig sich der Welt zu stellen - vor oder nach den Mordanschuldigungen - verkriecht sich Hans Lach in Scham, ein Gefühl, das es ihm verbietet, zu seiner Frau zurückzukehren. Er fühlt sich geschlagen, gedemütigt - ein Seelenzustand, den der befreundete Schriftsteller Bernt Streiff auf den Punkt bringt:

“Der Mißerfolgreiche, wenn ich ihm diese Prägung gestatte, sei für seine Umgebung peinlicher als für sich selber. Dem Mißerfolgreichen ist sein Mißerfolg ein ungeheures Vergrößerungsglas, mit dem er die ganze Welt sieht. So genau, wie sie kein Erfolgreicher je sehen kann. Das sei ja eine der Bedingungen des Erfolgs, und zwar in jedem Beruf: diese Unfähigkeit, die Welt wahrzunehmen, wie sie wirklich ist.“

Und das ist endlich das zentrale Thema des neuen Martin Walser Romans, der vor allem - es mag der Kritik entgangen sein - ein Roman über den emotional verkrüppelten Schriftsteller Hans Lach ist. “Der Autor ist der Dumme, der ist der Verliererer“, erklärt Walser im Spiegel-Gespräch unmittelbar nach Veröffentlichung des Offenen Briefes.

In der Schilderung der großen Niederlagen des kleinen Mannes ist Walser ein Meister, und auch in Tod eines Kritikers scheint diese Meisterschaft hell hervor! Es ist die offen artikulierte Frage nach dem Preis, den der moderne Schriftsteller in einer sich immer schneller drehenden Mediengesellschaft zu zahlen hat.

Ätzende Töne

Das Verhältnis zwischen Autor und Kritiker, zwischen ursprünglich actio und reactio, hat sich längst zugunsten der André Ehrl-Königs der Medienwelt verschoben. Keine Frage: Ehrl-König inszeniert das Programm, hält es fest in seinen Händen - von der Beifallsbekundung seines Überraschungsgastes bis zum Tête-à-Tête mit ausgewählten Gästen auf der Verlegerreling.

Natürlich ist das eine Persiflage. Manchmal gar eine sehr deftige - etwa, wenn Walser Hans Lach sich auf Fuerteventura in einer hasserfüllten Skizze über den Literaturbetrieb der Zukunft ausagieren lässt - eine Vision des Literarischen Quartetts im Jahre 2084:

“Aber die eigentliche, die alle Lebensmühen motivierende Hoffnung war natürlich der Samstagabend, die GLÄSERNE MANEGE, wenn die Großen Vier auftraten und diesen und jenen aus den unterm Glasboden kreisenden Autoren per Knopfdruck heraufwählten. Man wusste, daß sie sich auch unter der Woche gelegentlich diesen oder jenen Autor auf den Schirm holten und sich darüber einigten, wen sie am Samstag auf dem Riesenschirm im Eventpalast präsentieren und lesen lassen würden, bis sie glaubten, genug zu haben, das heißt, bis sie glaubten, reagieren zu können, reagieren zu müssen. Und das war dann die Show, der Event schlechthin.“

Der Eindruck trügt nicht: In einigen Szenen wirkt Walser unerbittlich rigide in der Abrechnung mit seinem Erzfeind Reich-Ranicki - etwa, wenn er den betrunkenen Bernt Streiff sich ereifern lässt: “Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienst der doitschen Literatür aufgeilt. Der Lippengorilla, der elendige.“

Grenzenlose Erleichterung

Und dennoch: Diese Blackouts, die vielleicht in einem weniger hektischen Lektorat noch gestrichen worden wären, können den Gesamteindruck nicht ruinieren. Tod eines Kritikers ist nämlich in aller erster Hinsicht ein mutiger Roman über die Machenschaften des Literaturbetriebs und in seinen allerbesten Passagen - das ist der Kritik bislang völlig entgangen - ein rührendes Dokument der Auflehnung gegen die Selbstzerstörung.

Endlich ein Autor, der die Chuzpe besitzt, sich der immer größeren Einseitigkeit der deutschen Literaturkritik zur Wehr zu setzen - mit allen bitteren Konsequenzen, die es nach sich ziehen sollte, wie Walser in den öffentlichen Anfeindungen so schmerzlich erfahren sollte. Wie gern mag man es Walser glauben, als er in jenen turbulenten Tagen wiederholte: “Ich war noch nie so anhaltend froh, ein Buch wie Tod eines Kritikers geschrieben zu haben.“ Dies sind die Worte der grenzenlosen Erleichterung, aber auch der langen Pein des Schriftstellers, der im Wettlauf mit dem Kritiker - seinem Richter - immer Zweiter Sieger bleibt.

Von Nils Jacobsen

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