Deutsche Mundarten-Vielfalt
Deutsche Mundarten und Dialekte gibt es mehr, als man denkt; eine genaue Zahl ist allerdings aufgrund der starken Regionalisierung schwer zu ermitteln. Ihre Ursprünge liegen in der Zeit der Völkerwanderung (4.-6. Jh.), als sich die großen Stämme der Alemannen, Baiern, Franken, Sachsen und Thüringer herausbildeten. Dabei sind die alten Stammesgebiete nicht mehr mit den heutigen Mundart-Regionen identisch. Das wichtigste Einteilungsprinzip der deutschen Mundarten ist die so genannte hochdeutsche Lautverschiebung. Die niederdeutschen Mundarten vollzogen sie nicht, die mitteldeutschen nur zum Teil und die oberdeutschen Dialekte haben sie vollständig durchgeführt.
Die Grenze zwischen Niederdeutsch und Mitteldeutsch verläuft nördlich von Aachen über Köln, Kassel, Nordhausen, Dessau, Wittenberg und Frankfurt /Oder. Mitteldeutsch und Oberdeutsch trennen sich entlang der Linie nördlich von Zabern, Karlsruhe, Heilbronn, südlich von Heidelberg, Würzburg, Meiningen, Coburg und Plauen. Dazwischen gibt es, wie gesagt, eine Unzahl von Sub-Dialekten und lokalen Mundarten.
Dialekte sind “in”
Auch wenn die Alten immer wieder klagen, dass die Jungen sich nicht um die heimische Mundart scheren: Die regionalen Ausprägungen des Deutschen existieren nach wie vor, sie bieten gerade in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung eine Möglichkeit zur Identifikation mit einer Region als Heimat. Oftmals reicht dazu schon ein gewisser Tonfall und die Beherrschung einzelner “Fremdwörter”
Wie gefragt deutsche Mundarten sind, beweist allein die überregionale Beliebtheit von Otto Waalkes, Werner oder Käpt'n Blaubär aus dem Norden, der Kölner Musikgruppen Bläck Fööss und BAP sowie der Volksschauspielerin Heidi Kabel (Hamburg), Willy Millowitsch (Köln) oder Karl Valentin (München). Bezeichnend aber auch der Erfolg der Asterix Mundart-Comics, die inzwischen eine verkaufte Auflage von über 1,3 Millionen erreicht haben. Die deutsche Sprache wurde darin bislang in 19 regionalen und sieben örtlichen Dialekten und Mundarten erfasst. Da sprechen die Gallier dann plötzlich (von Nord nach Süd:) ostfriesisch, plattdeutsch, westfälisch, ruhrdeutsch, pfälzisch, hessisch, saarländisch, sächsisch, thüringisch, schwäbisch, badisch, alemannisch, fränkisch, moselfränkisch, bayrisch, kärntnerisch, steirisch, tirolerisch und schwyzerdütsch. Oder sie sind – sprachlich gesehen – in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Mainz, München oder Wien zu Hause.
Lust auf… “Nonnefürzle”?
Das größte Repertoire an Mundart-Wörterbüchern bietet der Reise Know-How Verlag aus Bielefeld mit seiner Reihe “Kauderwelsch”, Sprachführern im Taschenbuchformat über Plattdüütsch, Berlinerisch, Sächsisch, Letzebuergesch, Schwäbisch, Schwiizertüütsch und Wienerisch. Spezialisiert auf unanständiges Vokabular ist dagegen die noch umfangreichere Reihe “Dirty Words” aus dem Freiburger Belchen Verlag, der “Bücher zwischen Heimat und Hölle”, also ein populäres, nicht ganz so ernstes Regionalprogramm produziert. Hier sind neben Titeln mit Wortübersetzungen aus den oben genannten Mundarten (mit Ausnahme des Letzeburgischen und des Wienerischen) auch solche zu Kölsch, Pfälzisch, Hessisch, Fränkisch, Bayerisch, Alemannisch und zur Sprache des Ruhrgebiets vorhanden.
Dabei kann man auch etwas übers Essen und Trinken erfahren, etwa, dass die Frikadelle in Berlin nicht nur “Bulette” sondern auch “Hundepuffer” und in Köln “Elefanteköttel” heißt. Oder dass der Limburger Käse im Pfälzischen als “Maurerkoddledd”, trockener Kuchen im Sächsischen als “Leichenbäbe” und hohles, süß gefülltes Backwerk im Alemannischen als “Nonnefürzle” bezeichnet wird.
