Mr. Kon-Tiki ist tot
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Mr. Kon-Tiki ist tot

Bild: Foto: Nedih Limani, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Mit seinem Floß “Kon-Tiki“ überquerte Thor Heyerdahl den Pazifik. Das war 1947 und seinerzeit mindestens so sensationell wie die Landung auf dem Mond 22 Jahre später. Am 18. April 2002 starb der größte Abenteurer unserer Zeit.

Heyerdahls Theorie

Alle Welt glaubte, die zahlreichen Inseln der Südsee wären von Asien aus besiedelt worden. Doch Heyerdahl wollte beweisen, dass es schon in prähistorischen Zeiten einen kulturellen Austausch gab zwischen Südamerika und der Südsee. Er war ein Anhänger der so genannten Diffusionstheorie, wonach es Menschen waren, die zum Beispiel den Sonnenkult und den Hang zum Pyramiden-Bau von Afrika über die Kanarischen Inseln nach Zentral- und Südamerika und von dort nach Ozeanien gebracht haben.

Inzwischen gelten Heyerdahls Theorien als weitgehend widerlegt. Linguisten fanden heraus, dass alle der mehr als 800 Sprachen zwischen Taiwan, Hawaii, Polynesien und Neuseeland auf eine gemeinsame austronesische Ursprache zurückgehen, eine Sprache also, die ihren Ursprung in Südostasien hat. DNA-Untersuchungen zeigten, wie eng die weit verstreuten Populationen des Pazifik miteinander verwandt sind und dass sie einen gemeinsamen Ursprung in Asien haben müssen. So haben beispielsweise 99 Prozent der Trobriand-Insulaner ein Gen, das nur in Asien vorkommt.

Südsee-Abenteuer

Doch das erklärt noch lange nicht, wie beispielsweise die Süßkartoffel ihren Weg in die Südsee fand. Ihre Heimat ist Südamerika, aber als die ersten Europäer durch Ozeanien kreuzten, fanden sie zu ihrer Überraschung nicht nur Menschen auf allen Inseln vor, sondern stießen bei ihnen auch auf eine Bezeichnung für die rote Knolle (“Kumara“), die identisch war mit dem Namen, den sie bei den Indios hatte. Waren die Austronesier bis zum kontinentalen Festland vorgedrungen? Oder war doch jemand von Westen gekommen, über den Pazifik, auf einem Floß wie Thor Heyerdahl? Der Legende nach war es so, doch die Gelehrten sagten, es sei unmöglich, den Pazifik mit einem Floß aus Balsa-Holz zu überqueren. Spätestens nach zwei Wochen habe es sich mit Wasser vollgesogen und werde sinken. Also baute Heyerdahl ein Balsa-Floß, nannte es nach dem peruanischen Sonnengott “Kon-Tiki“ und überquerte in 101 Tagen den Pazifik.

Damit war bewiesen, dass es durchaus möglich war, mit prähistorischen Mitteln den Pazifik in Ost-West-Richtung zu überqueren. Und selbst seine Gegner mussten anerkennen, dass er mit seinen Experimenten Maßstäbe setzte wie kein anderer vor oder nach ihm. Heute ist die experimentelle Archäologie eine anerkannte Disziplin. Und Heyerdahl wurde nie müde zu wiederholen: “Niemand kann mehr behaupten, etwas sei unmöglich, ohne es auch zu beweisen.“

Das Geld für seine erste Südsee-Expedition im Jahr 1937 lieh er sich von seinem Vater. Das Teuerste waren die Tickets, denn beim ersten Mal reiste er nicht mit einem Floß, sondern mit einem Dampfer an. Und zwar in Begleitung von Liv Coucheron Torp, seiner ersten Frau: “Wir wurden auf einer Insel ausgesetzt, wo man ein Jahr lang ohne Geld auskam.“

Über das Jahr auf Fatu Hiva schrieb Heyerdahl ein Buch, und von da an musste er niemanden mehr um Geld bitten: “Ich finanzierte alles mit meinen Büchern und Dokumentarfilmen.“ Seine Expeditionsberichte wurden zu Bestsellern. Das Buch Kon-Tiki wurde in 67 Sprachen übersetzt, der Dokumentarfilm Kon-Tiki (1951) erhielt einen Oscar. In Oslo wurde das Kon-Tiki-Museum gebaut, in dem man auch heute noch das Originalfloß bewundern kann. Restaurants, Bars, Segelboote, Schulen, Uhren und Jugendzimmer wurden nach der Kon-Tiki benannt.

