Schock nach Unternehmenspleite
Das Debakel war beispiellos: Als Enron, das einst siebtgrößte Unternehmen der USA, im vergangenen Dezember den Konkurs anmeldete, war das Entsetzten an den Kapitalmärkten kaum fassbar. Enron, der höchstbewertete Versorger der Branche, ein Unternehmen, auf dessen Aktien Millionen Amerikaner ihre Rente gebaut hatten, ging Pleite?!
Die Folgemonate bestätigten schmerzlich die Tragweite des Skandals um die dubiosen Machenschaften der Enron-Manager: Das einst größte Energieunternehmen der Welt, das es in Hochzeiten auf eine stolze Bewertung von über hundert Milliarden Dollar brachte, hatte sich in einem nicht mehr durchschaubaren Kredit-Netz verfangen.
Enronitis lähmt die Aktienmärkte
Doch was von Analysten und Branchenkennern immer wieder als enron-eigenes Problem hingestellt wurde, paralysierte bald die ganzen Aktienmärkte: “Enronitis, der Verdacht auf schwer nachvollziehbare oder gar gefälschte Bilanzierungsmethoden, infizierte viele Großkonzerne der amerikanischen Wirtschaft Misch-Unternehmen wie Tyco oder General Electric gerieten ins Fadenkreuz der Analysten.
Am schwersten trafen die Nachbeben der Enron-Insolvenz doch naturgemäß die Versorgerwerte. Keine Frage: Der amerikanische Energie-Sektor wurde im Zuge der Enron-Pleite gehörig aufgemischt und erlitt die größten Kursabschläge seit der kalifornischen Energiekrise aus dem Jahr 2000. Die Enron-Konkurrenten Dynegy, El Paso, Calpine oder Williams verloren in den Folgewochen ein Drittel bis die Hälfte ihrer Börsenbewertung und haben sich bis heute vom Desaster kaum erholt.
Ehemalige Enron-Konkurrenten unter Druck
So musste der US-Energiehändler Dynegy infolge der geplatzten Fusion mit Enron eine einmalige Nachsteuer-Belastung von 125 Millionen Dollar im vierten Quartal des letzen Jahres verbuchen die Analystenschätzungen wurden daraufhin verfehlt, die Aktie geriet unter Druck.
Nicht besser erging es den Wettbewerbern: Der US-Stromkonzern Calpine verlor in den letzten zwölf Monaten gar bis zu 90 Prozent an Wert davon allein vierzig Prozent im Dezember vergangenen Jahres. Analysten hatten dem nur noch mit rund 3,5 Milliarden Dollar bewerteten Unternehmen eine enron-ähnliche Unternehmsstruktur und damit implizit: Bilanzierungstricks vorgeworfen.
Am besten konnte sich noch der führende Gashändler Nordamerikas, El Paso, halten: Der derzeit mit 24 Milliarden höchstbewertete Energieversorger der USA notiert nach einem kurzfristigen Einbruch von rund 30 Prozent dieser Tage wieder bei 45 Dollar, auf dem Niveau vor dem Enron-GAU.
Rückzug auf den Heimatmarkt
Doch vor allem psychologisch sitzt der Enron-Schock bei den Anlegern noch immer enorm tief der Vertrauensverlust in die gesamten Branche scheint nur schwer überwindbar. Die Folgen der überwiegend geschrumpften Aktienkurse und damit gleichbedeutend: Unternehmensbewertungen sind desaströs: Die amerikanischen Unternehmen können im europäischen Wettbewerb kaum noch mithalten und müssen den Analysten mit aller Macht erst einmal demonstrieren, dass sie den Heimatmarkt im Griff haben.
PricewaterhouseCoopers Gesellschafter Mark Hughes erklärt die Konsequenzen für die US-Versorgerwerte: “Seit der kalifornischen Energiekrise und der Enron-Pleite konzentrieren sich US-Konzerne auf das eigene Land. Im Ausland halten sie sich zurück oder stehen auf der Verkäuferseite.
Das passiert zumindest im Falle Enrons bereits auf dem Heimatmarkt. Die Gewinner der Krise sind indes die liquiden großen Multikonzerne, die den Energiesektor als Beimischung zum Kerngeschäft betrachten. So übernahm das höchst bewertete Unternehmen der Welt, General Electric (GE), Enrons Windkraftsparte für gerade einmal 342 Mio. Dollar ein Schnäppchen, zumal GE im Windkraft-Segment von einem nachhaltigen Wachstum von jährlichen 20 Prozent ausgeht. Auch das Enron-Desaster scheint also eine alte Börsenweisheit zu bestätigen: Die weltweit größten Unternehmen gehen aus Krisenzeiten gestärkt hervor dazu jedoch zählen die US-Energiekonzerne derzeit kaum...
Nils Jacobsen



