Die Mode der 70er Jahre bestimmten weniger die Couturiers als vielmehr die Jugendlichen: Hot Pants, Plateausohlen, Disco-Look und vor allem die Punk-Mode gaben den Ton an. Experimentierfreudigkeit war gefragt, und so fanden modische Accessoires aus Omas Mottenkiste ihren Platz neben Secondhand-Mode genauso wie neben selbst Genähtem oder Gestricktem. Da Leitbilder fehlten, wechselten sich die Trends in immer schnellerem Tempo ab. Nur das Motto blieb stets gleich: In ist, was jung ist. Auch die Haute Couture erkannte die Zeichen der Zeit und schickte Scouts in die Jugendszene, um die neuesten modischen Entwicklungen aufzuspüren.
Mit heißen Nadeln gestrickt
Angesichts von über 1 Mio. Arbeitslosen (1974/1975) und zunehmenden Firmenkonkursen zeichnete sich in den 70er Jahren in Deutschland ein Ende der Überflussgesellschaft ab. Der Verbraucher musste sparen, das Budget für modische Extravaganzen wurde knapp, “do it yourself” zum Statussymbol. Die Bundesrepublik erlebte eine Renaissance des Nähens und Strickens; rund 10 Mio. Frauen schneiderten selbst. In den USA wurden jährlich 600 Mio. Schnittmuster verkauft. Die klappernden Nadeln gehörten schon bald zur obligatorischen Requisite. Nicht nur zu Hause, auch unterwegs in Bussen und Bahnen, in den Schulen und Hörsälen der Universitäten wurde gestrickt: Schals, Pullover, Pullunder, Miniwesten und sogar ganze Kleider. Vor dem starken Geschlecht machte der neue Trend dabei keineswegs halt: Über den in seine Nadelarbeit vertieften Mann wunderte man sich schon bald nicht mehr.
Der gestrickte Mini-Bikini stellte eine besondere handarbeitliche Herausforderung dar: Nicht selten ließ die Passform zu wünschen übrig, und bei der Wassertaufe ging manch ein Stück buchstäblich baden.
Kampf gegen “heiße” Hosen
Hosen in allen erdenklichen Varianten waren ein weiteres modisches Markenzeichen der 70er Jahre. Es gab Caddyhosen (eine Art Kniebundhose), Gauchohosen, Pumphosen, Kosakenhosen, knöchellange Röhrenhosen, Hosenanzüge und maxilange Marlene-Dietrich-Hosen. Die weit ausgestellte Schlaghose fand sich in jedem Kleiderschrank. Jeans waren für jede Gelegenheit richtig und wurden von allen sozialen Schichten getragen. Ob gekrempelt, als Bermuda, kurze Shorts oder Overall – Blue Denim war der “Wunderstoff” schlechthin. Wer modisch auf der Höhe der Zeit war, kombinierte Röhrenjeans mit Cowboystiefeln und trug dazu den unerlässlichen olivgrünen Parka. Am auffälligsten und umstrittensten waren die Hot Pants, die zu Beginn des Jahrzehnts für Furore sorgten. Die “heißen Höschen”, die das weibliche Bein wieder in voller Länge zeigten und dem Minirock den Rang abliefen, waren für viele Frauen – und Männer – der Inbegriff von Freiheit, Mut und “Happiness”. Anstoß erregte das knappe Kleidungsstück jedoch bei DDR-Ideologen: Sie entlarvten die Hot Pants, die auch in ostdeutschen Städten zu sehen waren, als “Waffen im Kalten Krieg”. Die heißen Höschen wurden verdächtigt, westliche Weltanschauung “bestehend aus Pop und Sex” ins Arbeiter- und Bauernparadies zu exportieren. Verfolgt wurde das modische Kleidungsstück aber auch von bundesdeutschen Sittenwächtern. Ein Gericht verbot die Höschen im Büro, da sie “mit den Dienstobliegenheiten nicht in Einklang” zu bringen seien.
