November – wozu die ganzen Trauertage?
Leben & Lifestyle

November – wozu die ganzen Trauertage?

Bild: Foto: Markus Willimann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der November ist gespickt mit Totengedenktagen. Aber der Anlass geht an den Lebenden schnell vorbei – ein Kommentar zum November.

Die banalisierte Novembertrauer

Totensonntag, irgendwo auf einem Hamburger Friedhof: Eine kleine Gruppe Blechbläser gibt beliebtes Liedgut zum Besten. „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ trompetet es durch die Fenster der Anwohner hinein an die nachmittäglichen Kaffeetische, gefolgt von „Es ist ein Ros entsprungen“. Genau genommen beginnt die Adventszeit erst eine Woche später, genau genommen gehört der Totensonntag zu den so genannten stillen Feiertagen, an denen fröhliche Musikveranstaltungen untersagt sind. Aber immerhin handelt es sich um traditionelle Kirchenmusik. „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ stammt sogar aus der Feder Martin Luthers persönlich, und irgendwie soll der Feiertag ja auch nicht ganz unbemerkt verstreichen.

Das Ständchen wirkt ein wenig wie eine Verlegenheitsveranstaltung: Es ist schon gut und richtig, einen Feiertag für die Toten zu pflegen, schließlich gibt es jede Menge Verstorbene, deren Andenken wir gern bewahren möchten. Aber irgendwie fehlt die richtige Art des Gedenkens. Wie begeht man so einen Feiertag öffentlich? Zumal einen, der auf einen Sonntag fällt, also ohnehin arbeitsfrei ist, und damit die denkbar schlechtesten Chancen auf Wahrnehmung unter Nicht-Kirchgängern hat?

Diese Frage stellt sich im November gleich zweimal, denn der Sonntag vor Totensonntag ist seit 1952 offizieller Volkstrauertag. Anders als an ersterem geht es am Volkstrauertag nicht um alle Verstorbenen, sondern nur um solche, die durch Krieg und Gewaltherrschaft ihr Leben gelassen haben. Das macht den Volkstrauertag ungleich politischer, deshalb gibt es auch einen Gedenkspruch des Bundespräsidenten, eine Gedenkstunde im Bundestag und eine Kranzniederlegung, man flaggt auf Halbmast.

An der Masse der Bundesbürger droht aber auch dieser Feiertag vorbei zu gehen, so richtig aktiv gedenkt da niemand freiwillig. Wie auch? Es gibt zwar wahrlich genug Kriegstote und gewalttätige Regime auf der Welt, trotzdem gelingt es nicht, den Bogen vom grabesgrau und durch und durch tot anmutenden Volkstrauertag zu den machthungrigen Übeltätern im Hier und Jetzt zu schlagen. Das ist besonders deshalb schade, weil genau dieser Bogen nötig wäre, damit die ganzen Gedenktage den Zweck erfüllen, zu dem sie einmal geschaffen wurden: nämlich den Menschen die Möglichkeit zu geben, aus der Vergangenheit zu lernen.

Fühlen statt Gedenken: Novemberpogrome auf Twitter

Dass es auch anders geht, haben in diesem November fünf Historiker auf Twitter gezeigt. Ihr Ziel: an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern, die in diesem Jahr 75 Jahre zurückliegen – ein Zeitraum, in dem Erleben längst Geschichte geworden ist und Zeitzeugen selten sind. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger und hehren Worten über Weltfrieden daherzukommen, haben sie über den Twitter-Account @9Nov38 die Chronologie der Ereignisse des Novembers 1938 live „nachgestellt“, ganz so, als würde dies alles gerade jetzt stattfinden.

Das liest sich dann zum Beispiel am 9. November kurz nach 23 Uhr so: „In Aachen hört Alex Matthes Geräusche in seiner Bäckerei, er vermutet Einbrecher. Tatsächlich ist es die SA, die alles verwüstet.“ Vierzig Minuten später: „Die Synagoge in Fulda wird angezündet.“ Kurz nach 2 Uhr morgens dann unter anderem diese Meldung: „Oelde: Ein Mädchen wird im Schlafanzug auf die Straße getrieben und dort mit Stöcken geschlagen, bis sie zusammenbricht.“

Der Effekt, den diese Mitteilungen in der Twitter-Timeline zwischen den vielen banalen Alltagsmeldungen haben, ist zutiefst verstörend, und genau das ist auch beabsichtigt. Dagegen verblassen nicht nur schulische Geschichtslektionen, sondern auch jeglicher staatlich oder kirchlich verordnete Novembertrauergedenktag. Und schon ist er da, der Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart.

Falls ihr also, liebe Kirchen und staatliche Feiertagsbeauftragte, in Zukunft eure Gedenktage besser nutzen möchtet: Macht die Anlässe der Gedenktage nachvollziehbar, anstatt sie nur in konturlosen Trübsalswolken ungenutzt verdampfen zu lassen! Holt die Trauer ins Leben zurück! Dann klappt es auch mit dem Erinnern und Lernen.

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite