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Nara - die vergessene Hauptstadt
Bildquelle nicht angegeben
Leben & Lifestyle

Nara - die vergessene Hauptstadt

Unter den historischen Hauptstädten Japans ziehen zwei die meiste Aufmerksamkeit auf sich: Edo, die heutige Hauptstadt Tokio, steht für das moderne, geschäftige Japan, während Kyoto das kulturelle Erbe Japans repräsentiert. Beide sind Millionenstädte mit starkem Tourismusverkehr. Nara wird von ausländischen…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
5 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle
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Die älteste erhaltene Stadtanlage Japans wurde 710 von der Kaiserin Genmei gegründet. Zu dieser Zeit war es üblich, dass der Regierungssitz nach dem Tod eines Kaisers verlegt wurde. Dies geschah aus dem Aberglauben heraus, dass Orte des Todes beschmutzt seien.

Vorbild für die neugegründete Stadt war Chang'an (heute Xi'an), die chinesische Metropole der Tang-Zeit. Die gesamte Anlage hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von ungefähr 4,8 km, eine Ost-West-Ausdehnung von 4,3 km und eine Fläche von rund 20 qkm. Zum Vergleich: Köln, die größte Stadt des mittelalterlichen Deutschlands, hatte eine Fläche von "nur" 4 qkm. Bewohnt wurde die Stadt von 200.000 Menschen, unter ihnen rund 10.000 Regierungsangestellte.

Während der Nara-Zeit von 710 bis 784 war der Ort unter dem Namen Heijō-kyō die Hauptstadt Japans. Aus dieser Zeit, die sich mit der Regierungszeit Karls des Großen in Europa überschneidet, stammen die meisten der großen Tempelanlagen. Ihre Lage innerhalb der Stadt erwies sich als Planungsfehler: Sie erwarben rasch politischen Einfluss und Konflikte zwischen den Tempeln lähmten regelmäßig die Regierungsgeschäfte. Zwar verlor der Ort nach der Verlegung der Hauptstadt ins 40 km nördlich gelegene Kyōto an Bedeutung, die sogenannten Nanto Shichi Daiji, wörtlich "die sieben großen Tempel der südlichen Hauptstadt",  konnten ihren Einfluss aber teilweise bewahren und überlebten bis heute.

Wegen seiner zahlreichen alten und gut erhaltenen Tempel gehört Nara heute zu den attraktivsten touristischen Zielen in Japan. Die wichtigsten Monumente und Fundstätten in und um die Stadt sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes "Historisches Nara", darunter Tōdai-ji, Kōfuku-ji, Kasuga-Taisha, Gangō-ji, Yakushi-ji, Tōshōdai-ji und die Überreste des Heijō-Palastes. Das angehängte -ji kennzeichnet hier einen buddhistischen Tempel, -sha oder taisha einen Shintō-Schrein. Die Anlagen sind im Allgemeinen frei zugänglich, einige Gebäude und Museen sind aber nur gegen Eintrittsgebühr zugänglich.

Die Tempel und Schreine

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Der 5 qkm große Nara-Park im Zentrum der Stadt umfasst einige der größten Attraktionen: Hier findet man die Tempel Kōfuku-ji und Tōdai-ji sowie den Kasuga-Schrein.

Der Kōfuku-ji am Eingang des Nara-Parks ist der größte Tempelkomplex der Innenstadt. Unter der Patronage der mächtigen Fujiwara-Familie soll die Anlage einst zehnmal größer als heute gewesen sein. Die 5-stöckige Pagode des Tempels ist mit über 50 m Höhe die zweithöchste Japans.

