Jährlich werden die Würfel in der nationalen Schönheitskonkurrenz neu geworfen, Miss und Mister Germany auserkoren. Auch wenn es angesichts des boomenden Körperkults den Anschein haben mag: Schönheitswahlen sind keine Modeerscheinung heutiger Zeit. Bereits 1909 wurde im Kaiserreich eine Schönheitskönigin gekürt. In der Weimarer Republik setzte ein wahrer Boom von Misswahlen ein, der allerdings unter den Nazis ab 1933 jäh zum Stillstand gebracht wurde. Die erste Miss Germany der jungen Republik wurde 1950 gewählt.
Über den Unterhaltungs- und Werbecharakter hinaus spiegelt der Titel "Miss Germany" gleichzeitig Tendenzen unserer Gesellschaft wider. Das medienwirksame Ereignis aus der Welt der Schönen sah in seiner fast 100-jährige Geschichte vielfältige gesellschaftliche, politische und persönliche Facetten.
Startschuss 1909
1909 hatte die Miss Germany-Veranstaltung Premiere: Im damaligen Kaiserreich wurde Gerda Dopieralski in Hamburg zur schönsten Frau Deutschlands gekürt – unter durchaus professionellen Rahmenbedingungen.
Immerhin gab's für den Erfolg nicht nur einen warmen Händedruck, sondern auch 20 Goldmark in bar. Berlin blieb es vorbehalten, 1927 die erste “offizielle” Miss Germany zu wählen. In der Weimarer Republik wimmelte es nur so von Miss-Wahlen. Um die Frage, welche Frau sich als die Schönste bezeichnen durfte, setzte im gesamten Staatsgebiet ein wahrer Rummel ein.
Miss Marketing
Schönheit und Kommerz, das ging schon immer gut zusammen. Auch wenn die Nationalsozialisten die ihrer Ansicht nach dekadente Veranstaltung zwangsunterbrachen, konnten sie die Erfolgsgeschichte der Miss Germany nicht beenden.
Schon 1950 war die deutsche Schönheitskönigin wieder da. So schön, dass sogar die verwöhnten Amerikaner von Susanne Erichsen begeistert waren: Das deutsche Fräulein-Wunder war geboren. Die Medien zeigten sich begeistert von der Vielzahl hübscher Frauen, die Konsumenten waren dankbar für die willkommene Ablenkung vom tristen Nachkriegsalltag, und die Sponsoren freuten sich über die preiswerte und effiziente Marketing-Alternative.
In den 50er Jahren sicherte sich der Strumpfhersteller “Opal” die Rechte an der Miss Germany. Ein besserer Werbeträger als die schönste Frau des Landes, um die sich noch dazu die Medien nur so rissen, ließ sich für Nylons kaum finden.
Sprungbrett
Mehr noch als heute war die Miss Germany-Wahl in jenen Jahren auch ein Karriere-Sprungbrett für die Siegerinnen. Noch heute genießen “Ehemalige” wie Susanne Erichsen und Petra Schürmann (sie war nationale Siegerin und sogar “Miss World” des Jahres 1956) große Popularität.
Ähnlichen Erfolg nach ihrer “Amtszeit” konnte in jüngerer Vergangenheit nur noch Verona Feldbusch verzeichnen, die 1993 die begehrte Schärpe umgehängt bekam – und als Bohlen-Gattin, Peep-Moderatorin und Werbe-Kultstar eine durchaus bemerkenswerte Karriere startete.
Dass man sich auch heute noch an einen weiteren Namen aus den 90er Jahren erinnert, liegt wohl eher an den Umständen: An Leticia Koffke, die bereits zur letzten Miss DDR gekürt worden war, wurde 1990 erstmals nach 57 Jahren wieder ein gesamtdeutscher Miss Germany-Titel verliehen.
Protest
Trotz ihrer großen Popularität bei der Bevölkerung war auch die Miss Germany-Wahl nicht immer unumstritten. Von den Kirchen, die den gefährlichen Angriff auf die öffentliche Moral attackierten, über den Kampf der Frauenbewegung gegen die “Fleischbeschau” bis hin zu kritischen Geistern, die in dieser Veranstaltung nicht viel mehr sahen als einen reinen Werbegag, hat die Miss Germany in all den Jahren allen Widrigkeiten bislang erfolgreich getrotzt.
Probleme bereiten in den letzten Jahren weniger die Kritiker als vielmehr das Überangebot im Unterhaltungsbereich. Schönheit ist längst kein Privileg der “Miss”-Konkurrenzen mehr. Und der erotische Reiz, der noch vor 25 Jahren von einer Frau im Bikini ausgegangen ist, hält sich in einer Zeit, da schon im Kinderprogramm mehr nackte Haut geboten wird, eher in Grenzen.
Es kann nur eine geben
Lange Zeit ging es bei den Miss-Wahlen ähnlich verwirrend wie beim Boxen zu, und für einen unbedarften Beobachter war es gar nicht so leicht, unter einer Vielzahl von Miss Germany-Wahlen die Richtige zu finden.
Klarheit herrscht erst, seit sich die MGC Miss Germany Corporation in Oldenburg im November 1999 die Rechte an dem Titel schützen ließ. Wichtig ist dies nicht zuletzt für die Teilnehmerinnen: Immerhin geht es für die offizielle Miss Germany auch um die Fahrkarte zur Miss Europa sowie zur Miss World und damit womöglich auch ein Stück Richtung internationaler Karriere.
Und der Schönste?
Natürlich gibt's in Deutschland nicht nur schöne Frauen. Vor wenigen Jahren wurde - parallel zum Wettbewerb der Missen - die Wahl zum Mister Germany ins Leben gerufen. Erst seit 1993(!) konkurrieren Männer in Deutschland um die Krone auf dem Laufsteg. Doch so ganz hat sich der "junge" Mister Germany nie aus dem Schatten der übermächtigen Miss-Wahlen lösen können. Ob die kommenden Jahre etwas am Fokus der Öffentlichkeit ändern werden, bleibt abzuwarten.



