Auf Kaperfahrt: Klassische Piraten
Piraterie und Seefahrt sind eng miteinander verknüpft. Der Grund liegt darin, dass ein vollbeladenes Schiff vergleichsweise unbeweglich und daher leicht zu entern ist; dazu kommen die Schwierigkeiten der bedrohten Besatzung, Hilfe zu erhalten. Wer nicht gerade in einem Verbund unterwegs ist, bleibt meist auf sich allein gestellt – ein Faktum, das Piraten aller Zeiten zu nutzen gewusst haben. Und: Piraterie hat viel mit Technik zu tun. Die Geschwindigkeit der Schiffe sowie ihre Bewaffnungs- und Verteidigungsmöglichkeiten sind ausschlaggebende Faktoren, wenn es zu einem Überfall kommt. Wobei diese Bedrohung übrigens keineswegs ausschließlich anderen Schiffen gelten muss, denn nicht wenige Piraten haben auch Küstensiedlungen überfallen.
Unter keiner Flagge - die neuen Piraten
Moderne Piraten haben keine Entermesser, sondern moderne Waffen und die als "Jolly Roger" bekannte Totenkopfflagge wird auch nicht mehr gehisst. Moderne Piraten haben auch neue Ziele. Ging es in alter Zeit meist um die Ladung und die privaten Besitztümer der Besatzung, so steht jetzt in vielen Fällen der Piraterie eine Lösegelderpressung im Vordergrund. Schiff und Besatzung werden festgehalten, bis Eigentümer oder Reederei den gewünschten Betrag aushändigen – die Details regeln professionelle Vermittler. Daneben gibt es dann noch den Schiffstresor, der nicht unbeträchtliche Summen enthält; meist um die 10.000 bis 20.000 US Dollar, um Heuer und Hafengebühren begleichen zu können. Auch schnell demontierbare Teile der Schiffsausrüstung sind von Interesse. Die Angriffe spielen sich meistens nachts ab und werden mit Hilfe von Schnellbooten durchgeführt, die so hohe Geschwindigkeiten erreichen können, dass sie dem Frachtschiff überlegen sind. Der Gesamtschaden, der durch Piraterie entsteht, lässt sich schwer schätzen, da unterschiedliche Wirtschaftszweige davon betroffen sind. Die amerikanische Think-Tank Rand-Corporation geht davon aus, dass der Schaden zwischen einer und sechzehn Milliarden Dollar pro Jahr liegt.
Panzerfaust statt Säbelrasseln
Dass Piraterie nie ganz vom Globus verschwunden war, zeigt die Gründung des Piracy Reporting Centre im Jahre 1993, das rund um die Uhr besetzt ist und alle Unregelmäßigkeiten auswertet. In die Medien gelangten solch räuberische Vorfälle aber nur sehr selten – und wenn, dann hatten sie einen leicht exotischen Beigeschmack. Dies änderte sich erst mit Beginn des neuen Jahrtausends. 2005 wurden insgesamt 274 Angriffe gemeldet, dazu gehörte auch der spektakuläre Angriff auf die Seabourne Spirit – kein Frachter, sondern ein Kreuzfahrtschiff für 208 Passagiere, das vor der Küste Somalias angegriffen wurde. Ein Dutzend Piraten nutzte zwei kleine Boote, Maschinengewehre und Panzerfäuste, doch das Schiff konnte durch einen Zickzackkurs entkommen und das offenen Meer erreichen. Aufsehenerregender war der Fall der Sirius Star, einem unter liberianischer Flagge fahrenden Rohöltanker, der im November 2008 entführt wurde. Allein die Ladung besaß einen Wert von etwa 80 bis 90 Millionen Euro, dazu kam noch das Schiff, das auf über 150 Millionen Euro taxiert werden konnte. Doch die Verhandlungen zogen sich hin, und so kam das Schiff erst im Januar 2009 frei. Als Lösegeld wurden angeblich drei Millionen US-Dollar bezahlt.
Entern und plündern für den Lebensunterhalt
Dass beide Zwischenfälle vor der Küste Somalias passierten, ist kein Zufall. Das vom Bürgerkrieg gebeutelte und von einer Übergangsregierung kaum kontrollierte Land ist de facto zerfallen, was jeder Form von Gewalttätigkeit Vorschub leistet. Durch die direkte Nachbarschaft zu wichtigen Seefahrtsrouten zwischen Asien und Europa wird die Piraterie begünstigt, an der sich in erster Linie ehemalige Fischer und Bürgerkriegskämpfer beteiligen. Diese jungen Männer haben kaum Zukunftsaussichten in ihrem Land, und so bietet die Piraterie, wie in früheren Zeiten, die Möglichkeit den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dabei ist viel Geld im Spiel – 2008 sollen bis zu 30 Millionen US-Dollar eingenommen worden sein. Auch im Golf von Aden und im Roten Meer sind Transporte immer wieder bedroht, da beide Gewässer von jedem Schiff durchquert werden müssen, das den Suezkanal nutzen will. Der Umweg über Südafrikas Kap der Guten Hoffnung wäre erheblich zeit- und kostenintensiver – doch es gibt Reedereien, die wieder auf die bewährte Route setzen, um dem Risiko eines Piratenangriffs zu entgehen. Dies bedeutet schwindende Einnahmen für die Betreiber des Kanals und damit für den ägyptischen Staat, der sich nach dem Sturz Mubaraks ohnehin in einer Krise befindet.
Flagge zeigen - Gegenmaßnahmen und Strategien
Doch es gibt Abwehrmaßnahmen – kleine wie große. So wurde bereits Ende 2001 im Rahmen der Militäraktion Operation Enduring Freedom – die im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September und dem daraufhin von den USA ausgerufenen "Krieg gegen den Terrorismus" stand – die Seehandelswege um das Horn von Afrika überwacht. Konkret gegen Piraterie richteten sich spätere Missionen wie die Operation Allied Provider Ende 2008, die Schiffe des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen schützen sollte. Die EU beschloss im November 2008, im Rahmen der Operation Atalanta für Sicherheit zu sorgen; mehrfach konnten Piratenangriffe abgewehrt, Schiffe aufgebracht und Besatzungen festgesetzt werden. Weitere Marineeinsätze schlossen sich an. Doch auch die bedrohten Frachtschiffe wissen sich zu schützen. Wasser- und Schallkanonen kommen zum Einsatz; dazu besteht die Möglichkeit, eine Art Hochspannungszaun um das Schiff herum zu spannen oder private Sicherheitsteams zu engagieren. Doch dies sind natürlich Einzelmaßnahmen. Bei einer Konferenz in Kiel wird im Mai 2011 ein Netzwerk zur Unterstützung der maritimen Sicherheit bei den Vereinten Nationen diskutiert. Die hochrangigen Experten sind sich einig, dass etwas getan werden muss, um die immer weiter ausufernde Piraterie zu bekämpfen; schließlich sind zu dieser Zeit 26 Schiffe und 520 Seeleute in der Gewalt von Entführern. Dass man letztlich auch die Situation in den Heimatländern der Piraten beachten müssen wird, steht dabei außer Frage. Auf den Weltmeeren bleibt die Gefahr bestehen und Piraterie wird die Welt auch ganz ohne schwarze Flagge noch einige Zeit beschäftigen.



