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Noch immer lebendig? Antisemitismus in Deutschland

Das Phänomen Antisemitismus gibt es nicht erst seit der Nazizeit in Deutschland – schon in der Weimarer Republik gab es Vorurteile und Ressentiments gegenüber Juden in Deutschland. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieben negative Haltungen erhalten – wenn auch meist eher unterschwellig oder verdeckt.
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle
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historisch

Das Phänomen Antisemitismus gibt es nicht erst seit der Nazizeit in Deutschland – schon in der Weimarer Republik gab es Vorurteile und Ressentiments gegenüber Juden in Deutschland. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieben negative Haltungen erhalten – wenn auch meist eher unterschwellig oder verdeckt.

Antisemitismus-Formen: Von selbstschuld bis Israel = Nazis

Heute unterschieden Fachleute vier Formen antisemitischer Einstellungen:  Als klassisch antisemitisch gilt beispielsweise die Ansicht, dass die Juden zu viel Einfluss in Deutschland hatten und haben und dass sie durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung mitschuldig sind – so hätten es quasi provoziert. Als Sekundären Antisemitismus/ Schlussstrich-Mentalität bezeichnen Forscher die Haltung, nichts mehr von den deutschen Verbrechen an Juden hören zu wollen. " Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden."

Zwei weitere Formen antisemitischer Einstellungen sind eher israelbezogen. Dazu gehören zum einen die NS-vergleichende Israelkritik: " Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben." Aber auch eine Vermischung von Kritik am Staat Israel mit einer judenfeindlichen Haltung kann antisemitisch sein: " Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat."

Anstieg negativer Vorurteile

Wie stark diese antisemitischen Einstellungen in Deutschland verbreitet sind, haben Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld und seine Kollegen in einer Studie getestet. Dafür befragten sie Deutsche unterschiedlichen Alters nach ihrer Zustimmung oder Ablehnung zu bestimmten antisemitischen Aussagen.

Das Ergebnis: „Unsere aktuellen Studien zeigen einen beachtlichen Anteil von 18 Prozent der Deutschen, der die Auffassung vertritt: ,Durch ihr Verhalten sind Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig‘“, sagt Zick. Laut einer Umfrage im Jahr 2014 stieg zum Beispiel die Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen zwischen Juni und September 2014 deutlich an. 23 Prozent – also fast ein Viertel – der älteren Deutschen ab 60 Jahren, meint demnach, „Juden haben zu viel Einfluss in Deutschland“. Bei den Jüngeren bis 30 Jahren ist die Zahl mit knapp zehn Prozent deutlich geringer.

Israelpolitik als Zündfunke

Ein Grund für den Anstieg antisemitischer Vorurteile ist nach Ansicht der Experten die Politik Israels und die Proteste dagegen im letzten Jahr. „Gerade die Anti-Gaza-Demonstrationen im vergangenen Sommer haben Antisemitismus erneut auf eine erschreckende Weise aufbrechen lassen, und zwar durchaus auch in jenen Teilen der Bevölkerung, die sich selbst als Mitte versteht“, sagt Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein.

Wie stark antisemitische Vorurteile verbreitet sind, zeigt sich aber auch an einer Frage, die sich auf die Verfolgung und Ermordung von Juden in Nazi-Deutschland bezieht. Die Mehrheit der 2014 in der Studie Befragten äußerte sich verärgert darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden. „Der Reflex, die Geschichte der Schoah loszuwerden, erschwert das Erinnern nach Ausschwitz“, sagt Andreas Zick. In Anbetracht der Hass-Taten gegen Jüdinnen und Juden und ihre Einrichtungen in Europa, wäre eher „ein unruhiges Erinnern“ angemessen. „Der Antisemitismus bedroht das Leben von Jüdinnen und Juden und die Demokratie in Deutschland und Europa“, warnt Zick.

Antisemitismus auch in Pegida

Antisemitische Einstellungen treten auch in der Pegida-Bewegung in Erscheinung. „Pegida ist gewissermaßen ein Sammelbecken für menschenfeindliche Einstellungen gegenüber einer ganzen Reihe von sozialen Gruppen“, sagt Küpper. Zwar sehe man auf Pegida-Kundgebungen Israelfahnen, aber viele Europakritiker und Sympathisanten rechtspopulistischer Gruppen seien „mindestens klammheimlich antisemitisch".

Deutlich wird dies auch in den Internet-Auftritt von Aktivisten und Sympathisanten von Pegida: So kommentieren auf der Facebook-Seite von Pegida auch Facebook-Nutzer, die auch auf der Seite der NPD aktiv sind: „Etwa 3,5 Prozent der Kommentierer auf der Pegida-Seite melden sich auch auf der Facebook-Seite der NPD zu Wort. Von ihnen stammen etwa vier Prozent der Kommentare auf der Pegida-Seite“, berichtet David Schlangen von der Universität Bielefeld. Das muss zwar nicht bedeuten, dass Pegida per se antisemitisch ist, deutet aber darauf hin, dass sich auch Antisemiten unter dem Dach Pegida finden.

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