Mythos Marlene
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Mythos Marlene

Bild: Foto: Theodor Paul, Public domain, via Wikimedia Commons

‘Fürchte ich mich vor faulen Tomaten? Nein, faulige Eier wären schlimmer, denn die bekäme man nicht wieder aus meinem Schwanendaunen-Umhang heraus.’ Selbstbewusst und sichtlich unbeeindruckt von den ‘Marlene go-home’-Plakaten, die ihr aufgebrachte Landsleute entgegenhalten, präsentiert sich Marlene Dietrich 1960 in Berlin. Seit dem letzten offiziellen Auftritt in ihrer Geburtsstadt sind fast 30 Jahre vergangen. Sie weiß, dass auf ihre beispiellose Weltkarriere hier mit Neid und Missgunst und auf ihren Einsatz in der amerikanischen Truppenbetreuung sogar mit Hass und Verachtung reagiert wird. Doch die Dietrich stellt sich. Als sie am Schluss der Auftritts im Titania-Palast das Lied ‘Ich hab noch einen Koffer in Berlin’ anstimmt, erheben sich mit Willy Brandt auch die anderen Zuschauer. Am nächsten Tag haben sich die Wogen weitestgehend geglättet, doch das Verhältnis zwischen Deutschland und Marlene Dietrich bleibt gespannt - bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.

Das zwiespältige Verhältnis

‘Fürchte ich mich vor faulen Tomaten? Nein, faulige Eier wären schlimmer, denn die bekäme man nicht wieder aus meinem Schwanendaunen-Umhang heraus.’ Selbstbewusst und sichtlich unbeeindruckt von den ‘Marlene go-home’-Plakaten, die ihr aufgebrachte Landsleute entgegenhalten, präsentiert sich Marlene Dietrich 1960 in Berlin. Seit dem letzten offiziellen Auftritt in ihrer Geburtsstadt sind fast 30 Jahre vergangen. Sie weiß, dass auf ihre beispiellose Weltkarriere hier mit Neid und Missgunst und auf ihren Einsatz in der amerikanischen Truppenbetreuung sogar mit Hass und Verachtung reagiert wird. Doch die Dietrich stellt sich. Als sie am Schluss der Auftritts im Titania-Palast das Lied ‘Ich hab noch einen Koffer in Berlin’ anstimmt, erheben sich mit Willy Brandt auch die anderen Zuschauer. Am nächsten Tag haben sich die Wogen weitestgehend geglättet, doch das Verhältnis zwischen Deutschland und Marlene Dietrich bleibt gespannt - bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.

Traumberuf Musikerin

So weit wäre es vermutlich nicht gekommen, wenn die am 27. Dezember 1901 als Tochter eines Polizeileutnants in Berlin-Schöneberg geborene Marie Magdalene Dietrich ihr Musikstudium am Weimarer Konservatorium erfolgreich abgeschlossen hätte. Doch ein überstrapaziertes Handgelenk beendet die Laufbahn der jungen Geigerin, bevor sie begonnen hat. Marlene nimmt Unterricht bei Berthold Held, dem Leiter von Max Reinhardts Schauspielschule, heiratet den Regieassistenten Rudolf Sieber, bringt ihre Tochter Maria zur Welt und agiert nebenbei noch in ebenso zahllosen wie unbedeutenden Theater-, Revue- und Stummfilmrollen.

Erotisch und emanzipiert zum Erfolg

Der Durchbruch gelingt ihr Ende der 20er Jahre. Die Leinwanderfolge ‘Ich küsse Ihre Hand, Madame’ (1928), ‘Die Frau, nach der man sich sehnt’ (1929) und Marlenes glanzvolle Auftritte in den Revuen ‘Es liegt in der Luft’ (1928) und ‘Zwei Krawatten’ (1929) steigern die Aufmerksamkeit der Talentspäher. Zu ihnen gehört auch der amerikanische Regisseur Josef von Sternberg, der eine Besetzung für seinen neuen Film ‘Der blaue Engel’ (1930) sucht. Er findet sie in Marlene Dietrich, die in der Rolle der erotisch-emanzipierten ‘Lola-Lola’ einen bis dahin beispiellosen Sensationserfolg feiert.