Rastloser Entdecker

Nach seinem Coup mit der Kon-Tiki hätte sich Heyerdahl locker zur Ruhe setzen können. Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hatte er sich ja gesichert. Doch er dachte nicht ans Aufhören – im Gegenteil. Die Kon-Tiki war erst der Anfang. Es folgten Expeditionen auf die Osterinsel und nach Ostpolynesien (1955/56), die Atlantik-Überquerungen mit den Papyrusbooten Ra I und Ra II (1969/70) sowie die Tigris-Expedition (1977/78). Von 1988 bis 1994 leitete Heyerdahl archäologische Ausgrabungen in Túcume in Nordperu. Und als er zu Beginn der 90er Jahre in einem Lokalblatt der kanarischen Inseln ein Foto von seltsam geformten, überwucherten Hügeln entdeckte, dachte er sofort: “Das könnten Stufenpyramiden sein, das Bindeglied zwischen Mesopotamien und Mexiko.“

Was er freilegte, entsprach tatsächlich sechs Pyramiden, jede sechs Meter hoch, mit jeweils sechs Stufen. Für Heyerdahls Kritiker sind die so genannten Pyramiden nichts anderes als von Bauern errichtete Haufen aus Steinen, die beim Pflügen störten. Der Reeder Fred Olsen aber glaubte an Heyerdahl, kaufte das Gelände – und heute steht am Ortsrand von Güímar ein Museum, das seit seiner Eröffnung im Jahr 1998 über 300.000 Besucher angelockt hat. Auf Teneriffa, wo er seit 1990 lebte, lernte er übrigens auch seine dritte Frau kennen, die ehemalige Miss France Jacqueline Beer.

Odin und die letzte Suche

Zuletzt machte Heyerdahl von sich reden, als er in der Nähe des Schwarzen Meeres auf die Suche nach dem legendären Odin ging. Er suchte Beweise für seine Theorie, dass der Kriegsgott der Wikinger ein leibhaftiger König war, der im 1. Jahrhundert vor Christus im südlichen Russland lebte. Trotz einiger interessanter Funde blieben Historiker wie Sergej Karpow von der Universität Moskau skeptisch: Thor Heyerdahl sei zwar sehr kreativ, doch in diesem Fall gehe er eindeutig zu weit.

Im Herbst 2001 war Heyerdahl wegen Hautkrebs behandelt worden. Für den Abenteurer kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen. Er brachte es allein in diesem Jahr auf 70 Flüge. Noch Anfang 2002 eilte er nach West-Samoa im Pazifik: Man habe möglicherweise eine Pyramide entdeckt.

An Ostern 2002, bei einem Familientreffen auf seinem Landsitz Colla Michari in Italien, erkrankte Heyerdahl erneut. Festgestellt wurde ein inoperabler Hirntumor. Lebensverlängernde Maßnahmen kamen für Heyerdahl nicht in Frage. Er wollte seine letzten Tage im Kreis der Familie verbringen, auf Colla Michari, wo er von 1980 bis 1990 gelebt hatte. Über seinen ältesten Sohn, Thor Heyerdahl jr., ließ er wenige Tage vor seinem Tod mitteilen, er sei nun bereit, “seine Ruder an die Wand zu hängen und in den Sonnenuntergang zu reiten.“ Am Abend des 18. April 2002 starb Heyerdahl im Alter von 87 Jahren.

Katja Schmid

Buch-Tipps

Online bestellen:

Thor Heyerdahl: Auf Adams Spuren. Das Abenteuer meines Lebens

Thor Heyerdahl: Kon-Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik

Kontakt

Museum Teneriffa
Pyramiden von Güímar
http://www.fredolsen.es/english/Piramides
Kon-Tiki Museum
Oslo, Norwegen
http://www.museumsnett.no/kon-tiki/index.html
Heyerdahl-Filme bzw. Film-Ausschnitte
Kostenloser Download
http://ivvgeo.uni-muenster.de/Vorlesung/
Heyerdahls Suche nach Odin
Bericht auf BBC vom 26. Mai 2001 (englisch)
http://news.bbc.co.uk/hi/english/world/europe/

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