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Ebenso bemerkenswert ist der Tōdai-ji (dt: "östlicher großer Tempel"). Der buddhistische Tempel beherbergt in seiner Haupthalle die größte buddhistische Bronzestatue (Daibutsu) überhaupt. Der Guss war technisch ungemein anspruchsvoll und gelang erst nach mehreren Fehlschlägen. 752 konnte die Figur in einem gewaltigen Festakt mit 10.000 Teilnehmern geweiht werden. Das Projekt ruinierte beinahe den japanischen Staat und verbrauchte einen Großteil der verfügbaren Kupferreserven des Landes. Die Haupthalle Daibutsuden, die den großen Buddha beherbergt, ist mit einer Breite von 57 m, einer Tiefe von 50,5 m und einer Höhe von 48,7 m das größte rein aus Holz gebaute Gebäude der Welt. Die heutige Halle, die Anfang des 18. Jh. fertiggestellt wurde, ist deutlich kleiner als die Vorgängerbauten, dafür aber etwas höher. Leider nicht erhalten sind die beiden etwa 100 m hohen Pagoden, die die Halle flankierten. Sie waren zur Zeit ihrer Erbauung wohl die nach den Pyramiden von Gizeh höchsten Bauwerke der Erde.

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Der im Osten des Parks gelegene Kasuga-Taisha ist der berühmteste Shinto-Schrein Naras. Er wurde den Schutzgottheiten der Stadt geweiht und ist der Mutterschrein der 3.000 Kasuga-Schreine Japans. Im Gegensatz zu den meisten Tempeln der Stadt ist er auch heute ein aktives religiöses Zentrum. Der Schrein ist für seine 3.000 Stein- und Bronzelaternen berühmt, die nachts für Beleuchtung sorgen.

Der zum Schreingelände zählende Kasugayama-Urwald ist ein eigenständiger Teil des Weltkulturerbes.

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Einen Abstecher wert ist auch der Nachbarort Ikaruga: Während die höchste Pagode Japans sich heutzutage in Kyoto befindet, steht hier die älteste Pagode auf dem Gelände des Hōryū-ji. Dendrochronologischen Untersuchungen zufolge wurde das Holz für den Zentralpfeiler im Jahre 594 gefällt. Ein weiteres Highlight ist der 739 erbaute Pavillon Yumedono, die Traumhalle oder Halle der Visionen, der zum Gedenken an den Stifter des Tempels, den Kronprinzen Shōtoku, errichtet wurde. Auch der Hōryū-ji ist Teil des japanischen UNESCO-Weltkulturerbes.

Der Palast

Der Palast (Heijo-kyu) lag am nördlichen Ende der Stadt und war über eine 75 m breite Allee, die die Stadt in zwei Hälften teilte, zu erreichen. Nach dem Auszug des kaiserlichen Hofes wurde der Komplex praktisch aufgegeben und verfiel im Laufe der Jahrhunderte vollständig. Da das Gelände in kaiserlichem Besitz blieb, konnten ohne entsprechende Genehmigung keine neuen Gebäude gebaut werden und das Areal blieb unbebaut. Die heutigen Gebäude sind Rekonstruktionen. Das letzte originale Bauwerk der Palastanlage hat als Vorlesungshalle (kodo) eines Tempels überlebt:  Es ist heute Teil des Toshodai-ji.

Die Hirsche von Nara

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Nach der Gründungslegende des Kasuga-Schreins erschien Takemikazuchi-no-mikoto, der japanische Donnergott, auf einem weißen Hirsch, um die neue Hauptstadt zu beschützen. Seither wurden die hiesigen Hirsche als heilige Tiere betrachtet.  Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Hirsche ihres heiligen Status entkleidet und stattdessen zu Nationalschätzen erklärt.

Etwa 1.200 halbzahme Sika-Hirsche bewegen sich heute frei in der Stadt, besonders im Nara-Park. Fliegende Händler verkaufen "shika sembei" (Hirschkekse) an die Touristen, die damit die Tiere füttern dürfen. Angeblich können die Hirsche ziemlich aufdringlich werden...

Nara ist bekannt für seine kunsthandwerkliche Tradition. Typisch für die lokale Produktion sind Nara-Puppen (ittobori), Hirschhornschnitzereien (tsunozaiku) und Rundfächer (uchiwa).

Feste und Feiertage

Der japanische Festkalender ist das ganze Jahr über gut gefüllt, jeder Monat hat seine ganz eigenen Feiertage, Prozessionen und Zeremonien. Auch Nara bildet da keine Ausnahme.

Die spektakulärste Veranstaltung dürfte das Fest Wakakusa Yamayaki sein: Am vierten Samstag im Januar wird alljährlich der Gipfel des Wakakusa-Berges in Brand gesteckt. Das Feuer ist in der ganze Stadt zu sehen.

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