Hollywood und der Karriereknick

Noch in der Premierennacht macht sie sich auf den Weg nach Hollywood und steigt hier durch Filmklassiker wie ‘Morocco’ (Herzen in Flammen, 1930),’Shanghai Express’ (Schanghai Express) oder ‘Blonde Venus’ (Die blonde Venus, beide 1932) binnen weniger Jahre in die Riege der meist beschäftigten und best bezahlten Schauspielerinnen auf. Auch der obligatorische Karriereknick kann die Dietrich nicht aufhalten. Zwei Jahre nachdem sie neben Greta Garbo und Katherine Hepburn offiziell zum ‘Gift für die Kinokassen’ erklärt wurde, gelingt ihr - nun als amerikanische Staatsbürgerin - mit ‘Destry Rides Again’ (Der große Bluff, 1939) ein Aufsehen erregendes Come-back.

An der Front

Aber die Zeichen der Zeit sind selbst in Hollywood nicht mehr zu übersehen. Je länger der Weltkrieg dauert, desto größer wird die Bereitschaft, sich in der einen oder anderen Form am Einsatz der Alliierten zu beteiligen. Marlene Dietrich notiert: ‘Ich werde nicht hier sitzen, still vor mich hinarbeiten und den Krieg an mir vorübergehen lassen.’ 1944 und 45 absolviert sie in Nordafrika und Europa zahllose Bühnenauftritte, um die Moral der gegen Nazi-Deutschland kämpfenden Soldaten zu stärken. Nach dem Krieg erhält Marlene Dietrich für ihren Einsatz die ‘Medal of Freedom’, die höchste militärische Auszeichnung für Zivilpersonen. Außerdem wird sie zum Mitglied der französischen Ehrenlegion ernannt.

Zurück zur Musik

In den folgenden Jahren lebt sie die außerordentliche Selbstdisziplin und ihren geradezu preußischen Arbeitseifer wieder auf vertrautem Terrain aus. In Zusammenarbeit mit Regielegenden wie Billy Wilder (‘A Foreign Affair’: Eine auswärtige Angelegenheit, 1948; ‘Witness for the Prosecution’: Zeugin der Anklage, 1958), Alfred Hitchcock (‘Stage Fright: Die rote Lola, 1950), ), Orson Welles (‘Touch of Evil’: Im Zeichen des Bösen’, 1958) oder Stanley Kramer (‘Judgement of Nuremberg’: Das Urteil von Nürnberg’, 1961) gelingen der Dietrich erneut überzeugende Beweise ihrer schauspielerisches Talents. 1953 kehrt sie auch noch auf die Bühne zurück und wird über 20 Jahre lang als Chansonsängerin auf der ganzen Welt gefeiert.

Der Abschied

Dann geht alles sehr schnell. 1975 absolviert sie ihren letzten öffentlichen Auftritt in Sydney, drei Jahre später singt sie in dem Film ‘Just a Gigolo’ ihr letztes Lied. Ihre Pariser Wohnung ist für die Öffentlichkeit tabu. Glanz und Glamour spielen für Marlene Dietrich fortan keine Rolle mehr. Ihr Mann, mit dem sie seit Jahrzehnten ‘nur noch’ befreundet ist, stirbt 1976, die meisten ihrer Lebensabschnittsgefährten und -gefährtinnen - Claire Waldoff, Josef von Sternberg oder Erich Maria Remarque - sind ebenfalls nicht mehr am Leben. Für den Weltstar früherer Tage bleiben Anrufe, Alkohol, Tabletten und eine überaus offenherzige Tochter, die der Nachwelt ein schockierendes Bild von den letzten Jahren der Diva überliefert hat: ‘Ihre Beine verdorren. Ihre Haare schneidet sie im Alkoholrausch mit einer Nagelschere kurz und färbt sie, rosa mit schmutzigen weißen Flecken. Ihre Ohrläppchen hängen tief herunter, ihre Zähne - sie war immer so stolz gewesen, dass es ihre eigenen waren - sind schwarz geworden und brüchig. (...) Sie verströmt einen Geruch nach Scotch und körperlichem Verfall.’

Der Nachlass

Am 6. Mai 1992 stirbt Marlene Dietrich in Paris und wird auf eigenen Wunsch in Berlin beigesetzt. Heute beherbergt das Filmmuseum Berlin ihren gigantischen Nachlass, ein Teil des Potsdamer Platzes ist - trotz wütender Proteste von Rechts außen - nach ihr benannt worden. Nun scheint sich also doch noch die Erkenntnis durchzusetzen, dass sie ihr Vaterland nicht verraten, sondern ihm weit bessere Dienste geleistet hat als seine braunen Machthaber.

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