Mini-Glossar aus deutschen Landen
“Bessr d'Gosch halda als s'Maul vrreißa” (Lieber den Mund halten als sich das Maul zerreißen), sagt der Schwabe. Redewendungen in den einzelnen Mundarten können entlarvend sein. Und manchmal steckt eine lange Etymologie dahinter. “Das Leben der Wörter”, so der Freiburger Professor für Sprachgeschichte und Dialektologie, Ulrich Knoop, “spiegelt das Leben der Menschen, ihr Denken, Meinen, Hoffen und Urteilen wider.”
Alaaf: Kölscher Ausruf. Anfangswort eines Lob- oder Trinkspruchs oder Schlussruf einer Ansprache “Alaaf Kölle” (Hoch unser Köln). Alaaf ist abgeleitet von “all af”, also alles (andere) weg. “Alaaf Kölle” oder wie es heute meist heißt: “Kölle Alaaf”, bedeutet demnach: neben Köln ist alles andere nichts oder nichts geht über Köln. (Quelle: http://www.ullis-music.de/koeln/lexikon1.htm)
Betutteln: Ruhrgebietsdeutsch. Jemanden besonders intensiv umsorgen und bemuttern, obwohl das gar nicht nötig wäre. Beispielsatz: “Mensch, Berta, gezz hör aber auf, unsern Vatter zu betutteln als wennern Pflegefall wär; der soll sich seine Zaretten (Zigaretten) ma ganz schön selbs anne Bude holen.” (aus: Hömma! Sprache im Ruhrgebiet)
Fisimatenten: Berlinerisch, meist in Aussprüchen wie “Macht mir keene Fisimatenten!” gebraucht, bedeutet so viel wie “Macht kein Theater!“ Der Begriff “Fisimatenten“ kommt aus dem Französischen. Zwei Ableitungen sind überliefert: 1. Soldaten, die zu spät in ihre Kaserne kamen, entschuldigten sich mit der Ausrede “J'ai visité ma tante” (ich habe meine Tante besucht). 2. Napoleonische Soldaten sagten zu den Mädchen: “Visitez ma tente” (Besuchen Sie mein Zelt!). (aus: Kleines Lexikon Berliner Begriffe)
Franzbrötchen: Hamburgisch. Seit dem 19. Jahrhundert als eine Gebäckspezialität in Hamburg belegt. Zunächst als Ableitung von “Franzbrot”, dem langen, aus besonders feinem, weißem Mehl und mit Butter gebackenen Laib Brot (Baguette), dann die Veredelung des kleinen Franzbrots in der Fettpfanne. Heute werden sie aus einem Hefe-Plunderteig mit viel Butter und Zimt in vielen Variationen gebacken. (aus: Kleines Lexikon Hamburger Begriffe)
Halve Hahn: Rheinisch. Mainzer Käse mit Röggelchen; im Gegensatz zum: “half Hähnche” (halbes Hähnchen), man säät och Flattermann. (Quelle: http://www.mundart.net/index2.htm; “Mundart.Net(z). 'ne rheinische Hompäätsch!”)
Heurigen: Wienerisch. Abgeleitet kommt vom althochdeutschen “hiu jar” – dieses Jahr. Das Hauptgetränk des Wieners ist der Wein, vor allem der “Veltliner” (Weißweinsorte). Um diesen zu trinken, pilgert er gerne zum “Heurigen”. Das Ergebnis sind “Räusche” in verschiedenen Ausprägungen. (aus: Kauderwelsch Band 78, Wienerisch, das andere Deutsch)
Hummel, Hummel – mors, mors: Hamburgs Schlacht- oder Erkennungsruf. “Hummel” war ursprünglich der Name eines Wasserträgers in der Hamburger Neustadt. Er lebte von 1787 bis 1854, hieß eigentlich Johann Wilhelm Bentz und soll griesgrämig, reizbar und nicht zuletzt etwas beschränkt gewesen sein. Den Neustädter Jungs jedenfalls, die ihm ihr “Hummel, Hummel” nachriefen, knurrte er regelmäßig ein “mors, mors” zurück, was bis heute eine ähnliche Aufforderung bedeutet wie das plattdeutsche “Klei die an'n Mors” und sich im Schriftdeutschen am anständigsten als “Götz-Zitat” liest... (aus: Kleines Lexikon Hamburger Begriffe)
Buch-Tipps
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Dirty Words. Schwäbisch (weitere Dirty Words-Bände erhältlich)
Gisela Buddee: Kleines Lexikon Berliner Begriffe
Ernst Lüttgau: Kölsch für anzelore
Werner Boschmann: Lexikon der Ruhrgebietssprache