Bauern setzten Folklore-Trends
Die Modedesigner in London und Paris entdeckten die bäuerliche Kleidung als Vorbild für ihre Haute Couture. In Anlehnung an die ländliche Kluft östlicher Nationen bot Yves Saint Laurent ein Gewoge bunter Trachten: Kosaken-Mäntel über Bojaren-Röcke, Zigeunerinnentücher zu Fuchsmützen und gestickten Bolero-Westen, hauchzarte Blusen, dazu stets der superweite Rock mit Gürtel, Schärpe und Sattel. Andere Designer ließen sich von China inspirieren: So gab es blaue Steppjacken, die nicht geknöpft, sondern asymmetrisch gebunden wurden. Chinesische Drachen, Blumen und Vögel zierten Kimonos, Plaids, Jäckchen und Taschen. Der Japaner Kendo präsentierte mit seinem JAP-Look nicht nur die Folklore seiner Heimat, sondern auch bayerische Walkjanker und englische Fischertaschen. Rüschen und Volants, große Schultertücher mit Fransen, der Folklorerock oder die weite Folklorehose, der romantisch verspielte Edelbäuerinnen- oder Zigeunerinnenlook waren en vogue.
Anti-Mode von der Straße
Gegen Ende des Jahrzehnts schockte ein Trend die Modewelt, der schon bald die verspielten Blümchenmuster in die Mottenkisten verbannte: Punk (engl. Schund, Dreck) kam von der Straße, kein Designer hatte sich den neuen Brutal-Look ausgedacht. Ausgehend von einer um 1977 in den USA und Großbritannien einsetzenden Protestbewegung Jugendlicher gegen Arbeitslosigkeit und Langeweile, die zunächst ihren Niederschlag in einer hektisch-aggressiven Rockmusik fand, wandelte sich das Erscheinungsbild der Jugendlichen drastisch. Markenzeichen der Londoner Underground-Mode waren Sicherheitsnadeln in Wangen und Ohrläppchen, Hundeleinen und Rasierklingen als Halsschmuck und durch Sicherheitsnadeln und Ketten mühsam zusammengehaltene zerrissene Kleidung. Alles war in Schwarz oder Grau gehalten, aus Filz, Leder oder Gummi, nur die Haare hoben sich davon ab. Sie standen – streng antibürgerlich in Grün oder Rot gefärbt – zu Berge oder waren in Partien ausrasiert. Auch die Haute Couture verschloss sich dem neuen Punk-Stil nicht. Viele Modedesigner schöpften erfreut aus dem neuen Ideenreservoir.
Im Catsuit in die Disco
Einen Gegentrend zur Punk-Mode fanden die bürgerlichen Jugendlichen in der Disco-Mode. Angeregt durch den Kinofilm “Saturday Night Fever” mit Olivia Newton John und John Travolta, der 1977 in die Kinos kam, wurden hautenge Stretchanzüge, wie sie vormals nur zur Gymnastikstunde getragen wurden, zu heißen Disco-Outfits. Aus verschiedenen Materialien gefertigt, kombinierte man die “Catsuits” mit weiten Blusen oder Shirts – am liebsten im Glitzer-Look. Nicht nur die Disco-Tänzerinnen präsentierten sich in dem neuen Kleidungsstück, das jede Bewegung mitmachte. Gelegentlich sah man auch mutige Männer im “Katzenanzug”.
Afro-Look auf hoher Sohle
Modische Akzente setzte man in den 70er Jahren auch an Kopf und Füßen: Beeinflusst von den Stars der Popmusik herrschte nach wie vor die Beatles-Frisur vor – halblanger Rundschnitt mit Seitenscheitel – die Fönwelle war allgemein beliebt. Jimi Hendrix’ Afro-Look fand zahlreiche Anhänger; meist musste der Friseur jedoch mit einer Dauerwelle nachhelfen, um einen Lockenberg aufs Haupt zu zaubern. Viele junge Männer fanden hingegen breite Koteletten chic.
Aus der Schuhmode waren die hohen Plateausohlen nicht wegzudenken. Obwohl von vielen Seiten bekämpft – Magazine, Designer und Ärzte wetterten gegen das neue Schuhwerk – hielt die Jugend hartnäckig an den bis zu zehn Zentimeter hohen Tretern fest. Auch die populäre Modezeitschrift “Brigitte” versuchte, gegen die klobigen Kothurne anzugehen: “Dabei verbilden sich die Füße bei häufigem Tragen zu Platt- oder Spreizfüßen. Außerdem knickt man beim kleinsten Fehltritt um und kann sich Bänderrisse und Knöchelbrüche zuziehen.” Während Hot Pants und Plateausohlen nur eine Zeiterscheinung blieben, lebte die Punkmode, die zunehmend zur Ideologie wurde und den Hass der Jugend auf die sozialen Realitäten ausdrückte, auch noch in den 80er und 90er Jahren fort.



