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Moral im Kopf
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Leben & Lifestyle

Moral im Kopf

Nach dem Tod von Ulrike Meinhof untersuchte der Magdeburger Psychiater Prof. Dr. Bernhard Bogerts das Gehirn der Journalistin und späteren RAF-Terroristin. Der Befund: Gefäßtumor in der Region nahe dem so genannten „Mandelkern“. Er vermutete einen Kausalzusammenhang zwischen der Hirnveränderung und dem…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle

Ob Albert Einstein, Lenin oder Ulrike Meinhof - immer wieder wurden die Gehirne herausragender Persönlichkeiten nach deren Tod extrahiert, seziert, imprägniert und katalogisiert. Hinter diesen aus heutiger Sicht naiv anmutenden Versuchen stand die Hoffnung, mit Hilfe der scharf geschliffenen Skalpelle der Wissenschaft den Geist zu erfassen, also das, was zu Lebzeiten das Denken und Handeln des Menschen bestimmt hat. Man wollte Antworten auf Fragen finden wie: Was unterscheidet das Gehirn eines Genies von dem eines Normalsterblichen? Gibt das Gehirn eines Massenmörders Aufschluss über seine moralische Verfassung? Zeigt das Gehirn einer Terroristin Spuren von Terrorbereitschaft?

So absurd solche Fragen auch klingen - die Versuchung, über die Materie den Geist zu erklären, in der Hirnmasse nach dem Charakter zu suchen, ist heute verlockender denn je. Die neuen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronenemissionstomographie (PET) ermöglichen erstmals Einsichten in das lebende menschliche Gehirn, und es ist kein Wunder, dass die Technik die Hirnforschung in den letzten Jahren enorm beflügelt hat.

Aber kann man etwas so komplexes wie moralisches Bewusstsein tatsächlich im Gehirn lokalisieren?

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Ja, sagen die Hirnforscher. Sie haben herausgefunden: Das Gehirnareal, das für moralisches Denken und Handeln zuständig ist, befindet sich im vorderen Stirnhirn, im sog. „Präfrontalen Cortex“. Dieses Wissen verdanken sie hauptsächlich Untersuchungen von Patienten, deren Charakter sich nach einem Unfall dramatisch verändert hat – bei körperlich vollständiger Genesung. Sie beobachteten etwa, wie aus früher höflichen, zuvorkommenden Menschen auf einmal rücksichtslose Egoisten oder gar Gewalttäter wurden. Allen Fällen gemein war die Verletzung jener vorderen Hirnregion.

Inzwischen weiß man: Eine zentrale Rolle bei moralischen Entscheidungen spielt der oben genannte „Mandelkern“, in der Fachsprache auch „Amygdala“. Bei gesunden Menschen lösen Bilder von traurigem oder angstassoziiertem Inhalt in der Amygdala zunächst Abwehr- bzw. Schreckreaktionen aus. Diese Eindrücke werden dann in der Großhirnrinde mit den im Gedächtnis gespeicherten Erfahrungen verglichen. Daraufhin wird eine moralische Entscheidung eingeleitet.

Bei Gewalttätern werden oft krankhafte Veränderungen im Umkreis des Mandelkerns beobachtet. So stieß der US-amerikanische Neuropsychologe Adrian Raine bei seinen Experimenten mit Strafgefangenen überdurchschnittlich häufig auf Durchblutungsstörungen im Stirnhirnbereich und ein deutlich verkleinertes „Moralzentrum“. Die Nervenverbindungen zum limbischen System, die für die emotionale Bewertung der Umwelt und für die Steuerung der eigenen Aggression zuständig sind, funktionierten bei ihnen entweder schlecht oder gar nicht.

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Prof. Bogerts betont, dass nicht nur Unfallverletzungen, Infektionen oder Tumore bestimmte Hirnleistungen wie das moralische Bewusstsein reduzieren, sondern auch frühkindliche Erfahrungen. So können Babys, die bis zum fünften Monat zu wenig menschliche Zuwendung erhalten, irreparable Schäden in ihrer Hirnstruktur davontragen, was Aggression und Depression im späteren Leben begünstigt.

Insgesamt lässt sich also festhalten: Hirnbiologie und psychosoziales Umfeld bedingen sich auf sehr komplexe Weise. Die Forschung steht hier erst am Anfang. Die Frage, ob Ulrike Meinhof auch ohne Hirntumor Terroristin geworden wäre, muss also bis auf Weiteres offen bleiben.

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