Organisierte Kriminalität: Die Mafia ist mitten unter uns
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Organisierte Kriminalität: Die Mafia ist mitten unter uns

Bild: Foto: Unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Die italienische Mafia agiert nicht nur in Italien - sondern auch bei uns. Verbrecherische Vereinigungen wie die berüchtigte 'Ndrangheta aus Kalabrien breiten sich bereits seit Jahrzehnten immer mehr in Deutschland aus. Mitten in der Bundesrepublik handeln sie im Verborgenen mit Drogen, waschen Geld und haben ihre Finger auch im Geschäft mit Lebensmitteln im Spiel.

Die Mafia treibt in der naiven Vorstellung des deutschen Bundesbürgers ihr Unwesen weit weg in Italien - oder vielleicht auch in Amerika. Dort spielen schließlich Filme wie "Der Pate", die uns die Welt des organisierten Verbrechens in schönster Hollywoodmanier präsentieren. Doch in Wahrheit ist die Mafia mitten unter uns.

Das hat erst kürzlich wieder eine Großrazzia in Deutschland und Italien gezeigt, bei der italienische Carabinieri gemeinsam mit deutschen Sicherheitskräften Anfang Januar insgesamt mehr als 160 mutmaßliche Kriminelle festnahmen. Die Aktion richtete sich gegen den sogenannten Farao-Clan der 'Ndrangheta - die derzeit mächtigste Mafiaorganisation Europas.

Von Italien bis ins Ausland

Die Wurzeln dieser stark durch Blutsverwandtschaft geprägten Vereinigung liegen in der süditalienischen Region Kalabrien und reichen bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück. In ihren Anfangszeiten verdienten sich die Mafiosi vornehmlich mit Entführungen und Erpressungen ihr Geld.

Doch ab den 1960er Jahren weiteten sie ihren Einfluss nach Norditalien und schließlich auch ins Ausland aus. Zu Entführungen und Erpressungen gesellten sich allmählich weitere "Geschäftsmodelle" hinzu: Drogenhandel, Prostitution, Geldwäsche, Verschiebung von Giftmüll und Verwicklungen mit der Politik - dabei schreckten die Mitglieder der 'Ndrangheta auch vor Morden nicht zurück.

Aus Rückzugsort wird Machtzentrum

Deutschland war lange Zeit nur ein Rückzugsort für Mafiosi, die sich Festnahmen oder Familienfehden in der Heimat entziehen wollten. Doch nach und nach begannen 'Ndrangheta-Gruppierungen wie der Farao-Clan, auch ihre dubiosen Geschäfte hierzulande abzuwickeln. Zunächst in Sachen Drogen: Bereits in den 80er Jahren schmuggelten Mitglieder Heroin und Kokain in die Bundesrepublik.

Später wurde auch die Geldwäsche mehr und mehr zu uns verlagert: Man investierte in Immobilien, Eisdielen und italienische Restaurants, um Gewinne aus illegalen Machenschaften zu verschleiern. Aktuell rechnen Ermittler laut Informationen des Recherchezentrums "Correctiv" etwa fünfzehn Eisdielen und Restaurants in Deutschland allein dem Farao-Clan zu - wie viele Lokale die Mafiosi hierzulande wirklich besitzen, liegt im Dunkeln.

Dubioses Geschäft mit Lebensmitteln

Die Lebensmittelbranche dient den Kriminellen jedoch nicht nur zur Tarnung von Kokainschmuggel und Co. Sie kontrollieren in Deutschland auch den Handel von Produkten aus ihrer kalabrischen Heimat und zwingen anderen italienischen Restaurants Wein, Zitrusfrüchte, Olivenöl und Zutaten für Pizza auf, wie die aktuellen Ermittlungen gezeigt haben.

Um eigene Produkte an den Mann zu bringen, bedient sich der Farao-Clan einer perfiden Methode: Er liefert Lebensmittel aus der süditalienischen Region an Gastronomen - ohne, dass diese die Produkte bestellt hätten. Anschließend statten die Mafia-Mitglieder den betroffenen Restaurants einen unschönen Besuch ab und erpressen die Bezahlung der Waren.

Die Pizzeria-Morde von Duisburg

Ihre Geschäfte zog die Mafia in Deutschland viele Jahre weitestgehend ungestört von Polizei und Justiz - und unbemerkt von der Öffentlichkeit durch. Spätestens nach den spektakulären Pizzeria-Morden in Duisburg, bei denen im August 2007 sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant erschossen wurden, musste die Präsenz der kalabrischen Mafia jedoch zur Kenntnis genommen werden.

Hintergrund der Tat war die Fehde zweier verfeindeter 'Ndrangheta-Familien. Im Zuge der diesbezüglichen Ermittlungen wurde klar, dass sich diese Mafiaorganisation längst in der Bundesrepublik breitgemacht hatte und in Nordrhein-Westfalen ebenso wie in südlichen Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern über feste Stützpunkte verfügte.

Aktiv im Westen und Süden

Bis heute leben die meisten Mitglieder und Unterstützer der 'Ndrangheta im Westen und Süden des Landes. Nach Angaben des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2014 sind rund 280 mutmaßliche Mitglieder der Organisation aus Deutschland bekannt. Deutsche sind keine darunter. Denn als eine Regel der Mafiavereinigung gilt, dass man unter sich bleibt. Auch die Opfer, die von den Mafiosi erpresst werden, sind meist Menschen, die ursprünglich aus Italien stammen.

Von deutschen Unternehmern haben sich die Kriminellen - abgesehen von wenigen Ausnahmen - bislang ferngehalten. Doch wird das auch in Zukunft so bleiben? Nicht unbedingt, sagte der auf die Geschichte der Mafia spezialisierte Historiker Enzo Ciconte von der Universität Pavia kürzlich dem Nachrichtensender "n-tv".

"Gefährliche Befangenheit"

Zwar seien die deutschen Ermittler und Sicherheitskräfte inzwischen wachsamer geworden. Nichtsdestotrotz bestehe weiterhin ein unterschwelliger Widerstand zuzugeben, dass die Mafia auch hierzulande Wurzeln geschlagen hat. Diese Befangenheit sei gefährlich - und könnte eine weitere Ausbreitung des organisierten Verbrechens "Made in Italy" fördern. Doch die 'Ndrangheta und andere in Deutschland agierende Mafiavereinigungen lassen sich nur stoppen, wenn sie schonungslos und geschlossen bekämpft werden - so wie bei den Razzien Anfang des Jahres.

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